ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Ein Gespenst geht um in Euroland. Es ist das Gespenst der Abwertung des Geldes. Vor allem in Deutschland begleiteten Inflationsängste bereits die Einführung des Euro. Von Angst geprägt ist überdies die Entwicklung des Wechselkurses der Gemeinschaftswährung. Auch die Nachrichten aus dem Europäischen Statistikamt, welches dem Geldwert stabiles Niveau bescheinigt, nehmen dem Dämon nichts von seinem Schrecken. Mit Inflationsraten unter 8 Prozent galt die Bundesrepublik in den Nachkriegsjahren gemeinhin als "Insel der Stabilität" ­ ein Attribut, das nun zu schwinden droht, wie viele fürchten.

Mit Inflation ist der Anstieg des Preisniveaus gemeint: Die Kaufkraft sinkt; was die Menschen zum Leben brauchen, wird teurer. Kosten dieselben Produkte und Dienste im neuen Jahr weniger als im vorherigen, herrscht Deflation. Hingegen ist von Disinflation die Rede, wenn nicht das Preisniveau, sondern die Inflationsraten sinken. Dann steigen die Preise zwar, jedoch weniger als im Jahr zuvor. In Deutschland war das von 1981 bis 1986 und von 1992 bis 1998 der Fall.

Warenkorb im Wandel

Wie viel das Geld wert ist, misst der Verbraucherpreisindex, der etwa 750 Produkte und Dienstleistungen enthält, angefangen von Brot über den Friseurbesuch bis hin zum Volkshochschulkurs. Die Zusammensetzung, bekannt als Warenkorb, ändert sich in unregelmäßigen Abständen ­ je nachdem, wann und wie sich die Verbrauchsgewohnheiten wandeln.

Im Jahr 1962 machten Nahrungs- und Genussmittel 40 Prozent der Lebenshaltungskosten aus. 1995, im Jahr der bislang letzten Anpassung, lag der Anteil noch bei 17,3 Prozent. Im Gegenzug sind die Ausgaben für Dienstleistungen nahezu um das Dreifache angestiegen. Neu in den Korb kamen mobiles Telefonieren, Mikrofaserjacken und Zuzahlungen für Zahnersatz. Ausgeschieden ist verbleites Superbenzin.

Doch nicht allein das Gefüge des Korbes, sondern auch die Typisierung des Konsumenten ist ein Problem. Jemandem, der Geld spart für ein Haus, nützt ein stabiles Preisniveau nichts, wenn dessen ungeachtet Immobilien teurer werden. Andererseits betrifft eine wegen des Rohölpreises hohe Inflationsrate unverhältnismäßig die, die Auto fahren. Auch Qualitätsänderungen bleiben unberücksichtigt. Werden etwa TV-Geräte teurer, weil sie mit Breitbandbildschirm ausgestattet sind, wird möglicherweise dafür eine Inflationsrate ausgewiesen, obwohl der Komfort den Preisaufschlag wettmacht. Weil es unmöglich ist, den Preisanstieg exakt auszuweisen, spricht man bei Inflationsraten von 1 bis 2 Prozent nicht von Geldwertminderung.

Steigt das Preisniveau zwar stetig, jedoch in niedrigen Raten von 3 bis 5 Prozent, befindet sich die Volkswirtschaft in einer Phase der schleichenden Inflation. Je nach dem Tempo, mit dem sich der Preisanstieg vollzieht, unterscheidet man zudem noch zwischen trabender und galoppierender Inflation. Um eine galoppierende oder Hyperinflation handelt es sich bei Steigerungsraten von 50 Prozent pro Monat und mehr.

Von solchen Schreckensszenarien ist zumindest die Zielsetzung der Europäischen Union weit entfernt. Die Zentralbank orientiert sich am harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) der Länder der Europäischen Währungsunion, der aus einem Durchschnitt der nationalen Preisindizes gebildet wird. Der Anstieg des HVPI soll maximal 2 Prozent betragen und beträgt momentan 2,2 Prozent. Dagegen ist das Wachstum der Geldmenge zurückgegangen. Die Geldmenge, kurz M3 genannt, besteht aus Bargeld, Guthaben auf Girokonten, Termineinlagen und Geldmarktfonds. Sie wächst im Eurogebiet erstmals seit Januar wieder weniger als 6 Prozent.

Die Geldmenge ist am Inflationsprozess beteiligt. Sie erhöht sich, wenn die Produktionskosten und dadurch die Ausgaben steigen. Und sie regt die Nachfrage an. Beides führt zu höheren Preisen. Im ersten Beispiel wirkt die Lohnpolitik entgegen: Niedrige Lohnabschlüsse senken die Kosten, was den Preis drückt. Im zweiten Fall hilft die Fiskalpolitik: Der Staat erhöht die Steuern und dämpft somit den Konsum; die Nachfrage geht zurück und mit ihr die Preise.

Hohe Kosten können importiert werden. Ebenso treibt eine hohe Exportquote die Preise. Ursache derzeit ist beide Male der schwache Euro: Wegen des teuren Dollar erhöhen sich die Einfuhrpreise, gleichzeitig steigt die Nachfrage nach billigen Produkten aus Euroland, die damit teurer werden.

Zinserhöhungen, die den Euro stabilisieren und dazu die Geldmenge begrenzen sollen, senken zwar die Gefahr der Geldwertminderung durch Einflüsse von außen ­ heben jedoch das Preisniveau im Euroland an. So gesehen hört der Inflationsspuk wohl nie auf. Doch ist es schon jemals gelungen, ein Gespenst einzufangen?

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