Gut eine Woche nach dem Verkaufsstart der beiden Sprays „Magic Nano Bad- und WC-Versiegeler“ und „Magic Nano Glas- und Keramikversiegeler“ ist die Zahl der Vergiftungsfälle auf 74 gestiegen. Nach wie vor unklar ist die Ursache für das Desaster. Durch Behörden und beteiligte Unternehmen eingeschaltete Labors haben immer noch nicht herausgefunden, welche Chemikalie(n) in den Sprays für die giftige Wirkung verantwortlich ist. Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Tübingen. Betroffene haben gute Chancen auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. test.de informiert über den aktuellen Stand der Dinge.

Einzelne Fälle von Lungenödemen

Die beiden „Magic Nano“-Sprays sollten das Leben leichter machen. Milliardstel Millimeter kleine Partikel gleichen die Unebenheiten in Glas und Keramik aus und machen Flächen unempfindlich gegen Schmutz und Feuchtigkeit, verspricht der Anbieter. Doch schon wenige Stunden nach dem Verkaufsstart beim Discounter Penny liefen bei den Giftinformationszentralen (GIZ) Berichte über akute Vergiftungen ein. Bis heute klagten 74 Menschen nach Benutzung der Sprays über heftige Kopfschmerzen, Atemnot, Hustenanfälle und Schüttelfrost. In sechs Fällen bildete sich so genannte toxische Lungenödeme. Soweit bekannt ließen die Beschwerden nach 12 bis 18 Stunden nach. Offenbar erlitt niemand bleibende Schäden. Zumindest zwei schwangere Frauen benutzten die gefährlichen Sprays. Einer der Frauen geht es ohne erkennbare weitere Folgen inzwischen wieder besser; die zweite Schwangere blieb völlig von Vergiftungssymptomen verschont.

Kritik an Medien

Die Giftinformationszentrale Nord und die Behörden verschiedener Bundesländer warnten bereits am Dienstag vor den gefährlichen Sprays - mit mäßigem Erfolg. Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender berichteten zögerlich und wenig umfangreich. „Trotz intensiver Bemühungen der Behörden brachten weder die heute-Sendung des ZDF um 19 Uhr noch die Tagesschau der ARD um 20 Uhr die Warnung“, kritisiert Prof. Dr. Manfred Edelhäuser, für Lebensmittelüberwachung zuständiger Dezernent im baden-württembergischen Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum. Erst am Mittwoch erschien die Warnung in zahlreichen Zeitungen und Onlinediensten.

Knapp 4 000 Dosen

Penny stoppte den Verkauf der Sprays am Dienstag. Knapp 4 000 Dosen waren da bereits verkauft. Anbieter der beiden Sprays ist die Kleinmann GmbH aus Baden-Württemberg. Sie veröffentlichte ebenfalls am Dienstag einen kurzen Bericht und empfahl, die betroffenen Sprays nicht in geschlossenen Räumen zu benutzen. Bei Penny selbst waren zunächst keinerlei Informationen verfügbar. Weder unter www.penny.de noch in den Filialen gabs Informationen zu den gefährlichen Produkten. Erst am Donnerstag erklärte ein Penny-Sprecher gegenüber test.de: Aushänge in den Filialen sollen Penny-Kunden auf die Gefahr hinweisen. Noch unklar ist, wie viele der gefährlichen Spraydosen noch in Umlauf sind.

Forscher noch ratlos

Ebenfalls noch unklar ist die genaue Ursache für die Vergiftungsfälle. Sowohl die baden-württembergischen Behörden als auch die Kleinmann GmbH haben Labors mit Untersuchungen beauftragt. Die Kleinmann GmbH selbst kennt nach eigenen Angaben die genaue Rezeptur nicht. Die Flüssigkeit, die für den Versiegelungseffekt sorgen soll, stammt von der Nanopool GmbH. Diese sei als Pumpspray bereits seit längerem im Einsatz, ohne dass es Schwierigkeiten gegeben habe, erklärte ein Unternehmenssprecher. Mit der Herstellung des Aerosols und Abfüllung in Spraydosen hat die Kleinmann GmbH die Hago Chemotechnik GmbH in München beauftragt. Als Treibmittel hat das Unternehmen dabei nach eigenen Angaben Dimethylether (DME) in Aerosolqualität verwendet. Diese Chemikalie ist erprobt und ist beispielsweise in zahlreichen Haarsprays enthalten. Zusätzlich sei bei der Abfüllung der Sprays ein handelsüblicher Korrosionsinhibitor auf Phosphorsäureester-Basis zum Einsatz gekommen, um ein Durchrosten der aus Weißblech gefertigten Spraydosen zu verhindern, erklärte ein Unternehmenssprecher. Auch diese Chemikalie sei handelsüblich.

Staatsanwalt leitet Verfahren ein

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft in Tübingen ein Verfahren wegen des Verdachts fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch eingeleitet und Beamte des Aufgabenbereichs Gewerbe und Umweltschutz in der Polizeidirektion Reutlingen mit Ermittlungen beauftragt.

Gute Chancen auf Schadenersatz

Unabhängig vom Ausgang etwaiger Strafverfahren haben Opfer der gefährlichen Sprays gute Chancen auf Schadenersatz. Nach dem Produkthaftungsgesetz hat der Hersteller für die Folgen von Produktfehlern selbst dann Schadenersatz und Schmerzensgeld zu leisten, wenn ihm keinerlei Verschulden zur Last fällt. Betroffene sollten sich unbedingt unverzüglich behandeln lassen, sich vom Arzt ein detailliertes Attest schreiben lassen und möglichst die Spraydose aufbewahren.

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