27.09.2007

Aus Früherkennung wird Pränataldiagnostik

In kaum einem anderen Bereich der Medizin findet der Übergang von erhoffter Früherkennung zu einer so nicht erwünschten Diagnostik derart schleichend statt wie in der Schwangerenbetreuung.

Viele Frauen wissen nicht, was mit ihnen bei den regelmäßigen Routineuntersuchungen geschieht, wozu beispielsweise die anberaumte Blutabnahme dient. Sie sind völlig ahnungslos, welche Nachricht sie im ungünstigsten Fall bekommen können. Vielen ist auch nicht klar, dass man zwar schon vor der Geburt einiges über die Gesundheit des Kindes erfahren kann, jedoch nur Weniges auch behandeln oder gar beheben kann.

Außerdem werden die Begriffe „Vorsorge“, „Früherkennung“ und „Diagnose“ oft gleichbedeutend gebraucht, obwohl sie jeweils etwas Unterschiedliches meinen. Untersuchungen während der Schwangerschaft sind mal das eine, mal das andere. Eine Vorsorgeuntersuchung für das Kind ist beispielsweise die Hämoglobinbestimmung der Frau. Mit ihr wird eine schlechte Eisenversorgung bei der Frau erkannt, und die gezielte Einnahme von Eisen kann Probleme beim Kind vermeiden helfen. Demgegenüber ist die Ultraschalluntersuchung, mit der die Lage der Plazenta beurteilt wird, eine Früherkennungsuntersuchung. Deckt sie auf, dass die Plazenta den natürlichen Geburtsweg des Kindes versperrt, kann das Kind per Kaiserschnitt entbunden werden, bevor es selbst und seine Mutter in Lebensgefahr geraten. Zugleich richten sich die drei Routine-Ultraschalluntersuchungen aber auch auf eventuelle Erkrankungen und Fehlbildungen des Kindes. Vor allem die zweite ist darauf ausgerichtet, beim Kind vor der Geburt angelegte Probleme zu entdecken. Das folgt jedoch meist weder dem Gedanken der Vorsorge noch der Früherkennung, denn frühe Hilfe ist hier nur äußerst selten möglich. Dieses sind vielmehr vorgeburtliche Untersuchungen des Kindes; in der Medizin spricht man von „pränataler Diagnostik“. Solche Untersuchungen entlassen aber die Eltern in große Sorge und Hilflosigkeit, wenn das Ergebnis lautet: „Da stimmt etwas nicht.“

Was die werdenden Eltern als „Schwangerenvorsorge“ ansehen, kann also bereits eine Untersuchung sein, mit der beim Kind nach Auffälligkeiten gesucht wird, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Die Grenze zwischen Schwangerenvorsorge und pränataler Diagnostik lässt sich nicht scharf ziehen. Ärztin oder Arzt, die in der 19. Schwangerschafts­woche im Ultraschallbild den Sitz der Plazenta kontrollieren, können nicht umhin, dass ihnen beispielsweise die Zeichen eines Neuralrohrdefekts auffallen. Dann wird die Frau mit einer Diagnose konfrontiert, die sie ohne diese Untersuchung erst nach der Geburt des Kindes bekommen hätte. Das kann von Vorteil sein, weil sich das Geburtsteam nun in besonderer Weise auf ein solches Neugeborenes einstellen kann. Nach einem solchen Befund kann die Frau aber auch unversehens gefragt werden, ob sie die Schwangerschaft fortsetzen will.

Weitere Angebote