Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

„Kapitalerhöhung“: Aktionäre sollten ihre Ohren gut spitzen, wenn im Zusammenhang mit einem „ihrer“ Unternehmen dieser Begriff fällt. Er kann nämlich zweierlei bedeuten: Chance und Krise.

Frisches Geld

Bei einer Kapitalerhöhung gibt eine ­Gesellschaft neue Aktien aus und erhöht so ihr Eigenkapital. Der Aktionär weiß nun, dass die Gesellschaft frisches Geld benötigt. Wichtig ist, wofür das Unternehmen das Geld haben will. Daran kann er ablesen, wie es um sein Investment bestellt ist.

Die Möglichkeiten der Unternehmen, das frische Geld auszugeben, sind mannigfaltig. Schuldenabbau ist eine davon. Die France Télécom zum Beispiel pumpte im Frühjahr das Geld aus der Ausgabe junger Aktien in ihr 68 Milliarden Euro tiefes Schuldenloch. Schuldenabbau ist gut, befand der Markt, und der Kurs stieg in der Folge um rund 17 Prozent.

Ein weiterer Grund ist der Expan­sionshunger. Eine bis 2005 laufende Kapitalerhöhung soll die Tui AG in die Lage versetzen, auf Schnäppchenjagd im Reisegewerbe zu gehen.

Eine Kapitalerhöhung bedeutet aber nicht immer Gutes. Es kann durchaus vorkommen, dass Anleger nach der Kapitalerhöhung einer Aktiengesellschaft, deren Anteile sie halten, ihre Investition ganz oder teilweise als Verlust abschreiben müssen. Auch noch so saftige Kapitalerhöhungen haben manches Unternehmen letztlich nicht vor der Pleite bewahrt. Die letzte Kapitalerhöhung der Cargolifter AG im Jahr 2001 ist ein solches Beispiel. Keine zwei Jahre danach ging der Gesellschaft die Luft aus.

Formen der Kapitalerhöhung

Einer Kapitalerhöhung müssen die Aktionäre zustimmen. In der Regel haben die Kleinanleger dabei nichts zu melden, weil die größeren Anteile des Grundkapitals von institutionellen Anlegern, also Banken und Fonds, gehalten werden.

Bei der ordentlichen Kapitalerhöhung gibt das Unternehmen Aktien aus und erhält dafür Bargeld, manchmal auch Sachwerte wie Grundstücke. Die Höhe der Emission ist nicht begrenzt. Der Preis der jungen Aktien muss laut Aktiengesetz mindestens dem Nennwert der Aktie entsprechen. Die Obergrenze ist der Börsenkurs der Altaktie am Tag der Ausgabe.

Meistens ruft die AG ihre Mitglieder nicht erst dann zusammen, wenn sie das Geld tatsächlich braucht, sondern lässt sich Kapitalerhöhungen auf fünf Jahre im Voraus genehmigen. Fachleute sprechen dann von genehmigtem Kapital. Diese Finanzierung erlaubt dem Vorstand, zum günstigsten Zeitpunkt Aktien auf den Markt zu bringen, um Geld zum Beispiel für einen Unternehmenskauf in die Kasse zu spülen.

Bei der bedingten Kapitalerhöhung hängt die Höhe der Emission davon ab, inwieweit die Anleger von Umtausch- oder Bezugsrechten Gebrauch machen. Die Unternehmen geben dann nämlich nicht direkt Aktien aus, sondern lediglich Anrechte auf den späteren Erwerb der Papiere.

Drei Spielarten gibt es hier: Anleger erwerben eine Wandelschuldverschreibung oder eine Optionsanleihe und damit das Recht zum Tausch oder zum Bezug von Aktien. Außerdem können Umtausch- und Bezugsrechte Anlegern gewährt werden, wenn zwei Unternehmen in einer neuen Gesellschaft aufgehen sollen. Die dritte Variante ist die Ausgabe von Belegschaftsaktien.

Bei der Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln wandelt das Unternehmen Gewinnrücklagen in Anteilscheine um. Die Aktionäre erhalten die neuen Aktien entsprechend der Höhe ihrer Beteiligung ohne Zuzahlung.

Bezugsrechte

Mit der Kapitalerhöhung steigt die Zahl der Unternehmensanteile und das Gewicht des einzelnen Papiers sinkt. Altaktionäre besitzen deshalb in der Regel ein Bezugsrecht auf die jungen Aktien. So können sie sicherstellen, dass ihr prozentualer Anteil am Grundkapital derselbe bleibt.

Die jungen Aktien sind oft deutlich billiger zu haben, als die alten vor der Kapitalerhöhung wert waren. Für die so ausgelöste Verwässerung des Kurses wird der Altaktionär mit dem Bezugsrecht entschädigt.

Übt er es nicht aus, kann er es verkaufen. Der rechnerische Wert ergibt sich aus der Differenz zwischen dem alten Aktienkurs und dem neuen, niedrigeren Kurs unter Berücksichtigung des Bezugsverhältnisses. Besteht ein hohes Interesse an den neuen Aktien, kann das Bezugsrecht an der Börse auch mehr als den rechnerischen Wert einbringen.

Aktionäre, denen eine Gesellschaft die Kapitalerhöhung mitteilt und ein Bezugsangebot unterbreitet, haben mindestens zwei Wochen Zeit, sich zu entscheiden.

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