Mittel gegen Zecken: 12 von 20 mangelhaft
Auf die Wirkdauer ist wenig Verlass, sie wird zudem meist stark übertrieben. Gleich 12 der 20 getesteten Anti-Zecken-Mittel sind „mangelhaft“.
Grau, klein und hässlich, aber zäh und effizient. Der Schriftsteller Patrick Süskind hat Zecken ein literarisches Denkmal gesetzt. Im Erfolgsroman „Das Parfüm“ vergleicht er den Serienmörder Grenouille mit einem „Zeck“. Der ist ein unansehnliches Geschöpf, aber ein faszinierendes Werk der Natur: Hungerkünstler und maßlos in seiner Fresssucht, gnadenlos auf Erfolg getrimmt. Stumm, taub, stur, einsam – aber in der Lage, die feinsten Geruchsspuren aufzunehmen und ein Opfer zu orten.
Für ihr Überleben muss Blut fließen
Zecken sind keine Insekten, sie zählen zu den Spinnentieren und dort zur Untergruppe der Milben – einem Clan aus mehr als 500 Familien, eine große Gruppe innerhalb der Milben. Unter ihnen sind Zecken Riesen, als Milben wahre Monster. Auf der Haut ist ein ungesättigtes Jungtier als millimetergroßer schwarzer Punkt zu erkennen. Konnte die Zecke bis zum Abfallen stundenlang trinken, ist sie kaum zu übersehen. Satte erwachsene Zecken haben nahezu Perlengröße, Kugeln zum Bersten gefüllt mit fremdem Lebenssaft. Das etwa drei Jahre währende Leben einer Zecke besteht zum größten Teil aus Warten und Lauern. Damit Zecken sich entwickeln und fortpflanzen können, muss Blut fließen, in der Regel einmal im Jahr. Dafür nimmt der Winzling Witterung auf: Seine „Nase“, das Hallersche Organ, sitzt in den unteren Segmenten des vorderen Beinpaares.
Die überwiegend in Mittel- und Osteuropa verbreitete Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) begibt sich in einem Radius von wenigen Metern aktiv auf die Jagd. Die bei uns verbreitete Waldzecke, der gemeine Holzbock, lässt sich meist von Grashalmen und Blättern im Gebüsch und Unterholz abstreifen und zum Jagen tragen, zum Beispiel von Wanderern oder Hunden. Mit Bedacht krabbelt er am Wirt empor. Mit den Beinen ertasten Zecken die Hautbeschaffenheit. Bevorzugte Regionen mit etwas feuchter Haut, dunkle, abgedeckte Bereiche wie in der Scham- und Leistengegend oder auch hinter den Ohren erreicht die Zecke oft erst nach einer Stunde.
Gefürchtete Borreliose und FSME
Zecken sind gefürchtet, weil ihr Stich zwei Infektionskrankheiten übertragen kann: eine bakterielle, die Lyme-Borreliose, und eine durch Viren verursachte, die zu einer Erkrankung des Gehirns oder der Hirnhäute führen kann, die Frühsommer-Meningoenzephalitis, FSME. Die Lyme-Borreliose kann mit Antibiotika behandelt werden. Eine Therapie der akuten FSME existiert nicht. Gegen FSME kann man sich aber impfen lassen. Das empfiehlt sich vor allem für Bewohner von Risikogebieten und jene, die sich bei der Arbeit oder in der Freizeit häufig in Wald und Flur aufhalten. Nur ein Bruchteil der Zecken ist Träger von FSME-Viren. Sie werden beim Zeckenstich jedoch sofort übertragen.
Tipp: Risikogebiete zum Beispiel unter www.rki.de oder www.dgk.de.
Die Lyme-Borreliose kann überall von Zecken übertragen werden. Hat sich eine infizierte Zecke noch nicht länger als zwölf Stunden auf der Haut niedergelassen, ist die Wahrscheinlichkeit jedoch gering, dass Borrelien übertragen wurden.
Das häufigste Symptom ist ein roter Fleck oder ein Bereich mit rotem Rand, „Wanderröte“, der oft erst ein bis zwei Wochen nach dem Stich sichtbar wird. Bei Kindern kommt es zu Fieber, Kopfschmerzen, auch einer einseitigen Lähmung des Gesichtsmuskels. Vorsicht auch bei Gelenkschmerzen oder wenn ein Gelenk anschwillt. Borreliose kann um so besser mit Antibiotika behandelt werden, je früher sie entdeckt wird. Anders als bei der FSME gibt es gegen die Lyme-Borreliose keinen Impfschutz.
Zu viel versprochen
All dies sind Gründe genug für Mittel, die die „Vampire“ davon abhalten sollen, sich auf Menschen niederzulassen und sie zu infizieren. Wir haben 20 Produkte vor allem daran gemessen, wie lange sie in der Lage waren, Zecken abzuschrecken. Das Ergebnis ist ernüchternd:
- Der von Herstellern versprochene langanhaltende Schutz existiert nicht.
- Die Wirkdauer variierte je nach Nutzer: Beim Zanzarin Zeckenschutz lag sie sogar zwischen ungefähr 40 und 360 Minuten.
- Nutzerinfos sind oft nicht deutlich genug.
- Einigen Produkten fehlt die Zulassung – sie dürften gar nicht verkauft werden.
Wichtige Testkriterien waren, ob die Zecke eine mindestens 5 Zentimeter lange Strecke auf der Haut zurücklegen konnte, die entsprechend den Anbieterangaben mit dem Mittel behandelt wurde, und wie lange die Wirkung anhielt (siehe Ausgewählt, geprüft, bewertet).
Die Anbieter werben bei Zecken mit einer Wirkdauer von bis zu vier, bis zu sechs oder sogar bis zu acht Stunden (bei Anti-Mosquitan Antizecken). Viele Produkte sollen auch Insekten abschrecken, was wir in diesem Test aber nicht geprüft haben.
Die Kluft zwischen beanspruchter Wirkdauer gegen Zecken und Testergebnis ist zum Teil erheblich (siehe Tabelle). Im schlechtesten Fall wirkten Mittel nur wenige Minuten, im besten Fall, bei Anti Brumm Naturel, Anti-Mosquitan und Hansaplast etwa drei Stunden. Bei fünf Mitteln wird der Schutz als „zuverlässig“ bezeichnet.
Bei der Wirksamkeitsdauer haben wir Durchschnittswerte angegeben. Individuell fiel die Wirksamkeitsdauer allerdings durchweg sehr unterschiedlich aus. Bei vielen Anti-Zecken-Mitteln betrug die Standardabweichung etwa zwei Stunden.
Da das überwiegende Risiko einer Infektion von Zecken-Jungtieren (Nymphen) ausgeht, haben wir mit erwachsenen Zecken nur stichprobenartig geprüft. Die Tests zeigten, dass etliche Mittel bei erwachsenen Zecken schlechter wirken als bei jungen. Lediglich bei Autan Family Care Zeckenschutz und Zanzarin Zeckenschutz war die Wirkung ähnlich der bei Nymphen. Etwas darunter lagen Anti–Mosquitan Antizecken, ContraZeck und Hansaplast.
Natürliche Wirkstoffe nicht risikolos
Die Hersteller kommen heute stärker dem Kundenwunsch nach natürlichen Wirkstoffen nach. So enthalten die Anti-Zecken-Mittel nicht nur chemisch synthetisierte, sondern zunehmend auch natürliche Wirkstoffe. In vielen Produkten finden sich zum Beispiel ätherische Öle. Allerdings sind auch sie nicht risikolos: Bestimmte ätherische Öle können die Haut lichtempfindlich machen oder allergisierend wirken, wie Teebaumöl. Sie können die Haut reizen und sie auch durchlässiger für andere Stoffe wie Medikamente machen. Das gilt aber zum Beispiel auch für das synthetische DEET.
Beim Produkt mit dem beruhigenden Namen care-Plus Natural Tick Deo, Wirkstoff Kokosfettsäuren, fehlt ein Sicherheitshinweis, dass Haut, Schleimhäute und Augen gereizt werden könnten. Auch der natürliche Wirkstoff Citriodiol – in fünf Produkten enthalten – ist potenziell schleimhautreizend. Er steckt auch im Mittel SmellWell BioZeck, einem Spray, das trotz Registrierung als Biozid als „Insektizidfrei!“ beworben wird. Beim Citriodiol-haltigen Anti Brumm Naturel steht auf der Packung „Pflegt empfindliche Haut“, weil dem Anti-Zecken-Mittel Aloe Vera zugesetzt wurde (siehe www.test.de/zecken-inhaltstoffe).
Unübersichtliche Rezepturen können zusätzliche Risiken bergen. Neben Neemöl stecken im Pharma Brutscher Zeckenspray laut Deklaration 34 (!) weitere Substanzen. Oft ist das Wirkprinzip unklar oder unbekannt. Toxikologen halten natürliche Wirkstoffe nicht für risikoärmer als synthetische. Fünf Produkte mit natürlichen Wirkstoffen dürften nicht verkauft werden (siehe Tabelle): Sie haben keine gültige Registrierung als Biozid-Produkt (Online-Verzeichnis Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin).
So schützen Sie sich gegen Zecken
Nehmen Sie Warn- und Gebrauchshinweise ernst, wägen Sie ab, ob ein Anti-Zecken-Mittel bei Kleinkindern eingesetzt werden sollten. Anwendungs- und Sicherheitshinweise sind mit Lotionen leichter zu befolgen als mit Sprays. Verlassen Sie sich nicht allein auf Anti-Zecken-Mittel: Im Grünen festes Schuhwerk tragen, lange Hosen, langärmelige Shirts, Übergangsstellen zur Haut am Kragen, an Ärmeln und Hosenbeinen mit dem Mittel besprühen oder einreiben, Wege benutzen, möglichst nicht in hohem Gras, Farn oder durchs Unterholz laufen. Später Haut am gesamten Körper kontrollieren – insbesondere auch bei Kindern.
So entfernen Sie eine Zecke
Entdeckte Zecken möglichst rasch entfernen: Fassen Sie die Zecke am besten mit einer gebogenen Stahlpinzette oder mit den Fingernägeln möglichst dicht über der Haut und ziehen Sie sie vorsichtig heraus, eventuell auch leicht drehen – ob rechts- oder linksherum ist egal. Nicht quetschen! Sie können auch ein Vereisungsspray aufsprühen, das die Zecke sofort betäubt. Sie lässt sich dann noch leichter abziehen. Benutzen Sie aber kein Öl und keinen Klebstoff, um die Zecke zu ersticken – in solchen Stresssituationen gibt sie vermehrt Speichel ab, und das Infektionsrisiko steigt. Ein in der Haut steckender Stechrüssel bedeutet meist keine Gefahr. Wichtig ist konsequentes Handeln – keine Gnade für die blutsaugenden Monster-Milben.
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