ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Womöglich hat Onkel Dagobert den Ausdruck geprägt, als die Goldtaler in seinen Speicher strömten. "Yeah, cash ­ flow" ("Oh ja, Geld, fließ!") wird der Geldsack dabei wohlig geseufzt haben. Im wirklichen Leben bezeichnet der Cashflow freilich den Kassenzufluss in der Betriebswirtschaft: Er gibt an, wie viel ein Unternehmen während eines Jahres tatsächlich verdient hat. Anders als häufig angenommen, ergibt sich das nämlich nicht aus dem Jahresüberschuss.

Das Geld, welches ein Unternehmen erwirtschaftet, lässt es nicht liegen, sondern gibt es wieder aus. Eventuell tilgt es mit seinem Ertrag Schulden, investiert ihn in Maschinen oder nutzt ihn für das Betriebsgebäude, das abgeschrieben wird. Was nach dem Geschäftsjahr als Jahresüberschuss ausgewiesen wird, gibt daher nicht die wahre Finanzstärke wieder, sondern stellt dar, was unterm Strich übrig geblieben ist.

Gewinn ist nicht gleich Gewinn

Und das ­ mit Verlaub ­ ist ziemlich nichts sagend. Um einen Jahresüberschuss von, sagen wir, vier Millionen Mark auszuweisen, kann ein Unternehmen zum Beispiel zehn Millionen Mark erwirtschaftet, davon jedoch sechs Millionen investiert haben. Ein anderes Unternehmen mit einem Jahresüberschuss von vier Millionen Mark hat vielleicht nur drei Millionen erlöst und eine weitere Million durch geschickte Bewertung seines Vermögens gewonnen. Wen wundert es, dass die Banken als Gläubigerinnen von Unternehmen sich nicht vom Betrag des Jahresüberschusses blenden lassen.

Bis vor wenigen Jahren galt vor allem das Eigenkapital als Maßstab für Kreditwürdigkeit. Man ging davon aus, dass, wer wenig Schulden hat, kaum Schiffbruch erleiden kann. Doch Eigenkapital verursacht Kosten, wie etwa Ausschüttungen an Aktionäre. Das ist meist mehr als die Zinsen für einen Kredit. Abgesehen davon, dass sich zu viel Eigenkapital nicht rechnet, tun sich die Unternehmen auch nicht leicht, welches aufzutreiben.

Deshalb ziehen Banken zur Beurteilung der Bonität eines Betriebs mittlerweile vor allem den Kassenzufluss heran. Denn je mehr ein Unternehmen erwirtschaftet, desto mehr Geld hat es, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Nun gibt es allerdings keine allgemein gültige Methode zur Ermittlung des Cashflow, vielmehr streiten sich die Gelehrten, ob die eine oder die andere Position aus der Gewinn-und-Verlust-Rechnung berücksichtigt werden muss oder nicht. Sowohl in Literatur als auch Praxis existieren mehrere Wege. Selbst die Lexika sind sich uneins, wie der Kassenzufluss auszurechnen sei. Ausgangspunkt ist jedoch meist der Jah-resüberschuss. Die gängigste und gleichzeitig einfachste Methode den Cashflow auszurechnen ist, zum Jahresüberschuss die Abschreibungen hinzuzuzählen.

Abschreiben im betriebswirtschaftlichen Sinn bedeutet, regelmäßig einen bestimmten Betrag zurückzu- legen ­ mit dem Ziel, das Geld später wieder auszugeben. Die Abschreibungsraten finanzieren die Re-Investition. Anschaulich wird das am Beispiel einer Spedition, die einen Lastwagen kauft und abschreibt und einen Teil des Geldes, das sie mit ihm verdient, in einen neuen Lastwagen investiert. Bilanzierte die Spedition den Lastwagen Jahr für Jahr zum Neupreis und legte nichts zurück, stünde sie eines Tages ohne Lastwagen da und auch ohne Geld für einen Ersatz. Ein Unternehmen, das es sich nicht leisten kann abzuschreiben, wird auf längere Sicht folglich kaum überleben.

Am Weiterbestehen eines Betriebs sind nicht nur die Banken als Kreditgeberinnen interessiert, sondern auch Investoren, die sich an dem Unternehmen beteiligen. Es verwundert daher nicht, dass Aktienanalysten außer dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auch die privaten Anlegern weniger geläufige Cashflow-Ratio (CFR) ausrechnen.

Je mehr fließt, desto besser

Die Cashflow-Ratio funktioniert im Prinzip gleich wie das KGV: Man setzt den Cashflow pro Aktie zum Preis der Aktie ins Verhältnis (Kurs der Aktie geteilt durch Cashflow pro Aktie). Je größer die CFR, desto höher ist das Unternehmen bereits bewertet. Ist die CFR dagegen klein, bietet der Aktienkurs Entwicklungschancen. Wie das KGV unterscheidet sich auch die CFR nach Branchen. Erst die Gegenüberstellung mit den CFR anderer Unternehmen verleiht ihr Aussagekraft.

Dagobert brauchen Vergleichszahlen kaum zu kümmern, lassen doch allein die Ausmaße des Duck'schen Geldspeichers auf einen Cashflow schließen, der seinesgleichen sucht. Schade, dass Entenhausen keine Börse hat.

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