20.09.2011
Ausnahmeliste
Jahrelang wurden viele Arzneimittel, die nicht verschreibungspflichtig sind, von Ärzten verordnet und von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Pflanzliche Mittel zur Behandlung einer gutartigen Prostatavergrößerung gehörten ebenso dazu wie Tabletten, die Arthrosebeschwerden lindern sollen. Das hat sich Anfang 2004 geändert. Seither dürfen Ärzte für Erwachsene und Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr keine verschreibungsfreien Arzneimittel mehr zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnen. Ausgenommen von dieser Regelung sind 44 in einer Ausnahmeliste aufgeführte Wirkstoffe bzw. Wirkstoffgruppen. Sie dürfen in bestimmten Anwendungsbereichen weiterhin verordnet werden, wenn die Mittel als Therapiestandard zur Behandlung schwerwiegender Erkrankungen gelten.
Beispiele dafür sind Azetylsalizylsäure zur Anwendung nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, um ein neues Ereignis dieser Art zu vermeiden, Präparate mit einem bestimmten Ginkgo-Extrakt zur Behandlung von Demenz sowie Enzyme (Pankreatin) bei Mukoviszidose und bei Personen ohne Bauchspeicheldrüse. Eine weitere Ausnahme stellen Kinder bis zum 12. Lebensjahr und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen bis zum 18. Lebensjahr dar. Für sie dürfen nichtrezeptpflichtige Mittel weiter verordnet werden. Grundsätzlich von der Verordnungsfähigkeit ausgeschlossen bleiben dagegen sogenannte Lifestyle-Arzneien. Hierunter fallen Potenz-, Abmagerungs- und Haarwuchsmittel sowie Mittel zur Raucherentwöhnung.
Übersicht "Wann die Kassen für rezeptfreie Mittel zahlen":
| Arzneimittel aus dem Selbstmedikationsbereich | Indikationen (z.T. komprimiert) |
|---|---|
| Abführmittel | Tumorleiden Verschiedene Darmerkrankungen (Megakolon, Divertikulose, Divertikulitis, neurogene Darmlähmung) Mukoviszidose Vor diagnostischen Eingriffen, bei phosphatbindender Medikation bei chronischer Funktionsschwäche der Nieren (Niereninsuffizienz) und Opiat- sowie Opioidtherapie |
| Antidote | Zur sofortigen Anwendung bei akuten Vergiftungen |
| Antihistaminika | In Notfallsets zur Behandlung von Bienen-, Wespen- und
Hornissengift-Allergien
Schwere, wiederkehrende Nesselausschläge (Urtikarien) Schwerwiegender, anhaltender Juckreiz (Pruritus) Schwerwiegender allergischer Schnupfen (Rhinitis), bei dem eine lokale Behandlung mit Glukokortikoid-Nasenspray nicht ausreichend ist |
| Antipilzmittel (Antimykotika) | Pilzinfektionen im Mund- und Rachenraum |
| Antiseptika, Gleitmittel | Für Patienten mit Katheterisierung |
| Arzneistofffreie Injektions-/Infusions-, Träger- und Elektrolytlösungen sowie parenterale Osmodiuretika (Mannitol, Sorbitol) | Hirnödem |
| Azetylsalizylsäure (bis 300 mg/Dosiseinheit) | In der Nachsorge von Herzinfarkt und Schlaganfall sowie nach arteriellen Eingriffen |
| Azetylsalizylsäure, Parazetamol | Schwere und schwerste Schmerzen in Komedikation mit Opioiden |
| Azidosetherapeutika | Bei dialysepflichtigen Nierenkranken und chronischer Funktionsschwäche der Nieren (Niereninsuffizienz) und bei Neoblase |
| Antiseptika und/oder Lokalanästhetika zum Auftragen | Selbstbehandlung schwerwiegender generalisierter blasenbildender Hauterkrankungen (z. B. Epidermolysis bullosa, Epidermolysis hereditaria, Pemphigus) |
| Dinatriumcromoglyclat-(DNCC)-haltige Arzneimittel zum Einnehmen | Behandlung der Beschwerden einer systemischen Mastozytose |
| E. coli Stamm Nissle 1917 | Bei chronisch entzündlicher Erkrankung des Dickdarms (Colitis ulcerosa) nur in der Remissionsphase bei Mesalazin-Unverträglichkeit |
| Eisen-(II)-Verbindungen | Behandlung einer nachgewiesenen Blutarmut infolge erblich bedingter oder erworbener Eisenstoffwechselstörung (Eisenmangelanämie) |
| Flohsamen und Flohsamenschalen | Unterstützende Quellmittel-Behandlung bei Morbus Crohn, Kurzdarmsyndrom und Durchfall in Zusammenhang mit HIV |
| Folsäure und Folinate | Bei Therapie mit Folsäureantagonisten Zur Behandlung von Darmkrebs |
| Gingko-biloba-Blätter-Extrakt (Aceton-Wasser-Auszug, standardisiert) | Behandlung einer Demenz |
| Harnstoffhaltige Dermatika (mindestens 5% Harnstoff) | Bei gesicherter Diagnose der sogenannten Fischschuppenkrankheit (Ichthyose), wenn keine therapeutischen Alternativen beim Patienten angewendet werden können |
| Jodid | Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen |
| Jod-Verbindungen | Behandlung von Geschwüren (Ulcera) und Druckgeschwüren (Dekubitalgeschwüre) |
| Kaliumverbindungen als Monopräparate | Kaliummangel im Blut (Hypokaliämie) |
| Kalziumverbindungen (mindestens 300 mg Kalzium-Ion pro Dosiseinheit) und
Vitamin D einzeln oder miteinander kombiniert | Behandlung der nachgewiesenen Osteoporose Zeitgleich zu einer Steroidtherapie (mit wenigstens 7,5 mg Prednisolonäquivalent), die voraussichtlich sechs Monate dauert Bei Bisphosphonat-Behandlung, bei zwingender Notwendigkeit |
| Kalziumverbindungen als Monopräparate | Unterfunktion der Nebenschilddrüsen (Hypoparathyreoidismus) und mangelnde Verwertung des
Parathormons (Pseudohypoparathyreoidismus) Bei Bisphosphonat-Behandlung, bei zwingender Notwendigkeit |
| Laktulose und Laktitol | Senkung der Ammoniakaufnahme bei Leberversagen in Zusammenhang mit hirnorganischen Schädigungen |
| Levocarnitin | Endogener Carnitinmangel |
| L-Methionin | Zur Vermeidung der Neubildung von Phosphatsteinen bei nervenbedingter Blasenlähmung, wenn Ernährungsempfehlungen und Blasenentleerungstraining erfolglos geblieben sind |
| Lösungen und Emulsionen zur parenteralen Ernährung einschließlich der notwendigen Vitamine und Spurenelemente | Ernährung unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts |
| Lokalanästhetika zur Injektion und apothekenpflichtige, nichtverschreibungspflichtige Arzneimittel, soweit Vereinbarungen mit den Krankenkassen bestehen | Zur sofortigen Anwendung in der Arztpraxis |
| Magnesiumverbindungen zum Einnehmen | Angeborene Magnesiumverlusterkrankung |
| Magnesiumverbindungen als Injektion/Infusion | Nachgewiesener Magnesiummangel Bei erhöhtem Risiko von Krampfanfällen in der Schwangerschaft (Eklampsie) |
| Metixenhydrochlorid | Behandlung des Parkinson-Syndroms |
| Mistel-Präparate als Injektion, auf Mistellektin normiert | In der schmerzlindernden Therapie bösartiger Tumore zur Verbesserung der Lebensqualität |
| Niclosamid | Bandwurmbefall |
| Nystatin | Pilzinfektionen (Mykosen) bei abwehrgeschwächten Patienten |
| Ornithinaspartat | Zusammenbruch der Entgiftung durch die Leber (hepatisches [Prä-]Koma) und bei hirnorganischer Schädigung aufgrund einer schweren Funktionsstörung der Leber (episodische, hepatische Enzephalopathie) |
| Pankreasenzyme | Chronische Unterfunktion der
Bauchspeicheldrüse (chronisch exokrine Pankreasinsuffizienz) Mukoviszidose |
| Phosphatbinder | Zur Behandlung einer Phosphatanreicherung im Blut (Hyperphosphatämie) bei chronischer Funktionsschwäche der Nieren (Niereninsuffizienz) und Dialyse |
| Phosphatverbindungen | Phosphatmangel (Hypophosphatämie), der durch eine entsprechende Ernährung nicht behoben werden kann |
| Salizylsäurehaltige Zubereitungen (mindestens 2% Salizylsäure) zur lokalen Behandlung der Haut | Als Behandlungsbestandteil bei Schuppenflechte (Psoriasis) Als Behandlungsbestandteil bei schuppenartig verhornten Ekzemen (hyperkeratotische Ekzeme) |
| Synthetischer Speichel | Krankheitsbedingte Mundtrockenheit bei onkologischen oder rheumatischen Erkrankungen |
| Synthetische Tränenflüssigkeit | Autoimmunerkrankungen (Sjögren-Syndrom mit trockenem
Auge Grad 2, Epidermolysis bullosa, okuläres Pemphigoid) Fehlen oder Schädigung der Tränendrüse Gesichtslähmung (Fazialisparese) Unvollständiger Lidschluss (Lagophthalmus) |
| Vitamin K (als Monopräparate) | Nachgewiesener, schwerwiegender Vitaminmangel, der durch eine entsprechende Ernährung nicht behoben werden kann |
| Wasserlösliche Vitamine (auch in Kombinationen) | Dialyse |
| Wasserlösliche Vitamine, Benfotiamin und Folsäure (5 mg/Dosiseinheit) als Monopräparate | Nachgewiesener, schwerwiegender Vitaminmangel, der durch eine entsprechende Ernährung nicht behoben werden kann |
| Zinkverbindungen (als Monopräparate) | Nachgewiesener Zinkmangel aufgrund einer enteropathischen Akrodermatitis Durch Blutwäsche bedingter, nachgewiesener Zinkmangel Hemmung der Kupferaufnahme bei Morbus Wilson |
| Zitrate | Blasen- oder Nierensteine (Harnkonkremente) |
