ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema:

Irgendwie muss die ganze Sache mit dem Wetter zusammenhängen: Von "Flaute" der Konjunktur ist die Rede in den Wirtschaftsnachrichten wie im Wetterbericht für Seefahrer, davon, dass die Konjunktur "sich abkühlt" oder wahlweise auch davon, dass sie "überhitzt" sei. Alle Wortschöpfungen, die sich um die Konjunktur ranken, versuchen dabei, das Phänomen anschaulich zu machen, dass Volkswirtschaften über die Jahre immer wieder unterschiedlich schnell wachsen.

Der Gesamtwert aller Güter, die in einer Volkswirtschaft produziert werden, und aller Dienstleistungen, die in ihr erbracht werden, steigt grundsätzlich über die Jahre an. Auf lange Sicht ergibt sich so ein stabiler Wachstumspfad. Bei genauerem Hinsehen wirkt die Kurve, die die gesamte wirtschaftliche Leistung eines Landes abbildet, aber eher wie eine Schlangenlinie: Mal zeigt sie steil nach oben, dann wiederum steigt sie gar nicht, mitunter zeigt sie sogar an, dass die Gesamtleistung der Wirtschaft schrumpft.

Launisch wie das Wetter

Jede Abweichung vom langfristigen Trend führt zu Problemen in der Wirtschaftspolitik: Denn wenn die Wirtschaft langsamer wächst, als es der langfristige Trend vorsieht, wird weniger produziert, als eigentlich möglich wäre. Mehr Menschen als notwendig sind arbeitslos, irgend etwas hemmt das Wirtschaftswachstum ­ vielleicht unnötig.

Doch auch Boomphasen mit nahezu ungebremstem, überdurchschnittlichem Wachstum können ihre Schattenseiten haben: Beispielsweise neigen Unternehmen wie Privatleute dazu, im Vertrauen auf einen Boom Kredite aufzunehmen, die sie nur noch schwer zurückzahlen können, wenn die Wirtschaft wieder langsamer wächst. Stabilität des Wirtschaftswachstums gilt deshalb als eines der obersten wirtschaftspolitischen Ziele. Darüber, was wann für ein stabiles Wachstum zu tun sei, lässt sich allerdings trefflich streiten: Denn für Flauten sind diverse Erklärungen denkbar: Die privaten Konsumenten halten sich in den Läden zu sehr zurück. Oder der Export stockt wegen ungünstiger Wechselkurse oder weil wichtige Abnehmerländer selber mit in der Krise stecken. Oder die Unternehmen investieren zu wenig, weil es ihnen rentabler erscheint, ihr Geld auf der Bank zu lassen als neue Produktionsanlagen zu bauen. Und schließlich: Der Staat gibt zu wenig Aufträge an die Wirtschaft ­ etwa für neue Straßen oder Gebäude.

Das Barometer hilft weiter

Wie stark Konsum, Export, Unternehmen und Staat das Auf und Ab des Wirtschaftswachstums beeinflussen, ist von Land zu Land verschieden. So gilt in den USA das "Verbrauchervertrauen" als ein wesentlicher Indikator. Je positiver die Verbraucher die Lage einschätzen, desto mehr werden sie künftig für neue Schuhe, Autos oder Wohnhäuser ausgeben, so die Argumentation. Die Einkäufe der Privatleute gelten in den USA als wichtiger Wachstumsmotor.

In Deutschland spielt die produzierende Wirtschaft eine wichtigere Rolle. Hier liefern unter anderem der Geschäftsklima-Index des Münchner Ifo-Instituts oder die Erhebungen des Deutschen Industrie- und Handelstages Anzeichen für künftige konjunkturelle Entwicklungen. Die Umfragen versuchen, die Investitionsneigung der Wirtschaftslenker zu messen.

Schwierige Prognosen

Interessant für Anleger sind diese Informationen, weil sie erkennen lassen, ob der Wirtschaft allgemein ein langsameres oder schnelleres Wachstum bevorsteht. Verschiedene Branchen sind unterschiedlich schnell von anziehender oder nachlassender Konjunktur betroffen: Die Gewinnaussichten von Handelsunternehmen und Herstellern von Konsumgütern beispielsweise hängen unmittelbar von der Konjunktur ab. Produzenten von Investitionsgütern ­ etwa Maschinenbaukonzerne ­ bekommen das Auf und Ab dagegen oft erst mit Verzögerung zu spüren. Im Abschwung zehren sie von Aufträgen aus guten Zeiten. Im Aufschwung aktivieren ihre Kunden dagegen erst einmal freie Kapazitäten, ehe sie in neue Maschinen investieren.

Anleger sollten bei Investments die Konjunktur stets bedenken. Der Haken: Selbst Experten streiten oft genug, ob nur eine Delle in der Wachstumskurve oder ein kräftiger Rückgang bevorsteht. Vorhersagen über die konjunkturelle Entwicklung scheinen ähnlich verlässlich wie Wetterprognosen. Das zumindest haben Konjunktur und Wetter wirklich gemein.

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