ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Den Jahren des rasanten Aufschwungs folgt der Abschied. Viele Aktiengesellschaften verlassen die Börse – mal mehr, mal weniger freiwillig. „Delisting“ nennen Fachleute das.

„Das Delisting kommt zunehmend in Mode“, stellt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) traurig fest. Etwa ein Dutzend inländische Firmen wurde im Jahr 2001 von der Kursliste gestrichen. Die Gründe sind recht unterschiedlich: Sie reichen von der Fusion mit einem anderen Unternehmen bis zum Rausschmiss durch die Börse.

Zurück bleibt oft Enttäuschung

Nach einer Übernahme bleibt oft keine Wahl, der Name verschwindet vom Kurszettel. Populäres Beispiel für dieses „weiche“ Delisting sind die tradi­tionsreichen Aktien von Hoechst und dem fran­zösischen Pharmakonzern Rhône-Poulenc, die heute gemeinsam unter dem ­neuen Namen Aventis in Frankfurt, Paris und New York gelistet sind. Nur noch Restbestände werden unter dem alten Namen gehandelt.

Beim „harten“ Delisting verabschiedet sich ein Unternehmen vollständig von der Börse – oder es wird verabschiedet. Wer frei­willig geht, ist meistens über die Kurs­entwicklung enttäuscht.

Jedes betriebswirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen will selbstverständlich einen angemessen hohen Kurs an der Börse sehen. Das klappt jedoch häufig nicht, da viele Investoren lieber auf kühne Visionen spekulieren als auf solide Fundamentaldaten.

Zudem ignorieren Analysten und Fonds kleinere und mittlere Aktiengesellschaften bei ihrer Auswahl gerne. Der Aufwand sei zu hoch, heißt es.­ Den Edel-Möbelverkäufer Rolf Benz aus dem baden-württembergischen Nagold, einen der prominentesten Flüchtlinge, störte die penetrante Nichtbeachtung durch Analysten und Anleger.

Das Listing kostet Geld

Viele Börsenflüchtlinge finden, dass sich die hohen Kosten für das Aktien-Listing nicht lohnen. Die teuren Geschäftsberichte und die kostenintensive Betreuung der Aktionäre schlagen teuer zu Buche.

Die Kosten sind in einigen anspruchsvollen Marktsegmenten an den Börsen besonders hoch, etwa dem Smax für kleine und mittelständische Aktiengesellschaften. Hohe Aufwendungen einerseits und zu geringe Beachtung anderseits veranlassen Unternehmen, zwar nicht die Börse zu verlassen, aber doch aus solchen Marktsegmenten wieder zu fliehen. Unter ihnen ein so namhaftes Unternehmen wie WMF, das zum Jahreswechsel 2001/2002 aus dem zwar bedeutsamen, aber arbeitsaufwendigen Smax in den Amtlichen Handel wechselte. Auch ein solcher Teilrückzug aus einem Börsensegment wird von manchen als Delisting bezeichnet.

Börse hilft nach

Inzwischen will auch die Deutsche Börse selber einige ihrer Aktienwerte gerne loswerden. Im Oktober hatte sie ein modernisiertes Regelwerk in Kraft gesetzt, dessen Motto „Klasse statt Masse“ lauten könnte. Unternehmen, deren Kurs an 30 aufeinander folgenden Börsentagen unter einem Euro liegt und deren Marktkapitalisierung – die Anzahl der Aktien multipliziert mit dem Kurs – gleichzeitig weniger als 20 Millionen Euro beträgt, sollen aus dem Neuen Markt ausgeschlossen werden.

Noch haben diese so genannten Penny-stocks-Regeln zu keinem Rausschmiss geführt. Einige Unternehmen sind allerdings davon bedroht. Der Prozessfinanzierer Foris etwa, dessen Versuch, sich gerichtlich dagegen zu wehren, vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gescheitert ist. Andere, wie Edel Music, sind freiwillig aus dem Neuen in den Geregelten Markt gegangen.

Möglich ist, dass sie später ganz von der Börse verschwinden. Sollte die Kursflaute auch im Jahr 2002 anhalten, könnte ein Delisting mehr als 50 Aktien treffen. Bereits gestrichen worden sind zehn ­Gesellschaften wegen Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.

Was tun?

Aktionäre sollten bei vom Ausstieg bedrohten Aktien über einen rechtzeitigen Verkauf nachdenken, besonders, wenn für die Papiere die einjährigen Spekulationsfrist noch nicht abgelaufen ist. Dann können sie Verluste steuerlich geltend machen.

Ansonsten sieht das Börsenrecht für den Fall eines totalen Börsenabschieds ein Abfindungsangebot vor. Dann liegt die Entscheidung beim Anleger, ob er das Angebot annehmen will und aussteigt oder ob er weiter an der Gesellschaft beteiligt sein möchte. Aber Vorsicht: „Wer das Angebot nicht annimmt, wird zu einem Aktionär einer nicht mehr börsennotierten Gesellschaft“, warnt die DSW. Er muss damit rechnen, dass er seine Aktien später kaum verkaufen kann, weil sie nur wenig gehandelt werden.

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