ABC für Anleger Meldung

Der Internationale Währungsfonds hat zurzeit 182 Mitglieder. Jedes Land zahlt - in etwa entsprechend seiner Wirtschaftskraft - eine Einlage, die sogenannte IWF-Quote. (Alle Angaben in Prozent.)

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Demonstranten, Polizisten, Straßenschlacht: Kommunalpolitiker überall auf der Welt schaudern, wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) ihre Stadt als Tagungsort wählt. Im vergangenen Frühjahr hat Washington, im Herbst Prag die Wut der Globalisierungsgegner zu spüren bekommen. Sie haben den IWF symbolisch zur Zielscheibe erkoren und meinen, den weltweiten Kapitalismus zu treffen. Kritiker hat der Fonds nicht nur in diesem Lager: Befürworter eines von allen Hemmnissen befreiten, weltweiten Handels halten die Weltwährungsbehörde schlicht für einen Anachronismus, der auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre.

Herzstück des Währungssystems

Kein Wunder, dass seit Jahren jede Erwähnung des Fonds von dem Wort "Reform" begleitet wird. Denn dies zumindest ist sicher: Die Gründe, aus denen die Staatengemeinschaft den Fonds und seine Schwester, die Weltbank, 1944 ins Leben riefen, sind weggefallen. Die 44 Teilnehmerländer beschlossen damals ein System fester Wechselkurse unter Führung des Dollar. Die USA definierten den Wert ihrer Währung in Gold. 1 Unze entsprach 35 Dollar, immer. Staaten, die dem IWF beitraten, mussten den Wechselkurs ihres Geldes in Gold oder Dollar definieren (Gold-Dollar-Standard) und fortan dafür sorgen, dass der Wechselkurs ihrer Währung höchstens 1 Prozent von diesem Satz abwich.

Das System zerbrach 1971, als die USA feststellten, dass der Wert ihrer Währung diesem Satz nicht mehr entsprach, und den Standard aufkündigten. Seit 1973 gelten daher flexible Wechselkurse, die Währungen floaten. Mit dem Beginn des offenen Wechselkurssystems haben sich die Aufgaben des Fonds in Richtung einer Aufsicht über die Wechselkurspolitik seiner Mitglieder gewandelt. Grundsätzlich versucht der Fonds seine Mitgliedsstaaten zur internationalen währungspolitischen Kooperation anzuhalten, Devisenrestriktionen einzudämmen und aus Fondsmitteln Zahlungsbilanzdefizite zu überbrücken. Das heißt: Nimmt ein Mitgliedsland nicht genug Devisen ein, mit denen es seine Einfuhren aus anderen Ländern bezahlen könnte, springt der IWF bei. Weitere Kredite gibt es zur Beseitigung von Zahlungsbilanzproblemen, für plötzliche Ausfälle von Exporterlösen etwa nach Missernten, bei Kapitalflucht aufgrund politischer Unsicherheiten und sogar für wirtschaftlich völlig gesunde Länder, denen Schwierigkeiten wegen Krisen ihrer Handelspartner drohen. Für die ärmsten Länder gibt es Kredite zur Armutsbekämpfung. Mit ihnen entwickelte sich der Fonds seit den 60er und 70er Jahren, als sich immer mehr Staaten von ihren Kolonialherren emanzipierten, zum Entwicklungshelfer. Die Überlegung war: Hält ein Staat seinen Haushalt in Ordnung, dann führt die so gewonnene Stabilität zwangsläufig zu Wachstum und Wohlstand.

Hierin liegt der Hauptangriffspunkt der weniger marktanalytisch denn politisch motivierten Gegner des Fonds. Sie sehen in dieser Politik die Wurzel von Hunger, Obdachlosigkeit und Analfabetismus. Der Fonds knüpft nämlich strenge Auflagen an die Gewährung dieser Kredite. Die Empfängerländer müssen die öffentlichen Haushalte zusammenstreichen, um die Inflation zu drücken und Zahlungsbilanzdefizite auszugleichen. Das sorgt für hohe Zinsen, das Investitionsklima trübt sich ein. Die Länder erreichen die vorgegebenen Spar- und Wachstumsziele nicht.

Das hat die neue Führung des Fonds unter Horst Köhler verstanden. Direkte Armutsbekämpfung über die Einmischung in die Mikroökonomie von Staaten soll künftig nicht mehr zu den Kernaufgaben des Fonds gehören. Ab 2003 sollen die politischen Gewichte innerhalb des Fonds nach der tatsächlichen Wirtschaftskraft der 182 Mitglieder verteilt werden. Die Reparatur von Fehlern einzelner Regierungen soll nicht mehr fast automatisch wie bisher erfolgen. So weit waren die Verhandlungen in Prag schon gediehen. Das hat Folgen für die Investoren, die mehr und mehr aus dem privaten Lager kommen: Nicht mehr Staaten, sondern zunehmend Banken und Fonds pumpen Geld in Entwicklungs- und Schwellenländer.

Bislang war das Risiko begrenzt: Gingen Staaten Pleite wie 1997 Malaysia oder Argentinien 2000, greift der IWF ein und zahlt. Das verführt die Investoren zu Sorglosigkeit bei der Vergabe von Krediten: Der IWF wirds schon richten, wenn der Wechsel platzt. Die Banken haben ihren Gewinn garantiert, die Rechnung begleicht die weltweite Gemeinschaft der Steuerzahler. Im Falle Argentiniens hat der IWF noch einmal 20 Milliarden Dollar locker gemacht. Ob aber auch die nächste faule Staatsanleihe gerettet wird, kann den Anlegern niemand garantieren.

Doch Investoren können andere Signale nutzen: Wo der IWF aktiv ist, stehen Privatisierungen ins Haus. Das belebt die Wirtschaft. Jüngstes Beispiel ist die Türkei. Andererseits erhöht die Türkei die Steuern. Die Zinsen steigen. Für interessierte Anleger Grund, ihre Aufmerksamkeit vor allem dem türkischen Rentenmarkt zuzuwenden.

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