ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Der Shareholder-Value gehört zu den meistmissbrauchten Begriffen der modernen Wirtschaft und zu den am häufigsten missverstandenen.

Shareholder-Value bedeutet wörtlich Aktionärswert und ist zunächst einmal eine betriebswirtschaftliche Größe, die den Unternehmenswert beschreibt. Der amerikanische Unternehmensberater Alfred Rappaport hat den Begriff 1986 geprägt. Der Unternehmenswert ergibt sich ­ vereinfacht gesagt ­ aus dem, was das Unternehmen erwirtschaftet und entweder ausschüttet oder wieder investiert. Von den Ausschüttungen profitieren die Anteilseigner in Form von Dividenden; Investitionen machen sich im Aktienkurs bemerkbar.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat der Begriff des Shareholder-Value allerdings noch viele andere Bedeutungen ­ je nachdem, wer ihn gerade benutzt. Für die Unternehmer, allen voran Jürgen Schrempp, Vorstandsvorsitzender von DaimlerChrysler, und Hans-Olaf Henkel, Exchef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, war er die Rechtfertigung für sämtliche unternehmerischen Entscheidungen, vor allem die unpopulären. Für Gewerkschafter und sozial ausgerichtete Marktwirtschaftler stand der Shareholder-Value als Synonym für neoliberale Tendenzen im Wirtschaftsleben: Vorstände setzten sich über sämtliche Interessen hinweg und pressten das Unternehmen regelrecht aus, Arbeitsplätze wurden massiv abgebaut.

Im Interesse der Aktionäre

Dabei ist der Shareholder-Value, die angemessene Verzinsung des eingesetzten Geldes, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Deshalb liegt auch jenes Lexikon daneben, das den Shareholder-Value als "die Ausrichtung einer Aktiengesellschaft an den Interessen von Aktionären und möglichen Investoren, im Gegensatz zur Ausrichtung der Geschäftspolitik an den Interessen des Unternehmens selbst" beschreibt. Denn die Interessen von Unternehmern und Anteilseignern laufen gar nicht auseinander, im Gegenteil, sie decken sich. Beide, sowohl Investoren als auch Unternehmer, wollen Gewinne sehen, hohe, aber auch beständige Gewinne. Von maximalen, jedoch nur kurzfristigen Erträgen halten sie vernünftigerweise nichts.

Egoistische Vorstände

Was den Interessen der Anteilseigner freilich entgegenstehen könnte, sind die Egoismen der Vorstände. Die sind nämlich oft daran interessiert, so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu verdienen. Ihr Erfolg wird zuweilen allein am Aktienkurs gemessen, oft sind sogar ihre Gehälter an diesen gekoppelt.

Vor allem in den 90er Jahren führten Massenentlassungen regelmäßig dazu, dass die Aktien der jeweiligen Unternehmen stiegen. Klare Sache: Weniger Mitarbeiter bedeuteten weniger Kosten, geringere Kosten haben höhere Gewinne zur Folge. Inzwischen reagiert die Börse anders auf solche Botschaften.

Eine hohe Bewertung der Märkte bringt den Vorständen noch mehr als ein üppiges Gehalt: Je teurer ein Unternehmen ist, desto unwahrscheinlicher ist eine Übernahme ­ und umso sicherer ihr Chefsessel.

Wie man sieht: Die kurzfristige Steigerung des Aktienkurses lässt nicht zwangsläufig auf einen hohen Unternehmenswert schließen. Hinzu kommt, dass Börsianer ihre Kauf- und Verkaufsentscheidungen größtenteils nicht rational fällen, sondern aus dem Bauch heraus. Das hat man sehr anschaulich am Neuen Markt verfolgen können.

Langfristige Erfolge zählen

Shareholder-Value, richtig verstanden und umgesetzt, ist das, was Heinrich von Pierer bei Siemens macht oder Wendelin Wiedeking bei Porsche. Beide Unternehmen glänzen mit hervorragenden fundamentalen Daten, die von der Börse zwar durchaus honoriert wurden, aber nicht in dem Maße wie die Schaumschlägerei der so genannten neuen Ökonomie. Pierer hat Siemens umstrukturiert und als Kern eines Zehn-Punkte-Programms gefordert, dass jeder Geschäftsbereich seine Kosten erwirtschaften müsse. Zyklische Bereiche wie die Halbleitersparte Infineon, die je nach konjunktureller Lage das Ergebnis des gesamten Konzerns in Mitleidenschaft ziehen, wurden ausgelagert. Porsche profitierte von einem besonnenen Management und war an keinem der waghalsigen Fusionsversuche beteiligt, die anderen aus der Branche beinahe das Genick gebrochen hätten ­ wie BMW oder eben DaimlerChrysler.

Dieser Artikel ist hilfreich. 100 Nutzer finden das hilfreich.