ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema:

Ein Blick auf den Kalender zeigt an, warum manchen Börsenanalysten Nervosität beschleicht. Der Oktober naht und damit jener Monat, in dem die Börsen 1929 und 1987 die beiden kräftigsten Kursrutsche ihrer Geschichte verzeichneten. Ende der 20er Jahre führte eine Delle von 10 Prozent an einem Tag direkt in die Weltwirtschaftskrise. Ende der 80er verlief ein regelrechter Einbruch von über 22 Prozent aber recht glimpflich.

Am Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, fielen die Kurse an der New Yorker Börse an einem Tag um rund 10 Prozent. Die New York Times überschrieb ihren Bericht mit "Prices of Stocks crash in heavy Liquidation, Total drop of Billions" ­ "Aktienkurse stürzen, Milliardenverluste". Damit hatte das Wort "crash" die Börse erreicht. In der Folge von 1929 geriet die am Tropf der Börsen hängende Welt in eine jahrelange schwere wirtschaftliche Krise.

Crash ohne Krise

"Kein Beinbruch" hieß es dagegen 1987. Im Oktober purzelten die Kurse der Aktien um 22,6 Prozent in die Tiefe, so viel wie noch nie zuvor in der Geschichte der Wall Street. Dass der Crash von 1987 nicht wie der von 1929 in eine tiefe Weltwirtschaftskrise mündete, hatte zwei Gründe: Zum einen haben die Vereinten Nationen (UN) seit 1945 mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zwei Instrumente, um Finanzkrisen bewältigen zu helfen. Zum anderen hat der Kapitalmarkt gegenüber damals völlig andere Strukturen herausgebildet. Die börsenfreundliche Politik der amerikanischen Nationalbank und Investmentfonds sorgen für eine gewisse Stabilität.

Weitere "Crashs" gab es im Sommer 1990, als Saddam Hussein den Ölförderstaat Kuwait besetzte, und 1998, als die drohende Zahlungsunfähigkeit der südostasiatischen Tigerstaaten die Börsenparkette verunsicherte. Für die Kapitalvernichtung am Neuen Markt haben die Kommentatoren den Begriff erweitert zum "Crash auf Raten".

Seit 1929 suchen die Analysten vergeblich nach einer Formel, die das Verhalten der Anleger schlüssig erklären und künftige Crashs ausschließen würde. Das ist ihnen bislang nicht gelungen. Den Handel mit Aktien bestimmt nämlich ein mathematisch-statistisch nicht zu erfassendes Moment. Anleger reagieren aller Erfahrung nach nicht rational.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Euphorie der ausgehenden 90er Jahre. Die deutschen Kleinanleger steckten Milliarden in Papiere von Unternehmen, die nicht viel mehr als eine Geschäftsidee rund um so genannte Zukunftstechnologien wie Internet oder Biotechnologie vorzuweisen hatten. Als die Anleger entdeckten, dass sie Schimären nachjagten, fielen die Kurse ins Bodenlose.

Dass sich die Spirale nach unten immer schneller dreht, liegt am Herdentrieb der Anleger. Blökt plötzlich in der Masse einer auf, finden auf einmal auch die anderen, dass alles zum Blöken ist. Nur die Mutigen befolgen den Rat, bei niedrigen Kursen einzusteigen, von denen aus sich die besten Gewinne erzielen lassen. Die anderen warten, bis wieder ein Aufwärtstrend deutlich ist. Mit dem Aufschwung beginnen die Gier und mit ihr die Angst zu grassieren, etwas zu verpassen. Um beim großen Abkassieren dabei zu sein, schlagen die Anleger jede Warnung in den Wind. Bis die Blase wieder platzt.

Analysten im Oktoberfieber

An den Übertreibungen der Märkte lässt sich nichts ändern, zumal immer mehr Geld in Aktien fließt ­ und in Fonds. Gerade Fonds, die am Neuen Markt investiert haben, haben vergangenes Jahr dazu beigetragen, dass die Kurse so schnell rutschten, weil ihre Bestände im Vergleich zur Größe der noch jungen Unternehmen zu hoch waren.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen stellen die konservativ investierten Fonds einen Ruhepol im Auf und Ab der Kurse dar: 12 Billionen Dollar schwer schätzen Experten allein den amerikanischen Altersversorgungsmarkt. Die Manager der Pensionskassen und Investmentfonds, die diese gewaltigen Summen verwalten, geraten schon von Berufs wegen nicht in Panik, wenn Aktienkurse einmal nachgeben

Der Kapitalmarkt verfügt heutzutage außerdem über Sicherungen: staatliche Börsenaufsicht, Einlagensicherungsschutz der Banken und zunehmende Transparenz des Börsengeschehen unter anderem durch die Berichtspflicht der Unternehmen und die Kontrolle durch die Medien.

Der Oktober naht. Das abergläubische Völkchen der Analysten bricht wie jedes Jahr in Kassandrarufe aus oder betet Beschwichtigungsformeln herunter. Gleich, wie der Oktober verläuft ­ die Statistik sagt, dass er ein ganz normaler Monat ist. Auch an der Börse.

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