Zusatzversicherungen: Was wirklich sinnvoll ist

Zusatzversicherungen Test

finanztest 04/2008

Private Policen für die Gesundheit verkaufen sich bestens. Doch nicht alle sind sinnvoll.

Zusatzversicherungen

Teurer Zahnersatz, Chefarztbehandlung im Krankenhaus, alternative Therapien beim Heilpraktiker – immer mehr Kassenpatienten stocken ihren gesetzlichen Schutz durch private Zusatzversicherungen für solche und viele weitere Extras auf. Rund 19 Millionen Verträge mit Kassenpatienten zählten die privaten Krankenversicherer bis Mitte 2007. Die Zusatzpolicen bringen ihnen etwa ein Fünftel ihrer Beitragseinnahmen.

Zähne, Brille, Chefarzt

Vor allem das Geschäft mit Zahnzusatzversicherungen boomt seit einigen Jahren. Gesetzlich Versicherte wollen auf den Kosten für Kronen und Brücken nicht alleine sitzenbleiben oder sie wünschen eine besonders teure Versorgung beim Zahnarzt, beispielsweise mit Implantaten.

Von der Kasse gibt es nur einen Festzuschuss, alles andere tragen Patienten selbst oder mithilfe einer Zusatzversicherung. Für die leistungsstärksten Tarife zahlten in unserem jüngsten Test 43-jährige Neukunden 20 bis 30 Euro im Monat.

Für Kunden, die neben Zahnersatz beispielsweise auch Zuschüsse für Brillen oder für den Heilpraktiker wollen, gibt es auch Paketangebote. Sie kosten je nach Umfang von unter 10 bis über 50 Euro im Monat.

Fast wie ein Privatpatient können sich Versicherte mit einer Zusatzpolice im Krankenhaus fühlen. Sie liegen im Ein- oder Zweibettzimmer und werden von Chefärzten behandelt. Gesunde 43-jährige Neukunden zahlen für die besten Einbettzimmer-Tarife um die 40 Euro im Monat (siehe Test Krankenhaus-Zusatzversicherung).

Vorsorge

Aus einer Versicherung für „individuelle Gesundheitsleistungen“ (Igel-Leistungen) erhalten Versicherte Zuschüsse zu Behandlungen, die als „medizinisch nicht notwendig“ eingestuft sind. Meist sind das Vorsorgeuntersuchungen, die eine gesetzliche Kasse für Gesunde nicht bezahlt, zum Beispiel die Glaukom-Untersuchung (grüner Star) beim Augenarzt.

Einige Untersuchungen können sinnvoll sein. Die meisten gesetzlich Versicherten nutzen aber nicht einmal das Vorsorgeprogramm, das die Kassen bezahlen.

Die Monatsbeiträge für das Igel-Angebot des Versicherers DKV liegen beispielsweise für einen 43-jährigen Mann bei 14,50 Euro, für Frauen bei 18 Euro.

Schutz auf Reisen

Das einzige „Muss“ unter den Zusatzpolicen ist die Auslandsreise-Krankenversicherung. Denn der Schutz der gesetzlichen Krankenversicherung reicht selbst innerhalb der Europäischen Union nicht weit genug. Einen medizinisch notwendigen Rücktransport nach Deutschland zahlt sie nämlich in keinem Fall. Und auch auf manchen Behandlungskosten können Versicherte sitzenbleiben.

Reisekrankenversicherungen werden oft im Paket mit anderen Reise- oder Gesundheitspolicen angeboten. Günstiger sind sie einzeln. Das kostet 43-jährige Kunden weniger als 10 Euro im Jahr. Im nächsten Heft kommt der aktuelle Test.

Lange Krankheit

Rund 1,3 Millionen Kassenpatienten haben eine private Krankentagegeldversicherung abgeschlossen. Für viele gesetzlich versicherte Selbstständige ist das keine Zusatzversicherung, sondern sie tritt an die Stelle des gesetzlichen Krankengeldes.

Aber auch für Arbeitnehmer kann der Abschluss einer privaten Krankentagegeldversicherung sinnvoll sein. Sie erhalten nur in den ersten sechs Krankheitswochen Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber. Bei längerer Krankheit zahlt die Krankenkasse zwar Krankengeld. Doch das deckt nur einen Teil des Einkommensausfalls ab.

Die Versicherten dürfen die Lücke mit einer privaten Krankentagegeldversicherung bis zur Höhe ihres Nettoeinkommens auffüllen.

Beispielrechnung für die Krankengeldlücke
Bruttomonatsgehalt: 4 250 Euro
Nettomonatsgehalt: 2 550 Euro
Krankengeld 90 % x 2 550 Euro = 2 295 Euro
Beitrag zur Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung:
12,45 % x 2 295 Euro = 286 Euro
Ausgezahltes Krankengeld:
2 295 Euro – 286 Euro = 2 009 Euro
Lücke zwischen Nettogehalt und Krankengeld:
2 550 Euro – 2 009 Euro = 541 Euro

Wenn der Angestellte nach sechs Wochen Krankengeld bezieht, erhält er 541 Euro weniger im Monat, als ihm sonst netto zur Verfügung stehen. Zahlt er etwa einen Kredit ab, kann ihn das in Bedrängnis bringen.

Die Lücke von 541 Euro im Monat entspricht 18 Euro täglich. Um den Betrag ab dem 43. Krankheitstag über eine private Versicherung abzusichern, müsste ein 43-jähriger gesunder Mann je nach Anbieter etwa 7 bis 15 Euro Monatsbeitrag zahlen.

Für den Pflegefall

Die gesetzliche Pflegeversicherung wird wohl auch nach der anstehenden Reform nur einen Teil der Kosten für ein Pflegeheim oder für die Betreuung durch häusliche Pflegedienste abdecken. Wer später nicht auf die eigenen Kinder oder auf das Sozialamt angewiesen sein will, kann mit einer Pflegezusatzversicherung vorsorgen. Es gibt sie in zwei Formen:

  • Pflegetagegeldversicherung: Pro Tag der Pflegebedürftigkeit erhält der Versicherte einen Betrag, über den er frei verfügen kann. Wegen der hohen Flexibilität, die das dem Kunden gibt, rät Finanztest zu dieser Art der Versicherung. Rund 800 000 Kunden haben solche Verträge.
  • Pflegekostenversicherung: Der Versicherte erhält in der Regel einen Zuschuss zu den nachgewiesenen Kosten für professionelle Pflege zuhause oder im Heim. Diese Art von Versicherung wird seltener angeboten. Bundesweit gibt es um die 180 000 Verträge.

Mehr Geld für den Arzt

Gesetzlich Versicherte können wie Privatpatienten mit den Ärzten direkt abrechnen, wenn sie das wollen. Dazu müssen sie das Kostenerstattungsverfahren bei ihrer Kasse wählen. Die Vergütung nach der privatärztlichen Gebührenordnung ist in der Regel deutlich höher, als wenn der Arzt oder Zahnarzt den Patienten auf Chipkarte behandeln würde. Dafür gibt es wiederum Zusatzversicherungen.

Zusätzliche medizinische Leistungen erhält der Versicherte trotzdem nicht. Er kann sich auch nur von Ärzten mit Kassenzulassung behandeln lassen, reine Privatpraxen bleiben ihm verschlossen. Er kann nur darauf hoffen, dass die Ärzte sich mehr Zeit für ihn nehmen oder ihn bei der Terminvergabe bevorzugen.

Aus einer ambulanten Zusatzversicherung bekommt der Patient die Differenz zwischen Kassensatz und Privatrechnung zu einem großen Teil erstattet. Diese Versicherungen sind allerdings sehr teuer. Für eine 45-jährige gesunde Frau können die Beiträge über 100 Euro im Monat liegen.

Finanztest rät vom Kostenerstattungsverfahren und von den Zusatzversicherungen dafür ab.

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