ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Wenn an der Börse wenig Nachfrage nach Aktien oder Anleihen besteht, herrscht ein Tief. Mit diesem Bild aus der Meteorologie lässt sich das französische Baisse am besten ins Deutsche übertragen. Baissen sind nicht denkbar ohne ihre Gegenteile, die Haussen: Die Nachfrage steigt und mit ihr die Preise der Wertpapiere.

Die englischsprachige Welt nennt sinkende Börsenkurse „bearish stock market“ und steigende „bullish stock market“. 1761 warfen königliche Beamte die Aktienhändler aus dem Buckingham Palace, weil sie wie Bullen und Bären aufeinander losgingen. Wie sich die kräftigen Tiere zu Leibe rücken, darüber wussten die frühen Broker Bescheid. Im damaligen London gehörten Bullen- und Bärenkämpfe zur Volksbelustigung.

Bis in die 1990er-Jahre be­unruhigten die Bärenmärkte Anleger und Broker nicht allzu sehr. Fast 50 Jahre lang waren die Zyklen der Regel gefolgt, dass eine Hausse im Schnitt rund vier Jahre dauerte, eine Baisse nur rund ein Jahr.

Mitarbeiter der Fondsgesellschaft Templeton haben die Aktienvergangenheit seit 1954 unter die Lupe genommen. Außer der Dauer der Zyklen interessierte sie auch der durchschnittliche Gewinn und Verlust der Weltbörsen während der Aufs und Abs. Zwischen 1954 und 1999 gab es acht Haussen. Sie schlossen inflationsbereinigt im Schnitt mit je 103,4 Prozent Gewinn ab. In den Baissen verloren Anleger 26,5 Prozent.

Auf und nieder ...

Nach dem Ende des Koreakriegs 1953 fassten die Märkte Ende 1954 wieder Vertrauen. Diese Hausse dauerte 17 Monate und endete mit einem Plus von 23,9 Prozent. Bis Mai 1957 fraß der Bär 19,3 Prozent des Vermögens wieder auf. Es folgen 55 fette Monate, in denen die Depots um 134,4 Prozent anschwollen.

Nach dem Bau der Berliner Mauer gab es keinen Kurseinbruch. Erst Anfang 1962 begann eine Baisse, die sich nach sechs Monaten und Verlusten von 18,9 Prozent verflüchtigte.

Der nächste Zyklus startete im Juli 1962 mit einer 43-monatigen Hausse. An ihrem Ende waren die Aktien 64,5 Prozent gestiegen. In diese Jahre fiel der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg. Von Februar bis September 1966 büßten die Aktienmärkte weltweit 16,9 Prozent ein. Trotz Krieg in Südostasien und Kaltem Krieg im Rest der Welt kletterten die Kurse in den 26 Monaten von Oktober 1966 bis November 1968 um 47,6 Prozent.

Dann wuchs in den USA der Widerstand gegen den Krieg. Die Märkte reagierten im Dezember 1968. 19 Monate fielen die Kurse, verloren 31,4 Prozent. Die von Deutschland eingeleitete Entspannungspolitik sorgte für eine Beruhigung der Märkte, die sich in einem 61,5-prozentigen Wachstum der Weltbörsen bis zum März 1973 niederschlug. Das war das Jahr, in dem sich die USA aus Südvietnam zurückzogen.

1975 übernahmen die Kommunisten die Kontrolle über das Land. Die Kapitalisten an den Börsen hatten bereits im September 1974 nach einer 18-monatigen Baisse mit hohen 48,8 Prozent Verlust eingepreist, dass der Wind sich drehte. An den Börsen startete die bis dato längste Rallye, die 74 Monate dauerte und an deren Ende die Anteilseigner um 72,3 Prozent reicher waren.

... immer wieder

Bis Juli 1982 schmolzen die Aktienvermögen binnen 20 Monaten um 27,4 Prozent. Dann entfesselte Ronald Reagan mit den „Reaganomics“ die ökonomischen Kräfte der größten Volkswirtschaft der Welt. In den 61 Monaten bis zum August 1987 schossen die Aktienkurse um 302,4 Prozent in die Höhe, um im größten Crash der Börsengeschichte – den Schwarzen Freitag von 1929 eingeschlossen – bis November 21,1 Prozent einzubüßen. Ein Fünftel des Vermögens ging verloren.

Danach ging es bis Dezember 1989 noch einmal um 41,3 Prozent nach oben. Eine Phase, die ausgerechnet nach der Euphorie des Mauerfalls in Berlin in eine neunmonatige Baisse mit Verlusten an den Märkten von 28,4 Prozent mündete.

Was dann folgte, ist bekannt. Die Weltbörsen blähten sich auf, weil das Internet und die Gurus der New Economy den Anlegern ewiges Wachstum und ein Ende des zyklischen Auf und Ab versprachen. Das war eine Schimäre, die den Anlegern nun schon 30 Monate die lange Nase zeigt.

Noch etwas haben die Anleger gemerkt: Im Börsenzoo lebt heute eine ­gefährliche Spezies mehr: Die schwarzen Schafe in den Unternehmen und Banken verzerren mit Bilanztricks und verlogenen Kaufempfehlungen die Anlagemärkte fast mehr als manch weltbewegendes Ereignis in den vergangenen 48 Jahren.

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