Berufsunfähigkeits­versicherungen: Beharrlichkeit lohnt

Berufsunfähigkeitsversicherung Test
Michael Scheck, 30 Jahre, ist Chemiker. An seinem Arbeitsplatz in Dortmund hantiert er im Labor gelegentlich mit Gefahrstoffen. In seiner Freizeit unternimmt Scheck gern einmal Bergtouren. Wegen dieses Hobbys sollte er bei der Axa 230 Prozent Beitragszuschlag auf seine Berufsunfähigkeits-­Versicherung bezahlen. Andere Unternehmen boten Scheck wegen seines Jobs weniger Schutz als er wollte, oder verlangten einen zu hohen Preis. 17 Angebote holte der Chemiker insgesamt ein. Nur bei der Aachener und Münchener bekam Scheck den Vertrag, den er sich vorgestellt hatte.

finanztest 08/2004

Mehr als die Hälfte der Teilnehmer einer Umfrage unter ­Finanztest-Lesern gelang es nicht, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Doch mit Geduld und Beharrungsvermögen hatten manche „schweren Fälle“ Erfolg.

Berufsunfähigkeits­versicherung

So gern Versicherungsunternehmen Kapitallebensversicherungen verkaufen, so ungern bieten sie allen Interessenten einer Berufsunfähigkeitsversicherung umfassenden Schutz. Daran hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum etwas geändert, wie das Ergebnis einer erneuten Umfrage unter unseren Leserinnen und Lesern zeigt.

Die vielen guten und sehr guten Angebote für Berufsunfähigkeitsversicherungen sind weiterhin nur Ausgewählten zugänglich: Kunden müssen vor allem kerngesund sein, wenn sie einen Vertrag nach Wunsch haben wollen.

An unserer Umfrage zwischen August 2003 und Mai 2004 haben sich Leser beteiligt, die sich um den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung bemühten. Insgesamt werteten wir 398 Zuschriften aus und konnten durch die mitgeschickten Unterlagen den häufig beschwerlichen Weg bis zum Vertrag nachvollziehen. In 230 Fällen führten die Bemühungen nicht zum Erfolg.

Nur jeder Vierte bekam den Vertrag, den er sich vorgestellt hatte. 45 Antragsteller ließen sich schließlich auf ein Angebot mit eingeschränktem Versicherungsschutz ein. Ist eine Krankheit, für die laut Vertrag keine Leistung vorgesehen ist, später für die Berufsunfähigkeit eines solchen Kunden verantwortlich, bekäme der Betroffene keine Rente.

In 22 Fällen kam ein Versicherungsvertrag nur zustande, weil der Leser eine kürzere Laufzeit, als er wünschte oder eine geringere Rente für den Fall von Berufsunfähigkeit in Kauf nahm.

Viele gaben auf

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156 Leser zogen ihren Antrag irgendwann von selbst entnervt zurück, weil sie entweder keine Antwort bekamen oder ihnen ein so reduzierter Versicherungsschutz angeboten wurde, dass er für sie nicht akzeptabel war. 74-mal lehnten die Unternehmen von sich aus gänzlich ab, fast immer wegen gesundheitlicher Störungen, die der Interessent im Antrag genannt hatte.

Ursachen für Misserfolg

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Die häufigsten Gesundheitsprobleme, die einen Vertrag verhinderten, waren Störungen des Bewegungsapparats des Antragstellers. Frühere Sportverletzungen spielten dabei eine Rolle, vor allem aber Rückenbeschwerden. Insgesamt 82-mal wurden Anträge wegen solcher Vorerkrankungen zurückgewiesen.

Oft boten die Unternehmen einem Interessenten dann einen Vertrag ohne Schutz für diese Erkrankung an. Immer verlangten sie trotz der geringeren Absicherung den vollen Beitrag.

Abgelehnt wurden ältere wie jüngere Antragsteller, Frauen wie Männer. Regeln sind nicht zu erkennen. Jüngeren Interessenten mit leichten Erkrankungen mochten viele Versicherer nicht so lange Schutz bieten, wie diese wollten, beispielsweise nur einen Vertrag bis 55 statt bis 65. Dann endet die Versicherung, wenn das Berufsunfähigkeitsrisiko stark zunimmt. Auszubildenden und Studenten verweigerten die Unternehmen häufig ausreichend hohe Renten.

Bei sehr jungen Antragstellern waren Allergien die Hauptursache, die eine uneingeschränkte Annahme verhinderten. Endgültig abgelehnt wurde deswegen aber keiner. Auch ein Ausschluss war hier die Ausnahme. Fast immer kamen die Betroffenen mit einem Risikozuschlag davon, den schließlich auch alle akzeptierten.

Wenig Chancen auf einen Vertrag haben chronisch Kranke wie Diabetiker, selbst wenn sie noch sehr jung sind. Zwei Schüler, die an dieser weit verbreiteten Stoffwechselerkrankung seit ihrer frühen Kindheit leiden, wurden bei allen Unternehmen, bei denen sich ihre Eltern um einen Vertragsabschluss für sie bemühten, abgelehnt.

Psychische Beschwerden der Leser verhinderten in 14 von 208 krankheitsbedingt erfolglos gebliebenen Fällen einen Vertragsschluss. Nach der Statistik des Verbandes der Rentenversicherungsträger (VDR) geben psychische Ursachen bundesweit inzwischen immer häufiger den Ausschlag beim Berufsausstieg aus gesundheitlichen Gründen). Waren es 2001 noch 22 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen, die deshalb nicht mehr arbeiten konnten, zeigt die VDR-Statistik für das vergangene Jahr bei Männern schon 25 Prozent, bei Frauen 37 Prozent, die wegen psychischer Erkrankungen dauerhaft nicht mehr arbeitsfähig waren.

Damit sind psychische Ursachen jetzt nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern die häufigsten Gründe für das gesundheitlich bedingte vorzeitige Ausscheiden aus dem Beruf.

Im Schnitt drei Versuche

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Etwa die Hälfte der Interessenten hatte ihre Angebote persönlich über einen Außendienstmitarbeiter bei einem Versicherungsunternehmen angefordert. Die andere Hälfte holte per Post Angebote ein. Nur sehr wenige nutzten dafür das Internet.

Durchschnittlich fragten unsere Leser, die sich an der Umfrage beteiligten, bei drei Unternehmen nach. Meist wollten sie eine selbstständige Berufsunfähigkeitsversicherung oder eine Kombination von Berufsunfähigkeits- mit Risikolebensversicherung abschließen. Nicht selten wurde ihnen vom Vermittler stattdessen dann eine Kombination mit einer Kapitallebens- oder Rentenversicherung nahe gelegt.

Um ein aussagekräftiges Angebot für eine Berufsunfähigkeitsversicherung mit einem Preisbeispiel zu bekommen, müssen Interessenten Geschlecht, Alter und Beruf angeben. Sie müssen auch mitteilen, wie lange der Vertrag laufen und wie hoch die monatliche Rente bei Berufsunfähigkeit sein soll. Wer eine Kombination mit einer Risikolebensversicherung abschließen will, muss zusätzlich die Höhe der Versicherungssumme für die Risikolebensversicherung nennen.

Die meisten Leser erhielten daraufhin ein erstes unverbindliches Angebot vom befragten Versicherer. Sie erfuhren dabei, wie hoch der Beitrag für einen Vertrag ihres Wunsches theoretisch wäre.

Erst Antrag entscheidet endgültig

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Den tatsächlichen Beitrag bestimmt ein Unternehmen erst, wenn es das individuelle Risiko eines Kunden eingeschätzt hat. Dafür muss es die Antworten auf die Fragen des meist dreiseitigen Antragsformulars vor allem zur Gesundheit des Interessenten auswerten. Oft stellt sich auch erst dann heraus, ob ein Kunde ohne Auflagen akzeptiert oder abgelehnt wird oder ob er weniger Schutz erhält als er will.

Bei schriftlicher Anfrage schicken die Versicherer dem Kunden das Antragsformular üblicherweise zusammen mit ihrem unverbindlichen Erstangebot zu. Der Kunde kann es dann ausgefüllt zurückschicken. Oder es meldet sich doch noch ein Versicherungsvermittler, um einen Beratungstermin auszumachen, und bringt den Antrag mit.

Hatte ein Leser von vornherein einen Vermittler konsultiert, hatte der das Antragsformular entweder gleich dabei oder brachte es bei einem zweiten Besuch zusammen mit dem Angebot mit.

Das Ausfüllen eines solchen Formulars muss sehr ernst genommen werden. Der Kunde ist verpflichtet, korrekte Angaben zu machen. Sonst verletzt er seine so genannte vorvertragliche Anzeigepflicht. Das kann ihn später den Versicherungsschutz kosten.

Ein einfach auszufüllendes Antrags­for­mular gab es selten. Viele Fragebögen enthielten schwer verständliche Fachbegriffe. Antragsteller mit gesundheitlichen Störungen mussten oft zusätzliche Vordrucke mit sehr detaillierten, medizinischen Fragen ausfüllen.

Vermittler sind korrekter

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Beim Ausfüllen des komplizierten Antragsformulars halfen allerdings häufig die Vermittler, wenn sie eingeschaltet waren. Erfreulich: Sehr viel seltener spielten sie diesmal Erkrankungen eines Antragstellers herunter. Vielmehr erklärten die meisten Vertreter ihren Kunden, wie wichtig es sei, richtige und vollständige Angaben zu machen.

Einige Negativbeispiele gab es aber: Wie vor zwei Jahren fiel in diesem Zusammenhang der Name der Volksfürsorge auf. In zwei Fällen spielten Vertreter dieses Unternehmens Vorerkrankungen von Interessenten deutlich herunter. Ein Vermittler der Aachener und Münchener trug nur sehr zögerlich Arztadressen ein, obwohl der Kunde ihm von Nierensteinen und einem Arbeitsunfall berichtet hatte.

Ein WWK-Vertreter wollte die Rückgratverkrümmung eines Kunden nicht in das Antragsformular schreiben. Der Kunde bestand darauf, auch wenn ihm dies später einen Leistungsausschluss einbrachte.

Erfolg im 72. Versuch

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Die 30-jährige Cornelia Jansen ist Krankenschwester, zurzeit jedoch wegen der Betreuung ihres kleinen Kindes in der Elternzeit. Die junge Frau schloss 2001 eine Berufsunfähigkeits-Versicherung bei der Iduna ab. Der Vertrag kam damals problemlos über einen Vermittler zustande. Das lag vielleicht auch daran, dass Cornelia Jansen mit 511 Euro monatlich nur eine recht geringe Rente vereinbarte und sie den Schutz zudem auf Anraten des Vermittlers an eine kleine Kapitallebensversicherung koppelte.

Wie mühselig die Suche nach einer Berufsunfähigkeitsversicherung sein kann, zeigt ein Beispiel, das letztlich aber von Erfolg gekrönt war. Ein Vater aus Hameln suchte für seinen 25-jährigen Sohn einen Vertrag. Der Sohn ist Musiker, spielt Trompete und Klavier, unterrichtet und arbeitet als freier Musiker.

72 Angebote forderte der engagierte Vater für seinen Sohn per Internet an. 71 Mal kam kein Angebot oder der Antrag wurde später abgewiesen. Erst der 72. Versicherer, Gerling, nahm den jungen Mann an. Statt 1 000 Euro monatlich bot Gerling zwar nur 750 Euro Rente an, aber mit Erhöhungsoption.

Auf die gewünschte Vertragslaufzeit von 40 Jahren ließ sich aber auch Gerling nicht ein, bot aber immerhin 33 Jahre. Bei Ende der Vertragslaufzeit wird der Musiker 60 Jahre alt sein.

Ebenfalls doch noch zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung kam Chemi­ker Michael Scheck. Er holte bei 17 Unternehmen Angebote ein. Die meisten schieden von vornherein aus, weil sie dem Chemiker, der mit Gefahrstoffen hantiert, entweder nur eine Vertragslaufzeit bis 55 oder 60 Jahre statt bis 65 Jahre anboten. Oder Scheck sollte weniger als die von ihm ­gewünschte monatliche Rente in Höhe von 1 500 Euro vereinbaren.

Die Securitas wollte dem Chemiker schon in dieser Phase den doppelten Beitrag aufbrummen. Die Volksfürsorge kündigte bereits im ersten Angebot einen Zuschlag von 80 Prozent an. Die Huk-Coburg würde Scheck in die schlechteste Berufsgruppe 4 mit entsprechend hohem Beitrag einstufen.

Die Angebote von Volkswohl Bund, Axa, Allianz, Alter Leipziger, Thuringia Generali und Aachener und Münchener entsprachen Schecks Vorstellungen. Hier stellte er Anträge. Volkswohl Bund und Alte Leipziger antworteten nicht, sodass Scheck die Anträge schließlich zurückzog. Die Axa verlangte plötzlich einen Beitragszuschlag von 230 Prozent, weil der Chemiker gelegentlich Bergtouren unternimmt.

Die Allianz wollte mehrere Krankheitsbilder bei Scheck ausschließen. Die Thuringia Generali verschleppte den Abschluss durch Zusenden zusätzlicher Fragebögen. Bei der Aachener und Münchener passte schließlich alles: Scheck unterschrieb.

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