Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Früher, als noch kaum jemand Aktien besaß, als Unternehmen noch nicht um Privatanleger buhlten und noch niemand an "Investor Relations" dachte, da waren Bilanzen häufig eine der wenigen Quellen, aus denen Anleger Informationen über Aktiengesellschaften schöpfen konnten. Heute sind die Zahlenwerke ein Orientierungspunkt in der Flut von Werbebotschaften, mit der die AGs Investoren für ihre Aktien begeistern wollen.

Es geht um das Kapital

In der Bilanz darf nichts weggelassen, nichts dazugeschummelt oder schöngefärbt werden. Welche Zahlen hineingehören und wie sie aufgeschlüsselt werden müssen, steht im Handelsgesetzbuch. Dem Eigen- und Fremdkapital als Passiva müssen Anlage- und Umlaufvermögen auf der Aktivseite gegenübergestellt werden. Eine Bilanz muss immer ausgeglichen sein. Denn schließlich stehen nicht Gewinne und Verluste oder Soll und Haben zu Buche, vielmehr geht es um Herkunft und Verwendung des Kapitals.

Die eine Geldquelle für Unternehmen ist das Eigenkapital. In der Bilanz gehört dazu das gezeichnete Kapital, also der Nennwert aller Aktien zusammen. Dazu kommen Kapitalrücklagen, etwa aus den Beträgen, die Aktionäre über den Nennwert hinaus für neu ausgegebene Aktien gezahlt haben. Weiter zählen zum Eigenkapital die Gewinne, die im Vorjahr nicht als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet, sondern zurückgehalten, Fachleute sagen: in die Gewinnrücklage gestellt wurden. Auch der Jahresüberschuss oder der Fehlbetrag, der sich aus der Gewinn-und-Verlust-Rechnung ergibt, wird beim Eigenkapital ausgewiesen.

Die andere Geldquelle ist ­ für Unternehmen wie für jeden Privatmann auch ­ fremdes Kapital, Schulden. Egal ob ein Unternehmen eine Anleihe auflegt, sich Geld bei Banken borgt oder bei Firmen ausleiht, an denen es beteiligt ist ­ alle Verbindlichkeiten müssen wie das Eigenkapital auf der Passivseite der Bilanz aufgelistet werden.

Auch Rückstellungen zählen zu den Passiva. Mit den Rücklagen sind sie aber nur dem Namen nach verwandt, denn ­ anders als Rücklagen ­ müssen Rückstellungen zweckgebunden sein. Sie sind die Reserven, mit denen das Unternehmen für Forderungen vorbaut, die auf es zukommen können, deren Höhe aber noch nicht bekannt ist. Denkbar sind sie etwa bei einer Zigarettenfirma, mit der eine Krankenversicherung vor Gericht um die Behandlungskosten für Raucher streitet. Rückstellungen sind auch ein beliebtes Mittel, um vor dem Finanzamt den Gewinn niedrig zu rechnen.

Auf der anderen, der Aktivseite der Bilanz, muss stehen, wofür die Unternehmen ihr Kapital genutzt haben. Alles, was dauerhaft für den Geschäftsbetrieb nötig ist, muss laut Handelsgesetz als Anlagevermögen aufgeführt werden. Das sind zum Beispiel Maschinen und Grundstücke ­ die Sachanlagen. Auch immaterielle Vermögenswerte wie Konzessionen oder Lizenzen, die das Unternehmen besitzt, zählen dazu, ebenso langfristig gehaltene Aktien von verbundenen Unternehmen.

Alles, was nur eingekauft und dann verarbeitet, verbraucht oder verkauft wird, taucht in der Bilanz als Umlaufvermögen auf, ebenso die verkaufsfertigen Produkte, die noch im Lager liegen. Forderungen, beispielsweise Rechnungen, die Kunden noch nicht bezahlt haben, müssen ebenfalls hier ausgewiesen werden. Auch Wertpapiere können zum Umlaufvermögen zählen. Anders als im Anlagevermögen werden sie aber in erster Linie gehalten, um mit ihnen Gewinne zu erwirtschaften. Die Kontrolle über eine andere Aktiengesellschaft ist nebensächlich. Der Bilanzposten "flüssige" oder "liquide" Mittel zeigt, wie viel Geld kurzfristig verfügbar ist. Er fasst Schecks, Kassenbestand und das Geld auf den Konten zusammen.

An der Bilanz lässt sich also in aller Kürze ablesen, wie ein Unternehmen in etwa dasteht. Weil aber mitunter ein Wort mehr sagt als tausend Zahlen, schreibt das Gesetz einen Anhang zur Bilanz vor, in dem die Zahlen erläutert werden müssen.

Für Anteilseigner ist neben diesen Erläuterungen der Aktienkurs interessant, der sich aus der Bilanz errechnen läßt: Man erhält ihn, indem man das gesamte in der Bilanz genannte Eigenkapital durch das gezeichnete Kapital teilt und diese Zahl mit dem Nennwert einer Aktie multipliziert. Man rechnet also aus, wie viel Eigenkapital des Unternehmens auf jede Aktie entfällt. Als Faustregel gilt: Liegt der Börsenkurs weit über diesem "Bilanzkurs", wird von dem Unternehmen an der Börse viel erwartet, liegt er niedriger, genießt das Unternehmen nur wenig Vertrauen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 251 Nutzer finden das hilfreich.