ABC für Anleger Meldung

In Deutschland können die Unternehmen ­zwischen drei Bilanzierungsstandards wählen.

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Die Saison der Jahreshauptversammlungen ist im vollen Gang: In den kommenden Wochen ziehen unter anderem EMTV und Heidelberger Druck Bilanz und präsentieren ihren Jahresabschluss. Er stellt die Vermögens- und Finanzlage des Unternehmens zu einem bestimmten Stichtag dar.

Die Firmen dürfen nach unterschiedlichen Regeln Bilanz ziehen. Seit 1998 dürfen sie ihren Jahresabschluss wahlweise nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) oder nach einem der internationalen Bilanzierungsstandards erstellen. Zur Auswahl stehen der US-amerikanische Standard „United States Generally Accepted Accounting Principles“ (US-GAAP) oder die „International Accounting Standards“ (IAS).

Dieses Wahlrecht lässt die Leser von Bilanzen verzweifeln. Denn die verschiedenen Regelsysteme führen zu unterschiedlichen Abschlusszahlen.

Im Geschäftsjahr 2000 stellte etwa der Volkswagen-Konzern von HGB auf IAS um und musste für das Jahr 2000 zwei Jahresabschlüsse erstellen. Das Eigenkapital des Konzerns betrug in der HGB-Bilanz 9,8 Milliarden Euro, in der IAS-Bilanz des gleichen Geschäftsjahrs 20,9 Milliarden Euro.

Der Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse ist, dass Zweck und Ausrichtung der Jahresabschlüsse nach verschiedenen Standards nicht die gleichen sind. In den Bilanzvorschriften des HGB steht der Gläubigerschutz im Vordergrund. US-GAAP und IAS wollen in erster Linie Anleger und potenzielle Investoren informieren. Hier versuchen die Unternehmen nicht, sich für die Steuer armzurechnen, sondern für den Kapitalmarkt herauszuputzen.

Das HGB fußt auf dem Vorsichts-prinzip: Im Zweifel sind Vermögensgegenstände in der Bilanz niedriger zu bewerten. Eine besondere Eigenart des HGB ist der Umgang mit Gewinnen. Sie dürfen erst im Jahresabschluss ausgewiesen werden, wenn sie auch im Sinne des HGB zum Bilanzstichtag „realisiert“ sind. Ein Gewinn entsteht nach deutschem Recht erst, wenn ein Produkt hergestellt und in die Hände des Kunden übergegangen ist.

Bei US-GAAP und IAS dagegen tauchen die Gewinne im Jahresabschluss auf, sobald sie als „realisierbar“ gelten. Schon der Abschluss eines langfristigen Produktionsauftrags, etwa beim Flugzeugbau, kann dazu zählen. Die Rechnungslegung soll ein realistisches Bild von der Finanzkraft eines Unternehmens geben.

Oberstes Gebot ist dabei die „Fair Presentation“. Es gibt außerdem Werte, die nach dem HGB gar nicht in die Bilanz gehören, bei US-GAAP und IAS dagegen Pflicht sind. Hierzu zählen selbst geschaffene immaterielle Vermögenswerte wie etwa Softwarelizenzen.

Kritik am Handelsgesetzbuch

Anhänger internationaler Bilanzierungsstandards kritisieren an der HGB-Bilanz die mangelnde Transparenz. Insbesondere die Bildung stiller Reserven und Aufwandsrückstellungen wird als Verschleierung der tatsächlichen Vermögensverhältnisse empfunden: Firmenlenker, die nach dem HGB bilanzieren, dürfen Geld für mögliche Reparaturen zurücklegen, die nur alle paar Jahre anfallen.

Mit diesen Rückstellungen können Unternehmen beispielsweise ihren Gewinn kleinrechnen und Steuern sparen. Mit der Auflösung von Rückstellungen können sie in schlechten Jahren den Gewinn hoch halten. US-GAAP verbietet Rückstellungen für solche Zwecke ­– im Fachjargon Rückstellungen ohne externen Anspruch genannt.

Auch Wertpapiere werden unterschiedlich bewertet. Nach IAS und US-GAAP werden sie zum Tageswert in die Bilanz aufgenommen, nach dem HGB zu den historischen Kaufkosten. Das ist ihr Wert zum Zeitpunkt des Kaufs. Ist ihr Marktwert jedoch zum Bilanzstichtag niedriger, wird die Differenz nach HGB gewinnmindernd abgeschrieben. Steigt der Marktwert der Wertpapiere in künftigen Jahren, ist der Wert wieder zuzuschreiben. Doch die Anschaffungskosten sind immer die Wertobergrenze. In der VW-Bilanz war die unterschiedliche Bewertung solcher „Finanzinstrumente“ ein Grund für die Unterschiede beim Eigenkapital. Die Differenz zwischen HGB und IAS betrug hier 987 Millionen Euro.

Ab 2005 sollen Aktiengesellschaften in Deutschland nach IAS bilanzieren, hat die Europäische Union entschieden. Jetzt schon müssen die Unternehmen aus dem Prime Standard der Deutschen Börse wahlweise nach IAS oder US-GAAP bilanzieren.

Viele Firmen wie die Deutsche Bank oder SAP haben sich für US-GAAP entschieden. Denn ihre Aktien werden auch an US-Börsen gehandelt. Und wer hier notiert ist, muss nach US-GAAP bilanzieren. Ob diese Unternehmen ab 2005 zwei Bilanzen erstellen müssen, ist noch offen. Der Volkswagen-Konzern ist auf jeden Fall aus dem Schneider. Er ist nicht an US-Börsen notiert.

Dieser Artikel ist hilfreich. 207 Nutzer finden das hilfreich.