ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Eine Sache verkaufen, die man gar nicht sein Eigen nennt? Was im normalen Wirtschaftsalltag undenkbar erscheint, ist an der Börse gang und gäbe.

Und so funktionierts: Der Kunde leiht sich gegen Gebühr von seiner Bank Aktien und verkauft sie umgehend. Weil ihm die Aktien gar nicht gehören, wird dieser Teil des Geschäfts Leerverkauf genannt - im angelsächsischen Raum Shortselling. Der Leerverkäufer spekuliert darauf, die Aktien zu niedrigeren Kursen zurückkaufen zu können, ehe er sie der Bank zurückgeben muss. Geht sein Kalkül auf, steckt er den Differenzbetrag zwischen Verkaufs- und Kaufpreis als Gewinn in die eigene Tasche.

Leerverkäufe gehören für Fondsmanager zum normalen Handwerkszeug und sind zum Beispiel für so genannte Hedgefonds, die oft verschiedenste Anlagekonzepte kombinieren, unentbehrlich. Sie fangen mit Leerverkäufen zum Beispiel die Verluste auf, die sie bei Kurseinbrüchen mit anderen Geschäften machen.

Shortseller im Zwielicht

Jahrelang nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz davon. Erst in jüngster Zeit sind die Shortseller ins Gerede gekommen - erst recht, seit Spekulationen über dubiose Finanztransfers in Zusammenhang mit den Terroranschlägen in den USA aufkamen. Die Möglichkeit, dass terroristische Zirkel an der Katastrophe verdient haben könnten, lässt nicht nur Börsenskeptiker schaudern. Der Verdacht: Im Vorfeld könnten Terroristen in der Gewissheit sinkender Kurse Aktien von Fluggesellschaften und Versicherungen leer verkauft haben, um sie später billiger zurückzukaufen. Nicht nur Banken, auch Versicherungen oder Fondsgesellschaften verleihen Aktien gegen Gebühr. Sie können auf diese Weise mit den Papieren, die sie ohnehin im Depot haben, zusätzliches Geld verdienen. In normalen Zeiten sind Leerverkäufer auch durchaus gern gesehen. Schließlich sorgen sie für zusätzliche Umsätze ­ und eine rege Handelstätigkeit ist nun einmal das Lebenselixier der Börse.

Probleme bereitet das Shortselling dagegen in hartnäckigen Schwächephasen der Aktienmärkte: Leerverkäufe sind dann eine der wenigen Möglichkeiten, an der Börse ohne großes Risiko Geld zu verdienen. Der bestehende Abwärtstrend wird durch die renditeträchtigen Leerverkäufe verstärkt und beschleunigt. Es entsteht ein Sog, der die Aktienkurse am Ende in völlig irrationale Tiefen ziehen kann.

Das Nachsehen hat der Kleinanleger, der beim Shortselling "außen vor" bleibt, aber dessen Auswirkungen schmerzhaft auf dem Depotauszug sieht. In Deutschland hat Otto Normalanleger nämlich keine Möglichkeit, als Shortseller aufzutreten. Allenfalls Halbprofis - im Börsenjargon "Heavy Trader" genannt - können sich über bestimmte Brokerfirmen ( zum Beispiel Sino: www.sino.de ) an dieser Finanzspekulation beteiligen.

In den USA hingegen mischen die Hobbybörsianer längst kräftig mit. Das Shortselling wird dadurch noch brisanter - vor allem in Verbindung mit dem Internet. Nichts ist für ruchlose Zocker verlockender, als eine wenig gehandelte Aktie zunächst leer zu verkaufen und das Unternehmen postwendend in Onlinechats madig zu machen. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Kleinanleger ins Bockshorn jagen und verschleudert die Anteile an der vermeintlich unattraktiven Firma. Dann können die Zocker billig einsteigen.

Verspekuliert

Bleibt als Trost die Tatsache, dass sich auch Leerverkäufer oft genug verspekulieren. Da sie die entliehenen Aktien zu einem festen Termin zurückgeben müssen, läuft ihnen bei steigenden Kursen die Zeit davon. Dann kommt es zum so genannten Shortsqueeze ­ Börsianerlyrik für das Platzen einer Leerverkaufsblase: Die geplagten Leerverkäufer wechseln massenhaft auf die Käuferseite und treiben dadurch die Kurse unentwegt nach oben. Mitunter entsteht sogar eine Kaufpanik, die extreme Kurssprünge auslöst.

Börsenaufsicht greift durch

Welch hohen Stellenwert die Leerverkäufe im Börsenalltag inzwischen einnehmen, zeigte auch die Reaktion der US-Börsenaufsicht nach den Terroranschlägen: Zur Wiedereröffnung der US-Börsen nach der attentatsbedingten Schließung wurde die Möglichkeit des Shortsellings stark eingeschränkt. Spekulanten sollten nicht die Möglichkeit haben, sich risikolos zu bereichern. Bitterer Beigeschmack: Wenn Terroristen bereits im Vorfeld als Leerverkäufer aktiv waren, hätte diese Maßnahme nicht mehr getroffen.

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