ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Der Dollar fällt und im Gegenzug klettert der Kurs des Euro. Im Jahr 2003 gewann der Euro über 20 Prozent hinzu. Dieses währungspolitische Spektakel, das sich in diesem Sommer fortsetzen könnte, hat mehrere Gründe.

Einer davon ist nach Meinung vieler Experten die unterschiedliche Entwicklung der Leistungsbilanzen in den USA, in Euroland und Deutschland. Grob gesagt, erfasst die Leistungsbilanz die Geschäfte einer Volkswirtschaft mit dem Ausland.

Die Währung

Wie ernst Banken und Devisenhändler diese Kennzahl nehmen, zeigt ein Blick auf die Entwicklung des amerikanischen Dollar: Er galt viele Jahrzehnte lang als die globale Leitwährung und hat diese Stellung nun möglicherweise eingebüßt. Seit dem Frühjahr 2002 scheint er als Fluchthafen für schlechte Zeiten ausgedient zu haben. Die Europäische Zentralbank (EZB) erklärt das mit der schwachen US-Leistungsbilanz.

Im Jahr 2003 betrug das Minus fast 550 Milliarden US-Dollar, umgerechnet etwa 450 Milliarden Euro. Das ist wie im richtigen Leben: Jemand, der dauerhaft über seine Verhältnisse lebt, verliert das Vertrauen seiner Geldgeber. Und je weniger Investoren Geld in die USA bringen, desto schwächer wird der Kurs des Dollar.

Dagegen liegt die Leistungsbilanz der Europäischen Währungsunion im Plus, fast 30 Milliarden Euro blieben unterm Strich in der Euro-Kasse. Die Bundesrepublik erzielte sogar einen Überschuss von fast 50 Milliarden Euro.

Die Gliederung der Bilanz

Wichtigster Posten in der Leistungsbilanz eines Landes ist der Außenhandel. Die Bundesrepublik führte 2003 viel mehr Autos, Maschinen und andere Waren aus, als sie in anderen Ländern einkaufte. Es blieb ein Plus von 129,6 Milliarden Euro – Weltklasse.

Zur Leistungsbilanz gehören jedoch auch noch andere Faktoren, zum Beispiel Dienstleistungen. Dahinter verbergen sich vor allem Reisen ins Ausland. Da die Bundesbürger nicht nur besonders urlaubsfreudig sind, sondern auch etwa die Hälfte ihrer Fahrten ins Ausland machen, bekommt dies der deutschen Leistungsbilanz schlecht. 34,8 Milliarden Euro gab der deutsche Michel im Ausland mehr aus, als italienische, französische und amerikanische Touristen zwischen Flensburg und Freiburg lockermachten.

Zwei weitere Faktoren belasten die deutsche Leistungsbilanz. Dabei geht es vor allem um Finanzgeschäfte. Der eine Teil dieser Geschäfte ist in der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen dargestellt. Dieser Posten erfasst Zinsen, Dividenden und Pachtzahlungen.

Dazu zählen zum Beispiel die Zinsen, die eine Anlegerin aus der Schweiz für ihre Bundesanleihen bekommt, oder die Dividenden, die ein US-Konzern für seine Siemens-Aktien kassiert. Auch Kapitaleinkünfte, die nach Deutschland fließen, werden berücksichtigt. Unterm Strich bleibt jedoch ein Abfluss von 12 Milliarden Euro.

Ebenfalls um Finanztransaktionen geht es in der Bilanz der laufenden Übertragungen. Hierzu zählen Überweisungen an internationale Organisationen wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen. Deutschland ist reich und deshalb ein Zahler- und kein Zahlungsempfängerland. Aus diesem Grund ist auch diese Teilbilanz der Leistungsbilanz negativ. Das Minus beträgt knapp 29 Milliarden Euro.

Belastet wird die Bilanz der laufenden Übertragungen auch dadurch, dass türkische, polnische oder italienische Beschäftigte Geld an ihre Angehörigen in der Heimat schicken.

Per Saldo bleiben vom Außenhandelsüberschuss in der bundesdeutschen Leistungsbilanz noch rund 50 Milliarden Euro übrig.

Das internationale Kapital

Jeder private Haushalt würde sich über einen solchen Gewinn freuen. In Volkswirtschaften ist dies jedoch nur teilweise der Fall. Indem Deutschland mehr aus- als einführt, exportiert das Land Wohlstand. Die Deutschen nutzen ihr Vermögen nicht, um zu konsumieren, sondern legen ihr Geld an – etwa in den USA.

Die Amerikaner haben in den neunziger Jahren davon profitiert. Damals füllten Kapitalinvestitionen und Kredite aus aller Welt ihr notorisches Minus in der Leistungsbilanz auf. Das heizte die Konjunktur mächtig an und zog weitere Investitionen nach sich: Schließlich waren mit amerikanischen Aktien gute Gewinne zu machen. Die starke US-Wirtschaft kurbelte auch die Konjunkturen in Europa oder Asien an.

Doch Amerika lebt auf Pump. Wie im privaten Leben kann das einige Zeit ganz komfortabel sein, langfristig muss das Land seine Schulden aber zurückzahlen.

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