Ferngläser: Gute Sicht für großes Geld

Ferngläser Test
Naturbeobachtung, vor allem „Birdwatching“, liegt voll im Trend.

test 09/2006

Als Galilei sein Fernrohr auf den Himmel richtete, zertrümmerten seine Beobachtungen ein Weltbild. Naturliebhaber kennen diesen Schauder der Erkenntnis. Aber nicht nur sie.

Ferngläser

Abendstimmung senkt sich übers Land. Bald steht das Kreuz des Südens über dem Ferienhaus. „Da, der Mond – so eine große Scheibe habe ich noch nicht gesehen!“ Der Sohnemann ist hingerissen. Seine Mama auch, doch das mit der Scheibe weiß sie besser – und reicht ihr Fernglas herüber. Und wirklich: In der Vergrößerung zacken die Krater des Halbmonds ins schwarze All ­– zeigen, dass der Mond eine Kugel ist.

Leica, Swarovski, Zeiss: „Sehr gut“

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Nun mag der Blick in den Sternenhimmel romantisch sein – der Reiz des Neuen erschöpft sich schnell. Doch Neues gibt es allerorten immer wieder zu entdecken. Zu den klassischen Fernglasguckern wie Jäger, Skipper und Sportschützen kommen im­mer mehr Naturliebhaber. Sie zieht es beispielsweise an Rastplätze der Zugvö­gel. Birdwatching, wie es im angelsächsischen Raum heißt, ist absolut „in“.

Ein zweiter – zweifelhafter – Trend ist der Voyeurismus, den so manches Hotel in den USA ungeniert bedient – mit dem Fernglas auf der obligatorischen Bibel im Zimmer der ­Hotelgäste. Falls das allerdings Gläser aus US-Produktion sind, wird eher keine Nabelschau geboten: Die für unsere Partner in den USA getesteten Gläser sind oft schlechter als „unsere“.

Wir können insbesondere den Gläsern von Leica, Swarovski und Zeiss beste optische Eigenschaften attestieren. Der Kenner nickt diese Namen wissend ab, dem Laien verschlägt der Preis den Atem. Natürlich „lebt“ ein Fernglas viele Jahrzehnte, doch ist es 1 500 Euro wert, wenn doch ein Glas mit gleicher Vergrößerung für knapp 200 Euro zu haben ist? Da ist die Frage erlaubt, ob hier nur für den renommierten Namen bezahlt wird. Die Antwort ist ein klares Nein. Qualität hat bei Fern­gläsern ihren Preis. Das beste Beispiel steuert Nikon bei: Das 1 000 Euro teure High Grade Light 8x32 DCF WP spielt in der Oberliga mit. Nikon weiß also, wie man gute Gläser baut. Das zweite Nikon, das 10x25 DCF Sportstar IV für 89 Euro, schneidet in den optischen Tests zwei Noten schlechter ab. Am fehlenden Know-how oder am Namen des Anbieters liegt es also nicht. Vielmehr zählt: Welche Gläser werden verwendet? Wie hochwertig sind sie vergütet? Stimmen die Feinmechanik und Montage? Mit schmalem Budget kann auch Nikon nicht zaubern.

Selber testen: Hilfreiche Tricks

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Unser Beregnungstest stellt einen ordent­lichen Regenschauer dar.

Teure Gläser sind besser als billige, doch nicht jeder will den Gegenwert eines Gebrauchtwagens für ein Fernglas hinblättern. Und richtig: Ordentliche Gläser wie das Eschenbach trophy AS/D 8x32 B kosten nur moderate 360 Euro. Doch in dieser Preisklasse geht es drunter und drüber. Manches sogar etwas teurere Glas ist deutlich schlechter. Dieser Testbericht hilft bei der Auswahl, ein kleiner Trick aber auch: Wer sein Fernglas abends nach ­einem anstrengenden Arbeitstag aussucht, merkt beim Blick durch mehrere Gläser schnell, welches anstrengt ­(Reflex: Glas weglegen) und welches entspannt (Reflex: weiter durchgu­cken). Unser Gesichtssinn, also Augen und Gehirn, müssen eine schlechte Abbildungsleistung (in der Tabelle siehe Prüfpunkte „Detailerkennbarkeit“ und „binokulare Justierung“) des Fernglases kompensieren. Das strengt an.

Außerdem kann Falschlicht stören. Im Selbsttest wird der Fernglasblick aus einer dunklen Ecke in Richtung der sonnenbe­schienenen Fassade eines Hauses gelenkt. Ist das Glas besonders empfindlich gegen Falschlicht, wird die dunkle Ecke milchig überstrahlt, obwohl die helle Fassade noch gar nicht im Bild ist. Der letzte Kontrollblick richtet sich auf eine strukturierte Fläche. Nur die besten Gläser zeigen die Struktur einer Wand mit Rauputz scharf und kontrastreich bis ins Detail. Das Minox BD 10x25 BRW mit besonders geringer Abbildungsleistung liefert dagegen ein eher verwaschenes Bild.

Details: Darauf kommt es an

Ferngläser Test
Nicht alle Gläser sind dicht. Manche beschlagen von innen: Das darf nicht sein.

Laborwerte hin, Testergebnisse her: Worauf kommt es noch an?

Vergrößerung: Ein Glas mit zehnfacher Vergrößerung – Typbezeichnung „10x“ – zeigt 100 Meter entfernte Dinge so, als stünde man 10 Meter davor. Die 8x-Gläser holen alles nur auf 12,5 Meter heran. Dafür ist ihr Bild ruhiger, und das Sehfeld wächst in der 1 000-Meter-Distanz von etwa 105 Meter bei 10x auf rund 130 Meter.

Öffnung: Nicht ohne Grund hat ein Uhu riesige Augen – er jagt nachts. Auf Ferngläser angewandt bedeutet das: Bei gleicher Vergrößerung entscheidet der Durchmesser des Objektivs (in Millimeter, beispielsweise das „25“ in der Typbezeichung) über die Eignung eines Glases in der Dämmerung. Ein 8 x 56-Glas gilt im Vergleich zu einem 8 x 32er als Nachtglas.

Dämmerungsleistung: Wie gut sich ein Glas in der Dämmerung schlägt, hängt von mehreren Faktoren ab: der Licht­durchlässigkeit (Werte über 90 Prozent sind möglich), der Größe der Öffnung (je mehr, desto besser), einem eventuellen Farbstich (ein rötliches Bild enthält weniger der fürs Nachtsehen wichtigen Grüntöne) und der Größe der Austrittspupille (siehe Tabelle). Sie sollte bei jungen Menschen sieben Millimeter betragen, bei über 40-Jährigen vier.

Fokus: Bei den geprüften Gläsern wird am sogenannten Mitteltrieb scharf gestellt ­– dem Einstellrad zwischen beiden Fernrohren. So bleiben die Augen ganz entspannt auf unendlich eingestellt. Gläser mit „Free Focus“, auch als „Autofokus“ angepriesen, überlassen das Scharfstellen weitgehend den Augen. Das ermüdet.

Dioptrienausgleich: Korrigiert eine unterschiedliche Sehstärke beider Augen. Bril­len­träger sollten versuchen, die unterschiedliche Sehstärke ihrer Augen mit dem Fernglas auszugleichen. Und so geht es, wenn der Dioptrienausgleich wie üblich auf das rechte Fernrohr wirkt: 

  • Mit dem linken Auge das Ziel anvisieren (rechtes Auge zu) und am Mitteltrieb zwischen beiden Fernrohren scharf stellen.
  • Das linke Auge schließen und mit dem rechten gucken. Ein unscharfes Bild korrigiert man mit dem Dioptrienausgleich. Nun wird nur noch am Mitteltrieb scharfgestellt – bis ein anderer das Glas nutzt.

Augenmuscheln: Sie sorgen für den richtigen Abstand zum Okular. Welche Variante (umstülpen, drehen, ziehen) gefällt, ist eine Geschmacksfrage. Brillenträger korrigieren einfache Sehfehler mit dem Fernglas. Die Brille sollten sie nur nutzen, wenn der Ausgleich am Glas nicht klappt.

Objektivabstand: Je weiter die Objektive der Fernrohre auseinanderliegen, desto plastischer das Bild. Breitschultri­gen klassischen Gläsern (gewinkelter Strahlengang des Lichts, Porroprisma) gelingt das besser als den geprüften modisch schlanken Gläsern. Sie haben Dachkantprismen für einen geraden Strahlengang.

Gasfüllung: Hochwertige Gläser sind mit Stickstoff oder einem Edelgas gefüllt. Das verhindert Korrosion an mechanischen Bauteilen und das Beschlagen der Optik.

Gewicht: Schwere Gläser liegen ruhiger in der Hand als leichte. Auf Dauer, gerade bei ausgedehnten Wanderungen, ist ein schweres Glas jedoch lästig. So entscheidet der Einsatzzweck über die Auswahl.

Einsatzzweck: Das ideale Glas für jeden Zweck gibt es nicht. Für Wanderer mit leichtem Gepäck taugen Kompaktgläser wie die geprüften 10x25. Sie sind leicht und bringen eine beachtliche Vergrößerung. Sie liegen jedoch recht unruhig in der Hand und sind relativ lichtschwach.

Für Naturbeobachtungen vom festen Standort bieten sich die 10x42-Gläser an. Sie bieten bei hellerem Bild die gleiche Vergrößerung wie die kompakten 10x25 und ein tendenziell größeres Bildfeld. Sie wiegen jedoch bis zu rund einem Kilogramm. Deshalb finden wandernde Natur­liebhaber in den 8x30/32-Gläsern unter 700 Gramm einen guten Kompromiss aus Gewicht und optischer Leistung.

Nebenwirkungen: Elementar sind die Sicherheitshinweise – ein Blick in die Sonne schädigt das Auge, das ist keine gute Idee. Ebenso der Versuch, ein am Strand versandetes Fernglas mit einem Tuch zu reinigen. Das zerkratzt die Linse und deren Oberflächenvergütung. Wasserdichte Gläser werden abgebraust und mit einem fusselfreien Brillentuch abgetrocknet. Ein kleiner Blasebalg (mit Pinsel, im Fotofachhandel) tut es oft auch.

Seelenfrieden: Wer nur Gläser in der prä­fe­rierten Preisgruppe vergleicht, ist mit seinem Glas zufriedener als jemand, der schon einmal ein Spitzenglas benutzt hat – gute Gläser machen süchtig.

Testergebnisse: Schnelles Echo

Ferngläser Test
Raureif auf den Gläsern nach dem Kältetest in der Klimakammer.

Unsere Prüfungen zur Haltbarkeit und Schadstoffbelastung haben etliche Gläser disqualifiziert. Von innen beschlagene Gläser nach dem Test auf Wasserdichtheit (Minox 10 x 25), abfallende Okulare nach dem Rütteltest (Luger 8 x 32) und deutlich schadstoffbelastete Gummiummantelungen und Augenmu­scheln dürfen nicht sein (siehe „ausreichend“ im Prüfpunkt Schadstofffreiheit). 

Wie üblich informierten wir die Her­steller über die Messergebnisse – mit einer positiven Resonanz. Minox zum Beispiel verspricht einen kostenlosen Test auf Wasserdichtheit für eingeschickte Ferngläser. Luger wird sein „mangelhaftes“ Glas durch ein besseres ersetzen. Und die Schadstoffe sollen in Kooperation mit den Zulieferern auch verschwinden.

Für das Fernglas unserer Urlaubsfamilie interessiert sich inzwischen nur noch der Sohn. Er hat sein „Jagdrevier“ vom Mond weg auf irdische Dinge verlegt. Nun gilt es, pädagogisch zu werden („Das macht man nicht!“) oder ein „Kinderglas“ zu kaufen. Das könnte das „mangelhafte“ Luger DA 8x32 sein. Es zeigt insbesondere in der Dämmerung kaum noch etwas.

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