Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

"In Ordnung", sagt die Wertpapierberaterin und drückt die Freigabetaste. Ein paar Sekunden später ist der Auftrag am Frankfurter Parkett: Vierzig VW-Aktien will ihr Kunde kaufen. Die Order liegt nicht lange, VW-Aktien werden rasch umgesetzt. Der Kunde erhält die Kaufbestätigung quasi sofort. Vierzig VW-Aktien, die irgendjemand verkauft hat. Von irgendeiner Bank. Doch das spielt kaum eine Rolle, jedenfalls seitdem es die Aktien nicht mehr in Papierform, sondern nahezu nur noch elektronisch gibt.

Aber irgendwie müssen die Aktien ihre Besitzer doch wechseln? Irgendwie müssen die beteiligten Banken untereinander abrechnen, und der Käufer muss dem Verkäufer das Geld für die VW-Aktien geben. Und irgendjemand muss den Überblick behalten über die Tausende Wertpapiergeschäfte, die jeden Tag abgeschlossen werden.

Heutzutage, im Zeitalter des Glasfaserkabels, funktioniert das fast vollautomatisch. Die Wertpapierberaterin füllt nicht mehr wie früher einen Orderzettel aus, den sie vor Ort in die Erfassungsabteilung gibt, von wo aus die Order dann in die Bankzentrale geht, ehe sie endlich beim Makler landet. Die Wertpapierberaterin tippt den Auftrag direkt ins System und ab gehts per Tastendruck zum gewünschten Handelsplatz. Ohne große Umschweife taucht die Order auf dem Bildschirm eines der vielen Kursmakler auf oder, falls der Kunde das vollelektronische Handelssystem vorzieht, in den Dateien von Xetra.

Schnell wie der Blitz

Hier wie dort dauert es in der Regel wenige Sekunden, manchmal ein paar Minuten, bis ein Handelspartner gefunden und der Auftrag ausgeführt ist. Nun passiert die Order die jeweilige Abrechnungsstelle der Bank. Bei der Deutschen Bank beispielsweise ist das die ETB, die European Transaction Bank, die Direkt Anlage Bank (DAB) arbeitet mit der Financial Market Service Bank, kurz FMS-Bank zusammen. Ein riesiger Maschinenpark sorgt dafür, dass der Kunde das Geld zahlt oder bekommt, dass die Papiere ins Depot ein- oder aus dem Depot ausgebucht werden.

Den Abrechnungskurs erfährt der Kunde sofort. De jure ist das Geschäft zwar erst getätigt, wenn der Anleger die schriftliche Bestätigung seiner Bank in Händen hält. In der Praxis ­ am Beraterplatz in der Bank oder am Wohnzimmerbildschirm ­ spielt das keine Rolle. De facto kann der Kunde, wenn er weiß, wie seine alten Geschäfte ausgegangen sind, neue in Angriff nehmen.

Unterdessen bereitet das Abrechnungssystem der deutschen Börsen, Clearstream, die Abrechnung zwischen den an den Wertpapiergeschäften beteiligten Banken vor. Am Ende des Tages zieht Clearstream Bilanz, schaut, welches Institut wie viele Aktien von welchem Unternehmen gekauft und verkauft hat und stellt die Rechnung aus. Die Kunden der DAB haben vielleicht mehr VW-Aktien abgestoßen als geordert, in diesem Fall bekommt die DAB Geld von Clearstream. Haben zum Beispiel die Kunden der Deutschen Bank unterm Strich mehr VW-Aktien gekauft als verkauft, belastet Clearstream das Konto der Deutschen Bank.

Die Aktien werden, anders als früher, in den Computerdepots hin- und hergeschoben. Vor wenigen Jahren noch beförderten Mitarbeiter Aktienurkunden bergeweise von einem Lagerraum in den anderen, je nach dem, welches Institut den Tag über mehr eingekauft als veräußert hatte. Im Tresor nebenan lagen die Kupons für die Dividenden. War Zahltag, rückten die Mitarbeiter der Sammelstelle den Dividendenscheinen mit Papiersägen zu Leibe. Mittlerweile werden Aktien als so genannte effektive Stücke bloß noch in Ausnahmefällen ausgeliefert. Etwa an Männer, die sich gern Beate-Uhse-Papiere an die Wand hängen. Oder an Großeltern, die ihren Enkelkindern etwas Nettes mit Lerneffekt zum Geburtstag schenken wollen.

Effektive Stücke für die Steuer

Es gibt auch Kunden, die sich die Aktien zwar nicht persönlich, so jedoch an ihr Institut aushändigen lassen. Früher war das Usus. Da ruhten die Aktien gebündelt im Tresor der Bank. Zusammengehalten wurden sie von einem Papierstreifen, auf dem die Stückzahl und der Name des Bündelbesitzers stand ­ entsprechend nannte sich diese Art der Aktienaufbewahrung Streifbanddepot.

Die Methode ist aufwendig und daher teuer. Allerdings kann der Anleger, anders als bei der üblichen Girosammelverwahrung, beim Streifband nachweisen, wann er verkaufte Papiere gekauft hat ­ was die Berechnung der Spekulationssteuer mitunter deutlich erleichtert. Der Kunde mit den vierzig VW-Aktien hat solche Probleme noch nicht. Es war sein erstes Aktiengeschäft.

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