ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

„Die Anleger flüchten sich – wie immer in schwierigen oder unsicheren Zeiten – in Standardwerte“, melden das Börsenfernsehen und die Börsennachrichten der Zeitungen. Manchmal ist auch von „großen Namen“ die Rede oder von den „Bluechips“. Zu Letzteren gibts dann auch noch eine abenteuerliche Geschichte: Sie sind angeblich getauft nach den wertvollsten Chips beim amerikanischen Poker. Die sind nämlich blau. Die Börse also im Wesentlichen ein Glücksspiel?

Blau steht für Größe

Zumindest macht die Poker-Legende die Verbindung einfach: Bluechips sind zumeist die werthaltigsten Aktien auf dem Börsenparkett. Es sind die Aktien der ganz großen börsennotierten Unternehmen: In Deutschland gelten die Aktien, die zum Deutschen Aktienindex Dax gehören, als Bluechips, beispielsweise ThyssenKrupp, Volks­wagen und Lufthansa. In den USA zählt man die Mitglieder des Dow-Jones-Industrial-Index dazu, darunter Microsoft, Exxon oder EastmanKodak.

Die Unternehmen, die hinter diesen Aktien stehen, setzen Milliardenbeträge um und lassen auf ordentliche, wenn auch nicht unbedingt herausragende Gewinne hoffen. Daher das Synonym der „großen Namen“.

Die schiere Größe eines Unternehmens bietet mehrere Vorteile. Sie ist zum Beispiel ein wichtiger Grund dafür, dass Investoren auf solche Aktien zurückgreifen, wenn die Konjunktur daniederliegt und dazu Preise und Produktionskosten steigen und steigen. Denn in aller Regel haben Großkonzerne bessere Möglichkeiten, ihre Kosten zu senken. So können sie wegen ihrer Marktmacht ihre Zulieferer unter Druck setzen und deren Preise drücken. Sie können es sich auch eher leisten, ­einzelne Werke einfach stillzulegen, um Kosten zu sparen. Kleinere Unternehmen mit nur einem Produktionsstandort tun sich da schwerer.

Der zweite Größenvorteil hat weniger mit den Unternehmen selbst als mit ihrer Börsennotierung zu tun: Je größer ein Unternehmen ist, so die Faustregel, desto mehr Aktien von ihm sind im Umlauf. Jede Aktie repräsentiert ja einen Bruchteil des Gesamtkapitals des Unternehmens. Und je mehr Aktien ein Unternehmen ausgegeben hat, desto mehr davon werden in aller Regel auch gehandelt. Für Anleger bedeutet das zumeist, dass sie die Aktien großer Unternehmen an jedem Börsentag kaufen – und vor allem – verkaufen können. Die Experten sprechen von großer Liquidität.

Zugang zum Amtlichen Handel

Vorteile für Anleger bietet eine solch große Liquidität besonders in Zeiten der Unsicherheit – etwa, wenn Entscheidungen der Notenbank über künftige Zinsen anstehen. Dann lässt sich in den Aktien, hinter denen ein großes Unternehmen steht, zumindest sicherer Geld parken als in Anteilscheinen kleinerer Unternehmen. Denn bei denen müssen Anleger mitunter einige Zeit warten, bis sie ihre Aktien wieder verkaufen können, wenn sich die Lage geklärt hat.

Ihre Größe verschafft den Aktiengesellschaften Zugang zum Amtlichen Handel, dem Börsensegment mit dem besten Ansehen. Dort werden Aktiengesellschaften notiert, die besonders hohe Anforderungen erfüllen.

Wer hier vertreten sein will, dessen Marktkapitalisierung muss mindestens 1,25 Millionen Euro betragen. Die Marktkapitalisierung ist die Anzahl der Aktien multipliziert mit ihrem Preis. Das Unternehmen muss zudem nachweisen, dass wenigstens ein Viertel seiner Aktien im Streubesitz ist, das heißt, frei gehandelt werden und nicht in Händen weniger Großaktionäre wie des Staates oder anderer Aktiengesellschaften ist. Außerdem muss es sich verpflichten, vierteljährlich über den Geschäftsverlauf zu berichten und Ereignisse, die den Aktienkurs beeinflussen könnten, wie Vertragsabschlüsse oder Ausfälle großer Kunden, sofort zu melden.

Kleine Werte sind riskanter

Aktien mit geringerer Marktkapitalisierung werden als „Nebenwerte“, je nach Kapitalisierung als „Small- Cap“ oder „Mid-Cap“ im „Geregelten Markt“ oder im „Freiverkehr“ gehandelt. Dort gelten weniger strenge Zulassungsregeln. Das „Cap“ von Small-Cap und Mid-Cap stammt vom englischen „Capitalization“.

Mit den Nebenwerten lassen sich oft höhere Kursgewinne erzielen. Wenn ein kleines Unternehmen ein neues Produkt erfolgreich verkauft, wirkt sich das spektakulärer aus, als wenn ein Großkonzern unter vielen Produkten einen einzigen Verkaufsschlager hat. Dafür verdauen Großkonzerne aber auch einen Flop leichter. Und darum bleiben die Standardwerte für Aktienanleger meistens das, was die Börsennachrichten verkünden: sichere Häfen.

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