ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Vor allem die Besitzer von Aktien achten gespannt auf das, was Wim Duisenberg und Alan Greenspan tun ­ oder nicht tun. Am liebsten ist es ih-nen, wenn Duisenberg, Chef der Europäischen Zentralbank, oder Greenspan, Boss der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die Leitzinsen senkt, weil dann die Kurse ihrer Papiere steigen. Auch für die Wirtschaftsminister sind Zinssenkungen Grund zum Jubeln: Niedrige Sätze kurbeln die Wirtschaft an. Doch haben gerade die Notenbanker in Europa bei ihren Zinsentscheidungen weniger Aktienkurse und Konjunktur im Auge. Sie interessiert vor allem, wie schnell die Preise steigen. Der EU-Vertrag legt als alleiniges geldpolitisches Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) stabile Preise fest. Zum Auftrag der US-Notenbank gehört es dagegen, für geringe Inflation und Wachstum zu sorgen.

Der Zins bestimmt den Rest

Wichtigstes Instrument der Zentralbanker, den Preisanstieg gering zu halten, sind Zinssätze. Sie legen die Zinsen fest für das Geld, das Geschäftsbanken bei der Zentralbank ausleihen und einzahlen, die Leitzinsen eben. Mit ihren Zinsentscheidungen stecken die Zentralbanken den Rahmen ab für die Zinsen auf dem Kapitalmarkt. Denn wenn sie den Geschäftsbanken preiswert Kredit gewähren, geben die das Geld auch billiger ­ also gegen niedrigere Zinsen ­ an ihre Kunden weiter. Das billige Geld wiederum bringt Schwung in die Wirtschaft: Für Firmen wird es günstiger, Kredite für Investitionen aufzunehmen. Man baut neue Fließbänder und Maschinen auf, stellt neue Mitarbeiter ein.

Weil Unternehmen für die Kredite weniger Zinsen zahlen müssen und sich mit den Investitionen zudem für die Zukunft rüsten, steigen ihre Gewinnaussichten. Anteile an einem solchen Unternehmen werden attraktiver. Folglich wächst das Interesse an Unternehmensanteilen. Ihre Preise ­ die Aktienkurse ­ steigen.

Die Reaktion des Kapitalmarkts

Niedrige Zinsen puschen auf der einen Seite zwar die Aktien, auf der anderen versalzen sie andere Anlagen. Denn die Geschäftsbanken können bei der Zentralbank nicht nur Geld ausleihen, sie können es kurzfristig auch bei ihr anlegen. Zahlt die Zentralbank dafür nur wenig Zinsen, ist das kaum lohnenswert. Geld zu haben, zahlt sich für die Banker also weniger aus. Folglich geben sie Anlegern auch weniger Zinsen für festverzinsliche Papiere.

Lange haben die Zentralbanken in Europa und den USA an hohen Zinssätzen festgehalten. Besonders die Deutsche Bundesbank war für ihren "harten" Kurs berüchtigt. Ihr Hauptargument: Niedrige Zinsen könnten die Preise steigen lassen. Denn wenn Geld wenig kostet, passiert das gleiche wie bei fallenden Benzinpreisen: Die Nachfrage und auch die abgesetzte Menge steigen. Für die Notenbanken heißt das: Die Geldmenge wächst. Und das bedeutet, dass das Geld an Wert verliert ­ für einen Euro gibts weniger zu kaufen, Inflation.

Doch auch hohe Leitzinsen haben ihre Tücken: Sind die Sätze zu hoch, lassen sie den Wert des Geldes übertrieben steigen. Die Nachfrage nach Krediten und der Konsum sinken, die Preise fallen ­ und das kann die Konjunktur bremsen: Denn bei fallenden Preisen erwirtschaften die Unternehmen weniger Gewinn mit ihren Produkten, sie investieren weniger, müssen vielleicht sogar Leute entlassen.

Zartes Pflänzchen Konjunktur

Geldpolitik ist ein Balanceakt. Setzen die Zentralbanken ihre Leitzinsen zu hoch an, würgen sie die Konjunktur ab. Senken sie den Zins zu weit, explodieren die Preise. So schmal der Grat ist, auf dem die obersten Banker wandern, so dünn sind auch die Grundlagen ihrer Entscheidungen. Denn zum einen lässt sich schwer voraussagen, ob die Preise steigen werden. Zum anderen wirken die Zinsschritte nicht sofort, sondern erst nach mehreren Monaten. Viel Zeit verstreicht zwischen Problem und Lösung.

Zusätzliches Ungemach droht Zentralbankern bei Zinssenkungen vom Devisenmarkt, wo ihre Währung gegen ausländisches Geld getauscht wird. Denn weltweit fließt Kapital dahin, wo mehr Zinsen gezahlt werden. Kapitalabflüsse aber lassen den Wert einer Währung fallen. Das wiederum verteuert die Importe ­ ein weiteres Inflationsrisiko. Ergo: Mit den Anlegern gut Freund zu sein, ist bei weitem nicht das größte Problem von Greenspan, Duisenberg & Co. Und wenn die Börsianer die Zinssenkung geahnt und in ihren Kauf- und Veraufsorders schon berücksichtigt haben, verpufft die Wirkung von Zinssenkungen ohnehin.

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