0 190-Dialer: Angriff auf den PC

Ein falscher Mausklick kann ausreichen, um eine teure 0 190-Internetverbindung herzustellen. Ohne Beweise bleibt der Betrogene auf den Kosten sitzen.
Thomas Jähnig wollte vorbildlich sein. Erst das Schutzprogramm auf den Computer und dann ab ins Internet.
Er wusste, dass sich beim Surfen Einwählprogramme, so genannte Dialer (Englisch „to dial“ = einwählen), auf dem Computer festsetzen können. Diese Programme sorgen dafür, dass der Surfer nicht mehr über die Rufnummer des gewohnten Dienstes wie AOL oder T-Online ins Internet gelangt, sondern über eine teure 0 190-Nummer.
Neugierig wagte sich Jähnig auf Erotikseiten vor. „Hält das Schutzprogramm, was es verspricht?“ Nackte Tatsachen gegen Dialer-Download versprach die Webseite. Nachdem Thomas Jähnig die Download-Aufforderung mit „Ja“ bestätigt hatte, bemerkte er, wie sich trotz Schutzprogramm Daten übertrugen. In wenigen Sekunden hatte der Dialer eine teure 0190-0-Internetverbindung aufgebaut. Die Überraschung kam mit der Telefonrechnung: 20 Euro kostete allein die Einwahl.
0 190 ist nicht immer schlecht

Dialer verstecken sich inzwischen nicht mehr nur hinter Erotikseiten. Alle sind gefährdet. Frauen werden etwa mit Modelwettbewerben und Kinder mit Spielerweiterungen geködert.
Einwählprogramme mit der Nummer 0 190 sind an sich nichts Anrüchiges. Auch die Stiftung Warentest bietet im Internet Verbrauchertipps an, die bequem mittels Dialer über die Telefonrechnung bezahlt werden können. Im Unterschied zu unseriösen Anbietern wird dort aber auf den technischen Ablauf hingewiesen und die Verbindung nach der Nutzung des Service getrennt. 0 190 ist nicht gleich 0 190. Die größte Gefahr geht von Nummern aus, die mit 0 190-0 beginnen, weil die Gebühren für diese Anrufe frei festgelegt werden können. Die höchste bekannte Gebühr für eine 0 190-0-Verbindung beträgt 950 Euro allein für die Einwahl.
Bei den 0 190-1 bis 0 190-9 sind die Preise pro Einheit festgelegt. Hier kommt es nicht so schnell zu astronomisch hohen Telefonrechnungen. Da 0 190 durch die 0 900-Nummern abgelöst werden soll, sind auch diese Nummern mit Vorsicht zu genießen.
Betrüger immer erfinderischer
Die Methoden der 0 190-Abzocker werden immer dreister. Bereits das Anklicken eines kleinen Werbefensters kann die Installation und Einwahl von Dialern auslösen. Manchmal installiert sich die Software selbst dann, wenn man das Angebot mit dem „x“ rechts oben wegklickt oder auf einen angebotenen Download mit „Nein“ antwortet. Dann hilft nur noch Stecker ziehen.
Neue Symbole auf dem Desktop oder eigenständiges Wählen des Modems können auf Dialer hindeuten. Oft erkennt man sie auch an veränderten Einwahlnummern des DFÜ-Netzwerks (zu finden über „Arbeitsplatz“ – „DFÜ-Netzwerk“).
Durchschnittliche Computernutzer haben kaum eine Chance, Dialer auf der Festplatte aufzuspüren. Vielleicht können sie Freunde zurate ziehen, die sich auskennen. Nützliche Tipps für die Detektivarbeit gibt es unter www.dialerschutz.de
Zwei Varianten der Dialer-Masche
Die Internetnutzer werden auf zwei Arten hereingelegt. Erste Variante: Der Kunde wird auf den Dialer hingewiesen, erhält aber vorher nicht alle wichtigen Informationen. So war es bei Thomas Jähnig. Nur mit der Lupe hätte er auf dem Bildschirm den Hinweis auf die Einwahlgebühr erkennen können. Wie bei Verträgen auf Papier müssen aber Preisangaben für Verbraucher gut lesbar sein. Jähnig musste also nicht zahlen.
Zweite Missbrauchsvariante: Der Download der Dialer-Software und die Installation starten automatisch und vom Nutzer unerkannt. Da sich das Internetsurfen vom gewöhnlichen Telefonieren im Prinzip nicht unterscheidet, erfährt der Geschädigte erst über die Telefonrechnung von dem Dialer.
Einzugsermächtigung: Geld weg
Hat die Telekom eine Einzugsermächtigung, muss der Betroffene nach dem Dialer-Betrug seinem Geld nachjagen. Das ist fast aussichtslos, weil in der Telefonrechnung meist nur die Besitzer der 0 190-Nummern wie zum Beispiel Talkline stehen. Mit dem Dialer haben sie meist nichts zu tun.
Die Nummern werden weitervermietet. Und erst am Ende einer Untervermietungskette steht der wirkliche Anbieter – möglicherweise mit Sitz im Ausland. Die Mühe, grenzüberschreitend etwa 300 Euro einzuklagen, nehmen nur wenige auf sich.
Beweise sichern ist wichtig
Kunden, die ihre Gebühren per Rechnung bezahlen, stehen besser da. Zwar versuchen die Inhaber der Nummern wie Talkline oder die Telekom, das Geld für Anbieter der Webseiten einzutreiben. Aber wer für eine 0190-0- Verbindung zahlen soll, obwohl er von der Dialer-Einwahl nichts wusste, hat nach Angaben des Düsseldorfer Rechtsanwalts Tobias Strömer „bombige Chancen“. „Einfach beim Unternehmen, das die Forderung verlangt, schriftlich nachfragen, wie der Vertrag zustande gekommen sein soll“, rät der Spezialist für Internetrecht. Der Anbieter müsse dann beweisen, dass er vor dem Download über die Gebühren aufgeklärt hat.
Die Rechtslage ist aber nicht eindeutig. Einige Gerichte sehen den Kunden in der Pflicht. Der müsse darlegen, dass die Dialer-Verbindung ungewollt entstanden sein könnte. Dieser Nachweis ist nicht einfach. Vor allem, weil viele in der Hektik alle Beweise vernichten, wenn sie merken, dass sich ein Dialer auf ihrer Festplatte befindet.
Sucht man zwei Wochen später nach der dubiosen Seite, existiert sie möglicherweise gar nicht mehr (zur Beweissicherung siehe „Was Sie vor Zeugen tun sollten“).
Mit Beweisen sind die Chancen ziemlich gut. Wie Talkline-Pressesprecher Ove Struck Finanztest mitteilte, müsse der Kunde bei einer eindeutigen Beweislage nicht zahlen. In Jähnigs Fall mahnte Talkline den Anbieter der Erotikseite nach Rückfragen der Finanztest-Redaktion ab. Bevor Betrogene sich beschweren, sollten sie jedoch das Geld für die unbestrittenen Telefonate zuzüglich Mehrwertsteuer an die Telekom überweisen.
Technischer Schutz vor Dialern
Gefährdet sind nur Nutzer, die via Modem oder ISDN ins Internet gehen. DSL-Nutzer sind sicher, weil überhaupt kein Zugang zum Telefonnetz besteht. Wenn allerdings noch eine früher genutzte Modem- oder ISDN-Verbindung existiert, sollten sie das Kabel zur Telefonbuchse abziehen.
Für alle anderen Internetnutzer gibt es nach Ansicht von Computerspezialist Matthias Horbank (www.araneus.de) keine absolute Sicherheit. „Es sei denn, man geht gar nicht mehr ins Internet.“
Doch das ist für viele natürlich keine Lösung. Sie können das Risiko zumindest minimieren. Kleine Hilfsprogramme melden Dialer und helfen dabei, einen teuren Verbindungsaufbau zu unterbinden. Beliebt sind Programme wie der „0190-Warner“ und „Yaw“. Beide kann man kostenfrei unter www.dialerschutz.de herunterladen. Allerdings „schützen“ diese Dateien auch vor seriösen Dialern.
Der Computerbereich ist schnelllebig. Eine Schutz-Software kann morgen schon überholt sein. Nutzer können sich auf Webseiten wie www.dialerhilfe.de über die neuesten Entwicklungen informieren.
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