Private Haftpflichtversicherung: Über 250 Tarife im Test
Eine kleine Unachtsamkeit kann zur großen finanziellen Katastrophe werden. Davor schützt eine Haftpflichtversicherung.
Maren Harland hat den Versicherungsschutz, den jeder unbedingt haben sollte – der jedoch immer noch in rund 30 Prozent aller Haushalte fehlt: eine private Haftpflichtversicherung.
Bereits vor zehn Jahren hat sie einen Vertrag abgeschlossen. Allerdings glaubt Maren Harland nicht, dass er gut ist: „Ich habe die diffuse Ahnung, nicht gut versichert zu sein.“ Damit steht sie nicht allein. 24 Prozent der Teilnehmer einer Finanztest-Umfrage im Internet, die unsere Fragen zur privaten Haftpflichtversicherung beantwortet haben, sind sich nicht sicher, ob sie wirklich einen optimalen Vertrag haben, oder sagen sogar, dass sie sich nicht gut geschützt fühlen.
Maren Harlands Ahnung trügt nicht: Mit einer Versicherungssumme unter 3 Millionen Euro ist sie nicht ausreichend versichert. Dies gilt auch für Reinhard Pohl. Wie insgesamt 15 Prozent der 3 800 Umfrage-Teilnehmer hat er bei unserer Umfrage angegeben, dass die Versicherungssumme niedriger ist als 3 Millionen Euro pauschal für Sach- und Personenschäden. Solche Tarife haben wir erst gar nicht in unsere Vergleichstabelle aufgenommen.
Wenn es ganz schlimm kommt
Denn entscheidend ist der Versicherungsschutz für die schwerwiegenden Fälle; zum Beispiel wenn ein Blumentopf von der Fensterbank kippt und einen Passanten erheblich verletzt. Für schwerste Verletzungen kann auch ein Inlineskater verantwortlich sein, der in voller Fahrt einen Fußgänger umfährt. Fällt dieser so unglücklich, dass er erwerbsunfähig und pflegebedürftig wird, kann dies für den Skater den finanziellen Ruin bedeuten: Behandlungskosten, Schmerzensgeld, Pflegekosten, den behindertengerechten Umbau der Wohnung und Verdienstausfall – das summiert sich auf Millionen. Auch große Schäden durch Feuer und Wasser können den Verursacher ruinieren, denn er haftet laut Gesetz mit seinem ganzen Vermögen und seinem Einkommen oberhalb der Pfändungsfreigrenze. Damit aus einem Schaden keine finanzielle Katastrophe wird, benötigt jeder unbedingt eine Privathaftpflichtversicherung – mit einer Versicherungssumme von mindestens 3 Millionen Euro pauschal für Personen- und Sachschäden.
Gut und günstig versichert
Finanztest hat rund 250 Tarife für Familien geprüft und erstmals die Verbraucherfreundlichkeit der Versicherungsbedingungen bewertet. Die Bedingungen von 17 Tarifen schnitten dabei mit „sehr gut“ ab, drei Angebote bekamen für ihre Bedingungen nur ein „Mangelhaft“. Von den Tarifen mit „sehr guten“ Bedingungen ist das Angebot der Haftpflichtkasse Darmstadt (Vario Status) mit einem Jahresbeitrag von 71 Euro am günstigsten. Dieser Preis gilt für Familien. Für Singles, Senioren und andere Gruppen gibt es oft günstigere Angebote.
Für 59 Euro macht die WGV-Schwäbische Allgemeine mit ihrem „Standardtarif“ das günstigste Familienangebot mit „guten“ Bedingungen. Allerdings sind für diesen Preis Schäden durch den Verlust „fremder privater Schlüssel“ – also etwa für das Mietshaus, in dem der Versicherte wohnt – nicht mitversichert. Für den Mieter einer Wohnung in einer mit einem Zentralschließsystem gesicherten Wohnanlage kann der Verlust des Schlüssels richtig teuer werden. Er zahlt unter Umständen den Austausch aller Schlösser. Mieter brauchen also Schutz vor Schlüsselverlust. Mit dem „Basic“-Tarif von Janitos können sie dieses Risiko am günstigsten absichern; 62 Euro Jahresbeitrag kostet die Police.
Ein Hausbesitzer hat dieses Schlüsselproblem nicht. Er sollte jedoch bei seiner Privathaftpflicht darauf achten, dass Bauvorhaben bis zu einer Bausumme von 50 000 Euro mitversichert sind. Dann benötigt er für Umbauarbeiten meist keine Bauherren-Haftpflichtversicherung. In allen Tarifen mit „sehr guten“ oder „guten Bedingungen“ ist diese Leistung – zumindest eingeschränkt – enthalten; zum Teil sind Bauvorhaben sogar bis zur Höhe der vollen Versicherungssumme mitversichert.
Diese Beispiele zeigen: Der Versicherungsschutz ist längst nicht bei allen Tarifen gleich. Zur Wahl eines optimalen Versicherungsschutzes gehört also beides: Preis- und Leistungsvergleich.
Es gibt Leistungen, die jede Police bieten sollte, und andere, die nur für bestimmte Kunden wichtig sind. Leistungen, die in jedem Vertrag enthalten sein sollen, haben wir als Finanztest-Grundschutz definiert und bei der Bewertung der Versicherungsbedingungen doppelt gewichtet. Tarife, die unseren Grundschutz nicht erfüllen, hatten keine Chance auf ein „Sehr gut“ oder „Gut“.
Darüber hinaus haben wir festgelegt, welchen Schutz Familien, Hausbesitzer und Mieter zusätzlich benötigen und was für besondere Situationen besonders wichtig ist.
Wenn Kinder Schaden anrichten
Wichtig für Familien ist beispielsweise, dass der Haftpflichtschutz für deliktunfähige Kinder unabhängig davon gilt, ob die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben oder nicht. „Wenn mein Sohn mal etwas anstellt, möchte ich, dass die Versicherung für den Schaden aufkommt“, sagt Anja Bußhaus-Lamers.
Ihr ältester Sohn Torben ist vier Jahre alt. Wie alle Kinder unter sieben Jahren ist Torben per Gesetz deliktunfähig. Im Straßenverkehr liegt diese Altersgrenze bei zehn Jahren. Für Schäden, die deliktunfähige Kinder verursachen, haften Eltern nur, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Nur dann zahlt also die private Haftpflichtversicherung.
Wie vielen anderen Müttern ist es Anja Bußhaus-Lamers jedoch wichtig, dass die Versicherung unabhängig davon zahlt, ob sie ihre Aufsichtspflicht verletzt hat oder nicht. Denn nur so kann man beispielsweise einen Streit unter Nachbarn über die von einem deliktunfähigen Kind beim Spielen eingeworfene Fensterscheibe vermeiden.
Eine weitere Leistung, die Anja Bußhaus-Lamers für sehr wichtig hält, ist die Forderungsausfalldeckung. Wenn jemand ohne private Haftpflichtversicherung einen Schaden verursacht und selbst zahlungsunfähig ist, springt die Haftpflicht des Geschädigten ein. Bevor seine Versicherung zahlt, muss der Geschädigte allerdings alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um doch noch Geld vom Schadenverursacher zu erhalten.
Mit einem Jahresbeitrag von 76 Euro sind Anja Bußhaus-Lamers und ihre Familie günstig versichert. Doch die Physiotherapeutin in Elternzeit weiß nicht, ob diese beiden ihr besonders wichtigen Leistungen im Vertrag enthalten sind. Die Finanztest-Umfrage hat sie dazu bewogen, ihren Vertrag zu überprüfen.
Die Police erweitern
Carsten Groth hat dies bereits getan. „Ich fühle mich nicht gut versichert, weil beispielsweise Schäden an geliehenen Gegenständen oder Schäden bei einer Nachbarschaftshilfe aus Gefälligkeit nicht bezahlt werden“, sagt Groth. Er hat seinen Versicherer angeschrieben und erfahren, dass beide Leistungen gegen einen Zuschlag von 14 Euro auf den Jahresbeitrag mitversichert werden können.
Manche Versicherungskunden wissen gar nicht, dass Schäden bei Gefälligkeitshandlungen meist nicht versichert sind. Von den 38 Angeboten im Test mit „sehr guten“ und „guten“ Bedingungen bieten immerhin rund drei Viertel zumindest eingeschränkt Schutz für dieses Risiko. Nicht so gut ist das Ergebnis für Schutz bei Schäden an geliehenen oder gemieteten Gegenständen. Nur 18 der 38 Angebote mit den verbraucherfreundlichsten Bedingungen bieten zumindest eingeschränkten Schutz, wenn der Versicherte beispielsweise eine von einem Freund geliehene Videokamera fallen lässt.
Vertrag aktualisieren
Wer bereits eine private Haftpflichtversicherung hat, sollte von Zeit zu Zeit prüfen, ob der Schutz ausreicht. Gibt es spezielle Leistungen, die früher keine Rolle gespielt haben, heute aber äußerst wichtig wären, weil der Versicherte jetzt zum Beispiel Kinder hat?
Maren Harland und Reinhard Pohl haben die Finanztest-Internetumfrage zum Anlass genommen, ihre Verträge zu prüfen. Pohl ist zu einem günstigeren Versicherer gewechselt – und hat einen Vertrag mit einer Versicherungssumme von 3 Millionen Euro abgeschlossen. Frau Harland hat festgestellt, dass ihr Mann Uwe Patschicke auch eine Privathaftpflicht hat. Für das seit einem Jahr verheiratete Paar reicht jedoch eine gemeinsame Police.
Bei Heirat oder Ehe ohne Trauschein kann einer der beiden Partner seine Versicherung beenden, um eine Doppelversicherung zu vermeiden. Die jüngere Police kann der Kunde sofort kündigen, ohne eine Frist wahren zu müssen. „Darum kümmere ich mich jetzt als Nächstes“, sagt Maren Harland. Und sie spart so bares Geld.
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