27.09.2007

Treffsicherheit

Die Beurteilung der Treffsicherheit erfolgt in drei Schritten. Zunächst wird die Qualität der zugrunde liegenden Studien beurteilt. Zur Beurteilung werden nur Studien von „guter Qualität“ herangezogen. Was das bedeutet, ist international definiert. Anhand dieser Studien werden im zweiten Schritt die Sensitivität und Spezifität der jeweiligen Test- und Untersuchungsverfahren ermittelt. Im dritten Schritt wird dann aus diesen beiden Faktoren eine Gesamtaussage über die Treffsicherheit getroffen.

Um die Begriffe, die bei der Treffsicherheit eine Rolle spielen, zu verstehen, muss man sich ein wenig mit Zahlen beschäftigen. Die Treffsicherheit setzt sich aus Prozentangaben über die sogenannte Sensitivität und die Spezifität zusammen. Bei einem idealen Test wären beide Faktoren jeweils mit 100 Prozent angegeben.

Was das bedeutet, soll an folgendem Beispiel erläutert werden: Angenommen, es werden routinemäßig 100 schwangere Frauen getestet, von denen 5 einen bisher unentdeckten Schwangerschaftsdiabetes haben. Die Sensitivität gibt dann an, wie viele der wirklich betroffenen Frauen der Test richtig erkennt. Ein Test mit einer Sensitivität von 100 Prozent würde demnach alle 5 Frauen richtig als Diabetikerinnen erkennen. Die Spezifität gibt an, wie viele der nicht betroffenen Frauen der Test richtig erkennt. Ein Test mit einer Spezifität von 100 Prozent würde demnach alle 95 Frauen richtig als gesund erkennen. Einen Test, der derart sicher gesunde und betroffene Frauen voneinander scheidet, gibt es jedoch nicht.

Vielmehr liefern alle Tests fehlerhafte Ergebnisse. Zum einen erkennen sie eine gewisse Anzahl von betroffenen Frauen nicht. Diese Frauen bekommen einen „falsch-negativen“ Befund. Im obigen Beispiel könnte es also sein, dass der Test nur 3 oder 4 der erkrankten Frauen als Diabetikerinnen ausweist. Dann würden ein oder zwei der wirklich Betroffenen „übersehen“. Je größer die Zahl dieser falsch-negativen Ergebnisse ist, desto geringer ist die Sensitivität eines Tests.

Zum anderen kann der Test bei einem Teil der gesunden Frauen nahelegen, sie wären von der Stoffwechselstörung betroffen, ohne dass das wirklich der Fall ist. Diese Frauen bekommen einen „falsch-positiven“ Befund. Dann würde der Test beispielsweise 7 oder 8 Frauen als Diabetikerinnen ausweisen: Die fünf wirklich Betroffenen und zusätzlich zwei oder drei, die in Wahrheit gesund sind. Je größer die Zahl dieser falsch-positiven Ergebnisse ist, desto geringer ist die Spezifität eines Tests.

Meist sind Sensitivität und Spezifität direkt voneinander abhängig. Wenn man einen Test so gestaltet, dass er möglichst alle betroffenen Personen richtig erkennt und keine übersieht, steigt unweigerlich die Zahl der Personen an, die für erkrankt gehalten wird, obwohl sie es nicht sind.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass sich die Frauen, die einen Test durchführen lassen, auf vier Gruppen verteilen, für die das Testergebnis unterschiedliche Konsequenzen hat. Diejenigen, die richtig negativ getestet wurden, bekommen das Ergebnis, das sie sich ohnedies erhofft hatten: Sie sind gesund. Diejenigen, die richtig positiv getestet werden, erfahren etwas, was sie bisher nicht wussten: Sie haben einen Schwangerschaftsdiabetes. Dieser kann nun behandelt werden in der Hoffnung, damit Frau und Kind vor Schaden zu bewahren. Diese Frauen können von dem Test möglicherweise profitieren. Die Einschränkung „möglicherweise“ erfolgt deshalb, weil das Wissen um eine solche Störung natürlich nur dann von Vorteil ist, wenn ihre Behandlung tatsächlich zu dem Ergebnis führt, das man sich erhofft. Näheres hierzu lesen Sie unter „Wirksamkeit“.

Zusätzlich gibt es zwei Gruppen von Frauen, bei denen das Testergebnis falsch ist – ohne dass sie das wissen.

Diejenigen, die gesagt bekommen, bei ihnen sei nichts festgestellt worden, können sich nicht ganz sicher sein. Da jedes Testergebnis grundsätzlich fehlerhaft sein kann, könnte es ja sein, dass das Ergebnis gerade bei ihnen falsch war. Für sie hat sich zwar die Wahrscheinlichkeit verringert, betroffen zu sein, ausgeschlossen ist es aber nicht. Wer da ganz sicher gehen will, muss also den Test wiederholen oder andere Untersuchungen machen lassen, die das Risiko weiter eingrenzen. Letztlich bleibt aber immer eine – wenn auch geringe – Unsicherheit bestehen, dass eine Störung übersehen wird, die dann unbehandelt bleibt, und genau zu den Schäden bei der Frau oder dem Kind führt, die man verhüten wollte.

Bleibt als Letztes die Gruppe derer, bei denen der Test ein auffälliges Ergebnis liefert, die in Wahrheit aber vollkommen gesund sind. Bei diesen Frauen wird der Krankheitsverdacht in aller Regel durch erneute oder andere Untersuchungen abgeklärt. Meistens müsste sich der Irrtum dann bald herausstellen. Die Tage bis zur sicheren „Entwarnung“ können für manche Frau allerdings zum Albtraum werden. Je nach Art der Störung kann sich das falsche Ergebnis sogar verheerend auswirken. Wenn zum Beispiel eine Frau nach einer an sich harmlosen Ultraschalluntersuchung mit dem Verdacht konfrontiert wird, ihr Kind könnte eine schwerwiegende Fehlbildung haben, wird sie unter Umständen einer Fruchtwasserentnahme zustimmen, um diesen Verdacht sicher abzuklären. Im schlimmsten Fall kann sie dann infolge der Punktion das Kind verlieren.

Die meisten Tests liefern eine deutlich größere Zahl falscher „Verdachtsfälle“ als richtiger Testergebnisse. Der zuerst geäußerte Verdacht auf eine Auffälligkeit bestätigt sich also sehr häufig nicht. Dies hängt damit zusammen, dass die Erkrankungen, nach denen mit routinemäßigen Tests gesucht wird, meist selten sind. Wie oft das so ist, schwankt allerdings von Verfahren zu Verfahren.

Beide Faktoren, also die Sensitivität und die Spezifität, gegeneinander abgewogen, ergeben das Urteil über die Treffsicherheit. Von einer „hohen“ Treffsicherheit ist die Rede, wenn die Sensitivität über 80 Prozent und die Spezifität über 97 Prozent liegen. Bei einer „mittleren“ Treffsicherheit bewegt sich die Sensitivität zwischen 50 und 80 Prozent, die Spezifität zwischen 90 und 97 Prozent. Bei einer „geringen“ Treffsicherheit ist die Sensitivität kleiner als 50 Prozent, die Spezifität kleiner als 90 Prozent.

Wenn Sie solche Zahlen lesen, sollten Sie bedenken, dass sich diese Aussagen auf die Gesamtheit aller Frauen beziehen, an denen der Test durchgeführt wird. Sie sagen nichts über Ihr individuelles Risiko aus und auch nichts darüber, in welcher der vier beschriebenen Gruppen Sie sich wohl am ehesten wiederfinden können.

So können Sie die Angaben zur Treffsicherheit für sich nutzen:

Überlegen Sie, was für Sie schlimmer wäre: Dass das, wonach getestet wird, übersehen wird, oder dass sie einen falschen Verdacht unnötigerweise abklären lassen müssen – unter Umständen sogar mit risikoreichen Verfahren. Wenn Sie sich vor allem vor den Folgen einer nicht erkannten Störung fürchten, lassen Sie den Test durchführen, wenn er eine hohe Sensitivität aufweist. Müssen Sie bei der Abklärung eines Verdachts hingegen ein erhöhtes Risiko eingehen, wollen das aber unbedingt vermeiden, kommt für Sie nur ein Test mit einer hohen Spezifität infrage.

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