10 Jahre Riester-Rente Special

Seit zehn Jahren gibt es die staatlich geförderte Altersvorsorge mit der Riester-Rente. Sie lohnt sich – aber nur, wenn Sparer alles richtig machen.

Die Riester-Rente wird zehn Jahre alt – und steckt damit immer noch in den Kinderschuhen. Zumindest wenn man sie mit der gesetzlichen Rentenversicherung vergleicht, die Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde. Die betriebliche Altersvorsorge hat in Deutschland sogar noch eine längere Tradition.

Die kleine Schwester wurde 2002 nach dem damaligen Bundesarbeitsminister Walter Riester benannt. Fast 15 Millionen Menschen haben für die Riester-Rente bisher insgesamt knapp 37 Milliarden Euro angespart. Nach Aussage des Bundesarbeitsministeriums „eine Entwicklung, die sehr erfreulich verläuft“.

Alle Kinderkrankheiten hat diese staatlich geförderte private Altersvorsorge nach zehn Jahren aber noch nicht hinter sich gelassen. Die größten Schwachstellen sind bisher das komplizierte Zulagenverfahren, die vielen Vermittler, die Sparern unpassende Produkte verkaufen, und der Umstand, dass Geringverdiener, die dringend fürs Alter vorsorgen müssten, bisher kaum von der staatlich geförderten Vorsorge profitieren können.

Zulagenverfahren ist kompliziert

10 Jahre Riester-Rente Special

Elke Abramowicz spart seit 2002 mit einer Riester-Rentenversicherung für eine zusätzliche Altersvorsorge. Immer wieder gab es Probleme mit der fehlenden Zulage. „Mir wäre viel Geld verloren gegangen, wenn ich mich nicht darum gekümmert hätte“, sagt sie.

Auch Elke Abramowicz fühlt sich von der Riester-Bürokratie überfordert. „Ich habe bisher zwar immer die Zulagen für mich und meine Tochter beantragt.“ Die gelernte Architektin aus Üttfeld in der Eifel ist aber verunsichert. „Meine Versicherungsgesellschaft hat meinen Antrag auf Zulage verspätet an die Zulagenstelle weitergeleitet. Ich musste oft nachhaken, bis ich die Zulagen bekam. So positiv die Riester-Rente auch ist – ich habe viel Arbeit damit.“

Die Zulagen sind das Herzstück der Riester-Rente. Sie sind das, was der Staat allen Sparern dazugibt. Und sie machen diese Art des Sparens so vorteilhaft im Vergleich zu anderen Formen der Altersvorsorge. 154 Euro gibt es jährlich für jeden Sparer als Grundzulage und zusätzlich eine Kinderzulage von 300 Euro im Jahr für Kinder, die ab 2008 geboren sind. Für alle, die vorher geboren wurden, gibt es 185 Euro im Jahr. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern kann jährlich 908 Euro allein an staatlichen Zulagen fürs Alter sparen.

Elke Abramowicz müsste die Zulagenanträge nicht jedes Jahr neu ausfüllen. Sie kann ihrem Anbieter eine Vollmacht erteilen, dies für sie zu tun. Das geht einfach. Sie muss nur im nächsten Zulagenantrag ein Kreuzchen machen. Ganz vergessen darf sie ihren Riester-Vertrag aber trotzdem nicht. Denn alle Änderungen, die sich auf ihren Zulagenanspruch auswirken könnten, muss sie ihrem Anbieter mitteilen – zum Beispiel wenn irgendwann das Kindergeld für ein Kind wegfällt (siehe „Unser Rat“).

Elke Abramowicz ist nicht allein in ihrer Verwirrung über die Zulagen. Erst Mitte 2011 hat die staatliche Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) ausgezahlte Zulagen im Wert von 490 Millionen Euro wieder zurückgebucht. Viele Sparer hatten die Voraussetzungen nicht erfüllt, um die volle Zulage zu erhalten.

Bis zu vier Jahre rückwirkend darf die ZfA in diesen Fällen ihre Zahlungen stornieren. Und allein für die Jahre 2005 und 2007 zählte die ZfA 1,5 Millionen Fälle. Sie erfasst jede Rückbuchung für jedes Jahr einzeln. Deshalb sind weniger Menschen betroffen als es Fälle gibt – aber doch Hunderttausende.

So viel zahlt der Staat

Um die volle Zulage zu erhalten, müssen Sparer jedes Jahr Einzahlungen leisten. Mindestens 4 Prozent ihres rentenversicherungspflichtigen Bruttoeinkommens aus dem Vorjahr müssen in den Riester-Vertrag fließen. Bei 50 000 Euro Einkommen sind das zum Beispiel 2 000 Euro für den Riester-Vertrag. Dabei zählen die Zulagen mit. Nur den Rest müssen die Sparer selbst aufbringen.

Wer weniger spart, bekommt die Zulage nur anteilig. Riester-Sparer müssen also ständig im Auge behalten, wie sich ihr Einkommen entwickelt und ihre Sparleistung anpassen, wenn sie nichts von der Zulage verschenken wollen. Nicht gekürzt wird die Zulage nur bei Gutverdienern, die zwar weniger als 4 Prozent, aber mindestens 2 100 Euro jährlich einzahlen. Denn damit haben sie die Fördergrenze erreicht. Mehr wird nicht gefördert.

Wer zum Beispiel 60 000 Euro brutto im Jahr verdient und so eigentlich 2 400 Euro in seinen Vertrag fließen lassen müsste, bekommt deshalb die volle Zulage schon ab 2 100 Euro Sparleistung im Jahr.

Ist das Gehalt dagegen so niedrig, dass die Zulagen allein schon mehr als 4 Prozent des rentenversicherungspflichtigen Bruttoeinkommens ausmachen, muss der Sparer trotzdem einen Sockelbetrag von mindestens 60 Euro im Jahr einzahlen.

Verloren ist die staatliche Förderung für Sparer, die ihr Altersvorsorgevermögen vor Ende der Laufzeit aus dem Vertag nehmen. Ausnahme: Für den Bau oder Kauf einer selbstgenutzten Immobilie dürfen sie die angesparte Summe aber einsetzen.

Auch Riester-Sparer, die ihren Wohnsitz in ein Land verlegen, das nicht zur EU oder zum europäischen Wirtschaftsraum gehört, verlieren ihre Ansprüche und müssen die Förderung zurückzahlen (siehe „Riester-Rente im Ausland“ aus Finanztest 10/2011).

Wer kann riestern?

Für die Riester-Förderung muss eine Voraussetzung erfüllt sein: Der Sparer selbst oder sein Ehepartner muss in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sein. Für Beamte gilt eine Ausnahme: Sie sind riesterberechtigt, obwohl sie nicht der gesetzlichen Rentenversicherung angehören.

Alle anderen, beispielsweise Freiberufler, können über einen Umweg die Zulagen vom Staat bekommen: Wenn ihr pflichtversicherter Ehepartner riestert, werden sie zu „mittelbar“ Förderberechtigten.

Mittelbar Förderberechtigte müssen einen eigenen Vertrag abschließen. Sie bekommen so viel Grundzulage wie ihr Ehepartner. Dabei sind sie nicht an den Anbieter gebunden, bei dem ihr Ehepartner abgeschlossen hat, sondern dürfen frei wählen.

Sie müssen auch nicht, wie ihr Partner, 4 Prozent ihres Einkommens in ihren Vertrag einzahlen. Bisher reicht es sogar, nur die Zulagen anzusparen. Ab 2012 geht das allerdings nicht mehr. Dann wird ein Mindesteigenbeitrag von 60 Euro jährlich fällig.

Die volle Zulage von 154 Euro gibt es nur, wenn der Ehepartner mit dem ursprünglichen Riester-Vertrag seinen Part erfüllt, also 4 Prozent einzahlt. Ansonsten wird ihm und auch dem Partner die Zulage gekürzt. Im Gegenzug wird die Zulage aus dem zweiten Riester-Vertrag berücksichtigt, wenn es um den Mindestbeitrag für den ersten Riester-Vertrag geht.

Beispiel: Bei einem rentenversicherungspflichtigen Bruttoeinkommen von 42 000 Euro im Jahr müssen insgesamt 1 680 Euro im Jahr in den Riester-Vertrag fließen, denn das sind 4 Prozent von 42 000 Euro. Da die Grundzulage von 154 Euro mitzählt, muss der Sparer selbst nur 1 526 Euro einzahlen. Das sind rund 127 Euro monatlich.

Wenn der Ehepartner nur mittelbar förderberechtigt ist und ebenfalls riestert, verringert sich der Mindesteigenbeitrag für die Höchstförderung um weitere 154 Euro auf 1 372 Euro.

Wenn das Ehepaar nun noch zwei kleine Kinder hat, für die der Staat weitere 600 Euro zahlt, reduziert sich der Beitrag auf 772 Euro jährlich oder rund 64 Euro monatlich. Bei 772 Euro Eigenbeitrag im Jahr hätte das Ehepaar so schon ohne Zinsen 1 680 Euro in den Sparverträgen – nicht schlecht –, aber Sparer müssen da erst mal durchsteigen.

Riester soll sich auch für Arme lohnen

Neben dem komplizierten Verfahren hat die Riester-Rente noch einen weiteren Schwachpunkt: Geringverdiener, die ihr Leben lang wenig verdienen, haben bisher nichts von der privat angesparten Altersvorsorge. Zumindest dann nicht, wenn sie im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind.

Grundsicherung ist eine steuerfinanzierte Sozialleistung. Sie soll die absichern, die wegen ihres Alters aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und deren Einkünfte für den notwendigen Lebensunterhalt nicht ausreichen.

Die Krux: Eigene Einkünfte und Vermögenswerte werden auf die Zahlungen angerechnet – auch die Riester-Rente. Wer also sein Leben lang wenig verdient und dennoch privat vorsorgt, hat nichts davon. Denn die Rente aus dem Riester-Vertrag wird von der Grundsicherung abgezogen.

Es gibt nun aber Vorschläge aus dem Bundesarbeitsministerium für eine Zuschuss-Rente. Sie soll Menschen besserstellen, die wenig verdient, aber lange gearbeitet und zusätzlich vorgesorgt haben.

Die Zuschussrente, zusammen mit der gesetzlichen Rente und der zusätzlichen privaten Altersvorsorge würde immer oberhalb der Grundsicherung liegen, damit sich die ergänzende Altersvorsorge auch für Geringverdiener lohnt. Ein Gesetz dazu wird aber frühestens 2013 in Kraft treten.

Provisionen kappen

Eine weiterer Schwachpunkt soll womöglich schon vorher behoben werden: Der Abschluss vieler Riester-Verträge ist sehr teuer, vor allem der von Rentenversicherungen. Zurzeit wird im Bundestag ein Gesetzentwurf beraten, nach dem die Provisionen für Lebensversicherungen, zu denen auch Rentenversicherungen gehören, begrenzt werden sollen. Das neue Gesetz soll zum 1. Januar 2012 in Kraft treten.

Seit Einführung von Riester erhielten die Unternehmen der Finanzbranche nach Angaben der Bundesregierung nämlich rund 5,9 Milliarden Euro für Provisionen und Verwaltung. Damit gehen rund 15 Prozent aller Einzahlungen aus Beiträgen der Sparer und Zulagen für Kosten drauf. Bei einzelnen Verträgen werden die Kosten sogar deutlich höher sein und bei andern sehr viel geringer. Banksparpläne liegen meist deutlich unter 15 Prozent Kosten, Rentenversicherungen können schnell darüberliegen.

Aber selbst wenn die Kosten niedrig sind, kann die Auswahl eines unpassenden Produkts viel Rendite kosten. Der Riester-Vertrag muss zu den Lebensumständen des Sparers passen.

Zwar kann niemand einen Totalverlust erleiden, da die Beiträge und Zulagen garantiert bei Auszahlungsbeginn vorhanden sind. Doch für einen Sparer, der einen Bausparvertrag abschließt und dann nicht baut, kann das Ergebnis ziemlich ernüchternd sein. Dasselbe gilt für ältere Sparer, die auf einen Riester-Fondssparplan setzen, aber keine Aktienfonds bekommen.

Nach Erfahrungen der Verbraucherzentralen verkaufen Vermittler und Finanzberater Sparern häufig Riester-Verträge, die nicht optimal zu ihnen passen.

Wer merkt, dass er das falsche Produkt abgeschlossen hat, kann wechseln. Meist ist es jedoch sinnvoller, den alten Vertrag „beitragsfrei“ zu stellen und dort nicht weiter einzuzahlen. Die künftigen Sparraten fließen dann in einen neuen, passenden Vertrag.

Die ersten Riester-Renten sind niedrig

10 Jahre Riester-Rente Special

Herwarth Weber ist ein Riester-Sparer der ersten Stunde. Seit Januar 2002 zahlt er in eine klassische Riester-Rentenversicherung ein. Ab 2012 will der 63-jährige Finanzbeamte dann seine Rente beziehen. Er rechnet mit 89 Euro im Monat.

Herwarth Weber hat seinen Vertrag durchgehalten. Abgeschlossen hat er ihn Januar 2002 bei der Debeka. Ab November 2012 bekommt er jeden Monat 89 Euro Rente. „Gefühlsmäßig eher wenig“ sei das, meint der 63-jährige Finanzbeamte.

Klaus Moryson hat nicht so viel und nicht so lange eingezahlt wie Weber. Ab Januar 2012 wird er aus seinem Banksparplan bei der Sparkasse Bochum knapp 47 Euro im Monat bekommen.

Das ist Moryson zu wenig, er sucht eine Alternative. Doch keine der drei Banken, zu denen er mit seinem Riester-Vermögen von rund 12 620 Euro wechseln wollte, machte ihm ein Angebot für die Auszahlphase. „Es lohnt sich für die Banken nicht, bekam ich zur Antwort“, sagt Moryson.

10 Jahre Riester-Rente Special

Klaus Moryson wird ab 2012 Rente bekommen. Er überlegt, für die Auszahlphase seines Banksparplans einen neuen Anbieter zu wählen. Die Kosten des Angebots der Stadtsparkasse Bochum sind ihm zu hoch.

Generell sind die Auszahlungen bisher niedrig. Beim größten deutschen Versicherer, der Allianz , liegen die Riester-Auszahlungen im Schnitt bei 34 Euro im Monat, bei der Investmentfondsgesellschaft DWS bei 43 Euro monatlich.

Riester-Verträge sind für sehr lange Laufzeiten von über 20 oder 30 Jahren gedacht. Die ältesten Verträge laufen jetzt noch nicht einmal ganz zehn Jahre. Deshalb sind die Auszahlungen bisher sehr niedrig und nicht besonders aussagekräftig. Zudem wurden Einzahlungen und Förderung ab 2002 erst stufenweise erhöht. Erst im Jahr 2008 erreichte sie ihren derzeitigen Umfang.

Noch sind Riester-Rentner selten. Beim größten deutschen Versicherer Allianz waren es bis August 2011 gerade mal 3 400. Die Investmentfondsgesellschaft Union Investment meldet, dass sie im November ihren ersten Riester-Rentner haben werde. Bei der Fondsgesellschaft DWS waren es bis August 92 Rentner, die Deka hat noch keinen.

So ganz unzufrieden ist Weber denn auch nicht. „Na ja, besser als nichts“, sagt er.

Und so ganz unzufrieden müssen auch die Riester-Sparer gar nicht sein. Im Gegenteil: Ihre Rendite kann in einigen Jahren sehr gut sein – wenn sie bis dahin alles richtig machen.

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