28.09.2005
Wirksamkeit
Medizinische Behandlungsangebote gewinnen erst dann eine Bedeutung, wenn sie Behandler und Kranke davon überzeugen können, dass sie wirksam sind. Doch bereits bei der Definition des Begriffs Wirksamkeit beginnen sich die Geister zu scheiden. Manche Verfahren verstehen sich als wirksam, wenn sie die Symptome einer Erkrankung lindern können, andere haben durchaus den Anspruch, Krankheiten heilen zu wollen. Oftmals erwarten auch die Anwender selbst jeweils Unterschiedliches von der Behandlung.
Viele Verfahren leiten ihren Wirksamkeitsnachweis aus Berichten ab, in denen – häufig emotional überzeugend – geschildert wird, was die Behandlung Gutes bewirkt hat. Derartige Anekdoten können wohl ein Hinweis für eventuell lohnende Forschungen sein, nicht aber als Wirksamkeitsnachweis gelten. Selbst wenn es mehrere ähnliche Berichte gibt, bleiben viele Fragen offen, die vor einer verallgemeinernden Aussage geklärt werden müssen, so zum Beispiel: Bei wie vielen Patienten war die Behandlung erfolgreich? Was wurde als Erfolg gewertet? Bei wie vielen war das Ergebnis nicht positiv? Beruht der Erfolg auf spezifischen Effekten der Therapie oder handelt es sich um einen Placeboeffekt, der der Erwartungshaltung des Patienten entspringt?
In der konventionellen Medizin wird die Frage der Wirksamkeit zunehmend stärker auf das eingeengt, was dem Patienten konkret nützt und nicht einzig auf das, was als positiver Effekt messbar ist. So gibt es zum Beispiel viele Mittel, die den Blutdruck senken. Dafür sind sie wirksam. Der Blutdruckwert an sich ist für den Betroffenen jedoch eigentlich belanglos. Er bekommt seine Bedeutung erst dadurch, dass Menschen mit über lange Zeit erhöhtem Blutdruck gefährdet sind, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu bekommen. Für den Einzelnen ist es also wichtig zu erfahren, welches Mittel sich als therapeutisch wirksam erwiesen hat, ein solches Ereignis zu verhindern; dass es den Blutdruck senkt, genügt noch nicht, um seinen Einsatz zu rechtfertigen.
Darüber hinaus gibt es im Krankheitsgeschehen viele bekannte Effekte, die den vermeintlichen Erfolg einer Therapie relativieren: Viele Krankheiten verlaufen schubförmig; eine momentane Besserung sagt dann wenig über die Wirksamkeit der Therapie aus. Die meisten Krankheiten klingen nach einer gewissen Zeit von selbst ab; dann wird die Besserung, die ohnehin eingetreten wäre, mitunter fälschlicherweise der Therapie als Erfolg zugeschrieben. Wenn mit der Behandlung begonnen wurde, als sich die Erkrankung in einer besonders schweren Phase befand, fallen der sich natürlicherweise verbessernde Krankheitsverlauf und der Therapieeffekt zusammen. Erst wenn eine ausreichend große Zahl von Menschen mit der gleichen Krankheit unter den gleichen Bedingungen behandelt worden ist, neutralisieren sich diese Effekte und eine seriöse Beurteilung der Wirksamkeit wird möglich.
Die zurzeit beste Methode, eine verlässliche Antwort auf die Frage nach der therapeutischen Wirksamkeit komplementärer Verfahren zu bekommen, ist die Auswertung randomisierter, kontrollierter klinischer Studien, wie sie auch durchgeführt werden, um konventionelle Therapien zu prüfen.
