Hausarzttarife: Vorteile nutzen

Hausarzttarife Test
Berufstätige Teilnehmerinnen an Hausarztmodellen finden häufig auch nach Feierabend noch Gehör bei ihrer Hausärztin.

finanztest 01/2008

Hausarzttarife ersparen Kassenpatienten die Praxisgebühr teilweise oder ganz. Obendrauf gibt es Gesundheits-Checks und arbeitnehmerfreundliche Praxistermine.

Hausarzttarife

Silke Klare wirbt für die Hausarzttarife: „Ich spreche meine Patienten darauf an“, sagt die junge Internistin. Seit zwei Jahren betreibt sie eine Praxis im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Ihre Teilnahme am Hausarztmodell der Barmer Ersatzkasse sieht sie als Service für ihre Patienten.

Wählt ein gesetzlich Versicherter bei seiner Krankenkasse den Hausarzttarif, darf er ein Jahr lang den Arzt nicht wechseln. Im Gegenzug müssen zum Beispiel die Mitglieder der Barmer für das ganze Jahr nur 10 Euro Praxisgebühr bezahlen.

Das Modell der Barmer sieht außerdem vor, dass Patienten mit Hausarzttarif durch die Bindung an eine selbst gewählte Apotheke zusätzlich sparen. Bei jedem Einkauf apothekenüblicher Ware gibt es eine Gutschrift von 3 Prozent. Steigt der Umsatz über 250 Euro im Jahr, sind es 5 Prozent.

Es sind vor allem Versicherte im frühen Rentenalter, die sich gerne an einen Hausarzt binden. „Jüngere scheuen die Verpflichtung, zunächst zu einem bestimmten Arzt zu gehen“, hat Silke Klare festgestellt.

Die meisten Hausärzte machen mit

Hausarzttarife Test

Noch sind nicht alle Kassen überall dabei. Erst 2008 werden voraussichtlich alle den Wahltarif „Hausarztzentrierte Versorgung“ anbieten. Am Beitrag ändert sich für die Mitglieder, die ihn wählen, nichts.

Von den gut 59 000 Hausärzten in Deutschland machen schon 44 000 mit. Mehr als 5,5 Millionen Versicherte haben sich bereits für die hausarztzentrierte Versorgung entschieden. Der Hausarzttarif der Barmer ist das einzige bundesweit geltende Angebot. Daneben gibt es zurzeit rund 40 regional zugeschnittene Modelle.

Finanztest empfiehlt Versicherten, die in jedem Quartal mindestens einmal den Hausarzt aufsuchen, bei ihrer Krankenkasse in den Wahltarif „Hausarztzentrierte Versorgung“ zu wechseln. Damit ersparen sie sich die Praxisgebühr von bis zu 40 Euro im Jahr ganz oder teilweise.

Vorteile für Versicherte

Hausarzttarife Test

Und das ist noch nicht alles: Mit dem Einschreiben in diesen Tarif ist die Erstuntersuchung verbunden, eine Bestandsaufnahme des Gesundheitszustandes.

Darin sieht Manfred King vom Hausärzteverband einen Vorteil. „Jeder Monat, den der hohe Blutdruck oder der beginnende Diabetes Typ 2 früher therapiert wird, erspart den Patienten und dem Gesundheitssystem eine Menge Herzinfarkte, Schlaganfälle, Blutwäschen und Erblindungen“, sagt der Ärztesprecher.

Ein besonderes Schmankerl für die Patienten: Die teilnehmenden Ärzte geben oft Berufstätigen Termine außerhalb der üblichen Öffnungszeiten.

Zudem bietet die Barmer an, anstatt alle zwei Jahre jedes Jahr einen Gesundheits-Check machen zu lassen. „Das wissen die meisten Patienten nicht“, sagt Silke Klare.  Andere Kassen dürften folgen.

Vorsorge ist für viele Patienten interessant. Vor allem die Kontrolle der Blutfettwerte gilt als wichtige ärztliche Leistung und wird häufig nachgefragt.

Wenig Nachteile

Hausarzttarife Test

Die Nachteile der Hausarztmodelle für die Kassenpatienten halten sich in Grenzen. Für ein Jahr schränken die Versicherten ihr Recht auf freie Arztwahl ein, sie dürfen den gewählten Hausarzt nicht wechseln. Sie verpflichten sich dazu, zunächst zu dem gewählten Hausarzt zu gehen, wenn sie krank sind. Der überweist sie dann zum Facharzt oder ins Krankenhaus, falls das nötig sein sollte.

Die meisten Menschen müssen sich nicht umstellen. Sie gehen ohnehin schon immer zum gleichen Hausarzt. Ärztehopper, die bei jedem Wehwehchen einen neuen Arzt ausprobieren, sind eher selten.

Für manche Versicherte ist allerdings nicht der Hausarzt der Arzt des Vertrauens, sondern ein Spezialist. Wenn sie am Hausarztmodell teilnehmen wollten, müssten sie von ihrem Arzt Abschied nehmen.

Ministerium drängt die Kassen

Hausarzttarife Test

„Wir stehen erst am Anfang des Prozesses“, sagt Manfred King vom Hausärzteverband. Das Bundesgesundheitsministerium hat die Kassen daran erinnert, dass sie per Gesetz eigentlich seit April 2007 Hausarzttarife im Angebot haben müssten.

Die Regierung hofft, damit die hausärztliche Versorgung zu verbessern. Vor allem in den neuen Ländern, aber auch in manchen Gebieten der alten Bundesrepublik wird es bereits eng, weil junge Ärzte sich dort nicht niederlassen möchten.

Die Hausarzttarife machen den Beruf des Hausarztes wieder interessanter, meint King. Ärzte können nämlich mit mehreren Kassen Hausarztverträge abschließen.

Für jeden Patienten, der mitmacht, erhalten sie eine Einschreibepauschale von rund 10 Euro. Zusätzlich dürfen sie eine Steuerungspauschale in etwa der gleichen Höhe pro Patient und Quartal abrechnen. Bei manchen Kassen fließt dieses Geld auch, wenn der Versicherte nicht in die Praxis kommt.

Hausärzte sollen Lotsen sein

Hausarzttarife Test
Ärztin Silke Klare klärt ihre Patientinnen und Patienten von sich aus über die Hausarzttarife auf. „Das gehört zum Service“, meint die Berlinerin.

Im Gegenzug sollen die Hausärzte sparen helfen, um das Gesundheitswesen bezahlbar zu halten. Vor allem dafür hat die Regierung die klassische Arzt-Patienten-Beziehung aufgewärmt.

Wie ein Lotse soll der Hausarzt seine Patienten durch das immer unübersichtlichere Gesundheitswesen leiten. Dafür führt er die Patientenakte, in der auch die Diagnosen und Ergebnisse der Fachärzte vermerkt sein sollen sowie Art und Menge der dem Patienten verschriebenen Medikamente. Im Idealfall verhindert er, dass ein Patient wegen desselben Leidens mehrfach geröntgt wird und dass er zu viele Medikamente einnimmt, die unterschiedliche Ärzte verschrieben haben.

Außerdem versucht er darauf einzuwirken, dass Patienten eher ambulant als stationär operiert werden und überhaupt nur dann ins Krankenhaus eingewiesen werden, wenn es unbedingt nötig ist. Zu guter Letzt soll der Arzt auch Präventionsberater sein und seine Patienten – nicht nur die in Hausarztverträgen – zu gesunder Lebensführung anhalten.

Zurzeit wird noch doppelt geröntgt

Einsparungen durch die Hausarzttarife lassen sich bislang allerdings nicht nachweisen. Das sieht auch Stefan Etgeton vom Verbraucherzentrale Bundesverband so. „Der Hausarzt kann dem Facharzt gar nicht vorschreiben, welche Untersuchungen er anstellt“, sagt der Berliner Verbraucherschützer. Also wird weiter mehrfach geröntgt und Blut doppelt untersucht.

Die angestrebten Vermeidungseffekte greifen wohl erst in der Zukunft, wenn Hausärzte, Spezialisten und Krankenhäuser immer besser vernetzt sein werden.

Nicht alle Ärzte dürfen mitmachen

Teilnehmen an der hausarztzentrierten Versorgung können nicht alle Ärzte, sondern nur

  • Allgemeinärzte und Praktische Ärzte,
  • Kinderärzte,
  • Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung, die an der hausärztlichen Versorgung teilnehmen,
  • zugelassene Ärzte, die eine spezifische Ausbildung in der Allgemeinmedizin im europäischen Ausland genossen haben,
  • andere Ärzte, die am 31. Dezember 2000 an der hausärztlichen Versorgung teilgenommen haben,
  • Gemeinschaften von Hausärzten, auch Medizinische Versorgungszentren (MVZ),
  • Managementgesellschaften, in denen Ärzte arbeiten, die an der hausärztlichen Versorgung teilnehmen.

Mehr Qualität in der Praxis

Dass ein Arzt an einem Hausarztmodell teilnimmt, soll den Versicherten signalisieren, dass es sich um einen besonders qualifizierten Mediziner handelt. Da aber sehr viele Hausärzte mitmachen, ist dieses Qualitätskriterium schon verwässert.

Dennoch dürfen die Versicherten davon ausgehen, dass ihr Hausarzt auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft ist. Der Gesetzgeber fordert, dass sich die teilnehmenden Ärzte regelmäßig fortbilden.

Im Mittelpunkt der Qualifizierung sollen natürlich hausarzttypische Punkte stehen. Die Ärzte verbessern ihre Fähigkeiten, mit Patienten Gespräche zu führen. Sie lernen, seelische Ursachen hinter körperlichen Beschwerden besser zu erkennen und eine psychosomatische Grundversorgung zu bieten.

Zur Weiterbildung gehört auch die Palliativmedizin, der Umgang mit Schmerzen und ihrer Behandlung, die für Patienten immer wichtiger wird. Auf dem weiten Feld der Altersmedizin, der Geriatrie, sollte der Hausarzt in Zukunft ebenfalls stets auf dem Laufenden sein.

Der Hausärzteverband bietet in seinem Institut für hausärztliche Fortbildung Seminare an, die auf die erweiterten Anforderungen zugeschnitten sind. Die Nachfrage steige mit der Zahl der Verträge zur „Hausarztzentrierten Versorgung“, sagt Verbandssprecher Manfred King. Das ist eine gute Nachricht für die Patienten.

Behandlungsfehler vermeiden

Um immer auf dem Laufenden zu sein, sollen sich Hausärzte mit Kolleginnen und Kollegen zu Qualitätszirkeln zusammenschließen. „Darin tauschen sich Ärzte über interessante oder besonders schwierige Fälle aus und schauen sich bei der Arbeit gegenseitig über die Schultern. Das ist ein wichtiges Element der Qualitätsverbesserung“, sagt Stefan Etgeton vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Für ihre Behandlungen bekommen die Ärzte nun Leitlinien, die sich in der Praxis bewährt haben. Darin sind wie in einem Kochrezept die einzelnen Arbeitsschritte für die Behandlung von Erkrankungen oder bei Operationen aufgelistet. Bindend sind diese Vorgaben nicht.

Die Leitlinien werden unter anderem von den Medizinischen Fachgesellschaften, der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung entwickelt. Ihr Ziel: die medizinische Versorgung sicherer zu machen.

Ohne Management geht nichts

Ärzte, die an der hausarztzentrierten Versorgung teilnehmen, müssen ab 2008 in ihren Praxen ein Qualitätsmanagement einführen. Sie müssen Arbeitsabläufe festlegen und nachweisen, dass die Abläufe befolgt werden.

Ob das im wirklichen Leben klappt, muss sich noch zeigen. „Für die klassische Besetzung einer Arztpraxis, in der Ärztin und ein bis zwei Helferinnen ein eingespieltes Team bilden, ist das eine bürokratische Zumutung“, urteilt eine Hausärztin aus Brandenburg.

Hintergrund der Vorgabe ist die Absicht, Ärzte künftig zu zertifizieren. Mediziner, die alle Anforderungen erfüllen, dürfen sich dann ein Qualitätssiegel ans Praxisschild heften.

Selbstverständlich müssen die Praxen technisch gut ausgestattet sein und die Mitarbeiter müssen die Daten der Patienten mit ausreichenden Sicherheitsstandards verwalten. Etwa 3 500 Ärzte in Deutschland arbeiten noch ohne elektronische Datenverarbeitung. Sie dürfen an Hausarztmodellen nicht teilnehmen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Unser Rat

Dieser Artikel ist hilfreich. Nutzer finden das hilfreich.

Kommentare (0)

weitere Kommentare anzeigen

Alle Kommentare anzeigen

Schreiben Sie bitte einen Kommentar

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Jetzt einloggen oder Neu registrieren.
Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice