28.09.2005
Placeboeffekt
„Placebo“ ist lateinisch und heißt „Ich werde gefallen“. In der Medizin wird als Placebo bezeichnet, was nur zum Schein durchgeführt wird. Placeboarzneimittel enthalten keinen Wirkstoff, Placebotherapien führen die angekündigte Behandlung nur scheinbar korrekt durch. Um herauszufinden, wie wirksam medizinische Verfahren sind, wurden sogar eine Placeboakupunktur entwickelt und Operationen zum Schein durchgeführt.
Placebos sind hochwirksam. Sie beeinflussen fast jedes Symptom und sind um so wirksamer, je enger ein Leiden mit der Wahrnehmung des Patienten zusammenhängt. Wie intensiv beispielsweise Schmerzen empfunden werden, ist sehr viel stärker individuell bestimmt als die Frage, wie schwer eine Lungenentzündung ist. Dementsprechend groß ist der Placeboeffekt bei einer Schmerzbehandlung, kaum ausgeprägt hingegen bei einer Lungenentzündung. Je nach Einsatzgebiet liegt der Placeboeffekt einer Behandlung zwischen 20 und 70 Prozent.
Die Placebowirkung ist keine Einbildung. Placebos bewirken im Körper messbare Veränderungen. So aktiviert die Gabe eines Placebo-Schmerzmittels im Gehirn die gleichen Regionen wie das wirkstoffhaltige Medikament, und es werden körpereigene schmerzhemmende Substanzen ausgeschüttet. Wenn ein Parkinsonkranker ein Medikament erhält, das seine Beweglichkeit verbessern soll, steigt der Spiegel von Dopamin im Gehirn, einem Botenstoff im Nervensystem. Die Dopaminkonzentration erhöht sich aber auch, wenn er ein Placebo einnimmt.
Der Grund dafür ist die Erwartung, die der Patient mit der Einnahme des Mittels verknüpft. Und weil sich auch kranke Kinder und Tiere von einer Behandlung Linderung und Besserung erhoffen und positiv auf die intensive Zuwendung reagieren, weisen Therapien auch bei ihnen Placeboeffekte auf.
Dass es einen derart ausgeprägten Placeboeffekt gibt, ist auch kulturell und gesellschaftlich bedingt. Im Westen lebende Menschen sind mit dem Wissen aufgewachsen, dass Medizin segensreich wirkt und dass sie bitter schmeckt. Infolgedessen ist bei ihnen der Placeboeffekt bitterer Pillen größer als der süßer. Es ist auch zu beobachten, dass besonders große und besonders kleine Tabletten besser wirken als normal große, und Spritzen effektiver sind als Pillen. Und wie nicht anders zu erwarten, unterliegt der Placeboeffekt kulturellen Unterschieden: Die Behandlung einer Krankheit, bei der in Deutschland mit einem erheblichen Placeboeffekt gerechnet werden muss, kann in Brasilien nahezu unwirksam sein.
Zum Placeboeffekt gehört aber mehr als ein Scheinmedikament. Ein wichtiges Element ist die Art der Behandlung, das „Arrangement“. Der Arzt, der das Vertrauen des Patienten gewinnt und die Überzeugung ausstrahlt, dass seine Behandlung greifen wird, verstärkt die Wirkung der Therapie. Eindrucksvolle Geräte, komplizierte Dosierungspläne und schwierige Verhaltensanweisungen können die Hoffnung des Patienten stärken, sein Engagement herausfordern und seinen Willen, das Übel zu überwinden, stärken.
Scheinbehandlungen wirken sich aber nicht nur in der gewünschten Weise aus, sie können auch unerwünschte Wirkungen haben. Verzeichnet wurden unter anderem Mundtrockenheit, Benommenheit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Appetitlosigkeit, Schweißausbrüche und Sehstörungen. Derartige Nebenwirkungen treten häufiger auf und werden umso stärker empfunden, je intensiver die Patienten vorher über die negativen Begleiterscheinungen der Behandlung aufgeklärt werden.
Dass viele unkonventionelle Verfahren den Patienten fremd sind und der Behandler das Prinzip erst erklären muss, dass zudem viele Verfahren auf ein intensives einleitendes Gespräch zwischen Behandler und Patient setzen, begünstigt den vertrauensvollen Kontakt zwischen beiden. Dass die meisten derartigen Behandlungen vom Interessenten selbst bezahlt werden müssen, intensiviert darüber hinaus den Wunsch, dass das finanzielle Opfer einen gesundheitlichen Nutzen haben möge. Auf diese Weise steigt die Erwartung des Patienten an die Therapie noch mehr und verstärkt den Placeboeffekt so weit wie möglich.
Die Grenze der Placebowirkung ist erreicht, wenn es sich um Erkrankungen handelt, deren Entstehung und Verlauf nur wenig von der Psyche beeinflusst sind, also zum Beispiel Infektionen.
Placeboeffekte sind durch ihre relativ kurze Dauer charakterisiert. Die Therapie, die zunächst erfolgreich schien, verliert nach kurzer Zeit ihre Wirkung.
