ABC für Anleger Meldung

Um die Volkswirtschaften zu vergleichen, setzt man die ­absolute Leistung zur Bevölkerungszahl ins Verhältnis.

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Auf die Bekanntgabe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) warten Ökonomen immer besonders ungeduldig. Auch Anleger können ihre Schlüsse aus den Wachstumsraten des BIP ziehen. Das BIP bildet die Größe einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum ab. Es entspricht dem Wert der in einem Jahr produzierten Waren und Dienstleistungen plus der nicht abziehbaren Umsatzsteuern. Die im Produktionsprozess verbrauchten Güter und die Subventionen werden als Vorleistungen abgezogen.

Das Bruttoinlandsprodukt misst die im Inland erbrachte wirtschaftliche Leistung, unabhängig davon, wer dazu beigetragen hat: ob Inländer oder Ausländer. Zum BIP von Luxemburg beispielsweise tragen zahlreiche Pendler aus Frankreich, Belgien und Deutschland bei.

Dagegen ist das Bruttosozialprodukt (BSP) die Messgröße für die wirtschaftliche Leistung der Inländer. Es ist dabei unerheblich, ob sie die Leistung im Inland oder in der übrigen Welt erbracht haben. Auch Deutsche, die in den USA arbeiten, tragen zum deutschen Bruttosozialprodukt bei.

Gerade Deutschland hat bis in die neunziger Jahre hinein seine wirtschaftliche Leistung mit dem BSP angegeben, obwohl international das BIP üblich war. Seit 1992 gilt auch in Deutschland das BIP als Maßstab für die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft.

Datenerfassung

Hierzulande ermittelt das Statistische Bundesamt das BIP, und zwar auf der Grundlage des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 1995), das per Verordnung bindend eingeführt wurde. Das Bundesstatistikgesetz verpflichtet Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten zur monatlichen Auskunft. Staatliche Stellen werden über die Aufsichtsbehörden erfasst, kleinere Firmen und Selbstständige über die Finanzstatistik.

Da die Gewinn-und-Verlust-Rechnungen meist erst nach zwei Jahren vorliegen, dauert es über drei Jahre, ehe endgültige Zahlen vorliegen. Vorläufige Quartalsberichte gibt es nach etwa eineinhalb Monaten.

Das Inlandsprodukt kann statt „brutto“ auch „netto“ nachgewiesen werden. Dann wird die Wertminderung des eingesetzten Anlagevermögens in Form von Abschreibungen abgezogen.

Zurück zum „Brutto“: Zunächst ist das BIP also eine Summe in Euro, Dollar oder Schweizer Franken – je nachdem, welche Währung im jeweiligen Land gilt. Und es ist aus den Marktpreisen des jeweiligen Landes errechnet.

Vergleicht man nun das BIP eines mit dem BIP eines anderen Landes, ist das nur bedingt aussagekräftig. Die Wirtschaftskraft könnte sich allein deshalb unterscheiden, weil die Preisniveaus verschieden sind. Um derartige Verzerrungen auszuschalten, rechnet Eurostat, das Statistikamt der Europäischen Union, dieses so genannte nominale BIP in ein reales BIP um, welches die Preisunterschiede berücksichtigt.

In Luxemburg, um bei dem Beispiel zu bleiben, ist das Preisniveau vergleichsweise hoch. Es liegt mehr als ein Viertel über dem Durchschnitt der Europäischen Union. Deutschland liegt mit Frankreich und Großbritannien in der Mitte. Niedrig sind die Preise in Spanien, Portugal und Griechenland sowie in den Beitrittsländern.

Doch auch das reale BIP eignet sich nicht als Vergleichsgröße. Es kommt auch darauf an, wie viele Menschen am BIP mitarbeiten, genauer, auf wie viele Köpfe sich das, was die Menschen geleistet haben, verteilt.

Absolut betrachtet hat Luxemburg das kleinste BIP aller europäischen Länder, inklusive der Türkei. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße ist Luxemburg dagegen die effizienteste Volkswirtschaft – wenn auch das Bild durch die vielen Ausländer, die am BIP mitarbeiten, verzerrt wird. Die Türkei sieht im Vergleich nicht so gut aus: Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Wirtschaftsleistung der Türken gering.

Was Wirtschaftsforscher, Arbeitsmarktpolitiker und Börsianer interessiert, ist nicht nur die absolute Leistung, sondern auch, wie sie sich entwickelt. Sie verfolgen gespannt, ob und wie stark das BIP wächst oder ob es schrumpft.

Eines ist dabei klar. Von hoch entwickelten Volkswirtschaften, deren Produktion und Dienstleistungen auf hohem Niveau sind, lässt sich kein hohes Wachstum mehr erwarten. Dagegen können kleinere und ärmere Länder noch stark wachsen, ehe sie das Niveau der Großen erreicht haben.

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