Haargel: Die halten am besten

Gel soll die Haare gezielt formen und sträuben. Aber oft hält die Pracht nicht lange genug. Wir haben 16 extra starke Gele getestet. Sehr gut hat kein einziges abgeschnitten.
Besiege die Schwerkraft ... ShockWave Dein Haar“ lockt das Wella Massive Wonder Gel, auf der Tube auch als „Master of Desaster“ bezeichnet. „Schluss mit Langweiler-Looks“ verspricht Garnier Fructis. „Mad & wild style“ textet Lidl beim High Voltage Gel und beschreibt die Wirkung seines weißgelben Glibbers so: „Das Fiber Gum zieht lange Fäden, die sichum die Haare legen“. Ratlos steht Moritz, 14 Jahre, vor dem gut gefüllten Regal.
Studio Line wenig formbeständig

Zielgruppe solcher Werbesprüche sind vor allem Jüngere wie Schüler und Azubis, die Igelfrisuren lieben, sich auch mal einen kleinen „Iro“ (Abkürzung für Irokesenschnitt) leisten oder einzelne „Spikes“ und Strähnen wild in die Gegend stehen lassen. Master of Desaster eben, etwas frei übersetzt: Meister des Chaos.
Moritz sucht ein besonders starkes Gel, setzt auf Preis und Namen, leistet sich das L’Oréal Studio Line Design Gel für 4 Euro – und ist enttäuscht: Es gibt nicht lange genug Halt. Bei der Formbeständigkeit kam das L'Oréal Studio Line Design Gel als Einziges sogar nur auf „ausreichend“.
Halt, der aus der Tube kommt

Moritz stehen die Haare nicht von allein zu Berge, er braucht den Halt, der aus der Tube kommt. Fast jede bekannte Marke hat mehrere Gele in unterschiedlichen Stärken im Programm, auch sanftere für den dynamischen Büromenschen, der sein Haar für den Berufsalltag gefällig stylt. Bei unserem Test ging es aber um den höchsten Haltegrad, die Kategorie „extra stark“. Auf den Tuben steht auch „ultra strong“, „extra strong“, „mega-stark“. Und manchmal – wie bei Wella Shock Waves – sind nur vier Punkte als Symbole zu finden.
Der Werbung gemäß haben wir für den Praxistest Jugendliche bis 18 Jahre gesucht, Haarlänge bis zu sechs Zentimetern. Bei längeren Haaren – wie bei einem richtigen Iro – müsste meist Haarlack für den Stand der Spikes sorgen. Weitere Voraussetzung für die Auswahl der Jugendlichen: Sie mussten Haargel schon länger und auch gern benutzen. Schließlich waren sie als Experten gefragt, um die Produkte im Gebrauch zu beurteilen. Vor allem ging es um die Frage: Wie lässt sich der Schopf damit modellieren?
Nur jedes Zweite macht „gut“ haltbar

Jedes Gel wurde von 25 Jugendlichen beurteilt. Dazu kamen Tests im Friseursalon und im Labor. Das Ergebnis ist nicht berauschend: Kein Gel kam „sehr gut“ durch den Test. Neun sind „gut“, sieben nur „befriedigend“. Beides sind Durchschnittsnoten. Und das heißt: Dahinter verbergen sich auch Unzufriedenheiten.
Der Grund für die „befriedigenden“ Qualitätsurteile im Test war meist, dass Igel, Stacheln und Spikes nicht so lange standen wie gewünscht. Fast jedes zweite Haargel schaffte bei der Haltbarkeit der Frisur nur ein „Befriedigend“, nämlich Garnier Fructis, Rossmann Yung, Drei Wetter Taft, Norma Abano, Rewe Today, Schlecker AS und L’Oréal Studio Line. Dabei ging es vor allem um den dauerhaften Halt der Frisur und die Formbeständigkeit.
Ein Beispiel: Am Drei Wetter Taft bemängelte jeder vierte Jugendliche, dass es nur schwach und nicht lange hält, obwohl die Haare „wie Eiszapfen“(Zitat) werden. Laborversuche ergänzten die Urteile der Jugendlichen. Dabei wurden Strähnen eingegelt, bis sie waagerecht abstanden. Später wurde gemessen, wie viel von dem Stand geblieben war und wie stark die Strähnen herunterhingen.
Auskämmen und ausbürsten

„Leicht auszubürsten“, „keine Rückstände“ – trotz „guter“ Gesamtnoten für die Anwendung sind solche Versprechen immer mal wieder Fehlanzeige. „Gut“ ist eben nicht „sehr gut“ und umfasst auch Kritik. So gab es beim Auskämmen auch Anmerkungen wie zum Beispiel „Rückstände“ und „weiße Flöckchen auf der Kleidung“.
Solchen Negativurteilen standen aber viele sehr positive gegenüber. Es kommt beim Gel offenbar auf vieles an: Frisur, Haarlänge, Haarstruktur und natürlich die Menge, die auf dem Kopf verteilt wurde. Wir haben deshalb zusätzliche praktische Versuche im Friseursalon gemacht, um unabhängig von Haarstruktur und Frisur zu bewerten, wie sich die Gele auskämmen oder ausbürsten und auswaschen lassen. Das Ergebnis für das Urteil in der Anwendung: Alle Gele schnitten mit geringen Unterschieden im Durchschnitt „gut“ ab.
Was ein Gel können soll
Ein gutes Gel muss vieles unter einen Hut bringen: Es muss die Haare zusammenhalten, ohne so zu kleben, dass man sie nicht mehr anfassen mag. Es soll Strähnen aufrecht halten, aber nicht so beschweren, dass sie schnell abkippen. Es soll das Haar lange stärken, Wind, Wetter und auch Regen trotzen, sich aber leicht ausbürsten und auswaschen lassen.
Stabilisierende Polymere
Was da durchsichtig, weißlich, grünlich oder gelblich und mal mit, mal ohne Blasen aus der Tube quillt, ist eine Mischung aus Wasser, Filmbildnern (Polymeren) und meist reichlich Alkohol. Diese Polymere geben dem Haar die Festigkeit, wenn Wasser und/oder Alkohol verdunsten. Dazu kommen Farbstoffe und/oder Duftstoffe.
Etliche dieser Düfte sind nicht jedermanns Sache, zumindest nicht die von Erwachsenen. Aber die sind ja nicht die Zielgruppe solcher Duftwolken.
Eigentlich sollte eine extrastarke Gelfrisur abends noch in Ordnung sein. So sahen es die meisten Jugendlichen im Test, auch wenn sie nur einmal pro Tag zum Stylen vor den Spiegel zogen. Sie verwendeten die Gele wie gewohnt, meist bürsteten und wuschen sie das Gel abends aus und stylten die Haare morgens neu. Und zwar mit der Menge Gel, die sie auch sonst verwendeten. Manche legten dabei mehrfach nach. Im Extremfall benutzten einige wenige das Gel fünfmal am Tag.
Anleitungen auf den Tuben zum Gebrauch sind oft reichlich knapp. Für die Youngster dürften die Anwendungshinweise aber allemal reichen. Die lernen das, was sie zum Stylen wissen wollen, ohnehin eher von ihren Altersgenossen. Trotzdem könnten Gebrauchshinweise öfter mal ausführlicher sein. So wird auf die Anwendungsmenge kaum eingegangen, oft auch nicht darauf, ob das Gel für nasses oder trockenes Haar gedacht ist. Möglich ist offenbar beides – so zumindest die Angaben, die wir fanden.
Silbrige Schrift auf weißem Grund
Wer sich für die Inhaltsstoffe interessiert, weil er vielleicht ein Gel ohne Alkohol oder Duftstoffe sucht, hat es nicht immer leicht. Schlusslicht in puncto Lesbarkeit: L’Oréal Studio Line mit enger silbriger Schrift auf weißem Grund.
Gel und Geld
Ein bis zwei Tuben pro Monat muss man beim durchschnittlichen Igel- und Strubbellook wohl rechnen. Zwei Tuben vom teuersten Produkt, das macht acht Euro. Moritz’ schmales Budget würde das ganz schön belasten. Und nicht immer reichen zwei Tuben im Monat. Wer fünfmal pro Tag Gel aufträgt, braucht deutlich mehr. Das gilt auch für jene, die später, wenn der Igellook nicht mehr angesagt ist, lieber wie „ein nasser Italiener unter der Dusche“ aussehen wollen. Dann „matscht man sich“ (O-Ton Lukas, 17 Jahre) schon in einer einzigen Woche mal eben zwei Tuben ins Haar. Das wäre dann aber Wet Gel – und für uns ein anderer Test.
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