Online-Videothek: Schneller als die Videothek
Kein Gang vor die Tür, keine Parkplatzsuche, kein Ärger über vergriffene Filme – elektronische Videotheken versprechen Kino auf Abruf vom Fernsehsessel aus.
Ganz gleich, wie viele Fernsehkanäle via Kabel oder Satellit verfügbar sind: Wer Lust hat, einen Abend vor der „Glotze“ zu verbringen, findet selten das, was ihn interessiert. In einer solchen Situation ist die Videothek eine Alternative – sonntags allerdings selten, da ist sie meist geschlossen.
Dieser Umstand ließ auch die Internet-anbieter nicht ruhen. Mit der Verbreitung schneller Netzzugänge in Privathaushalten sahen sie die Möglichkeit, Filme individuell zum Zuschauer zu transportieren. Gedacht, geplant, getan: Mit der Deutschen Telekom und Arcor sind zwei Telekommunikationsanbieter unter die Filmverleiher gegangen. Und seit kurzem ist der unabhängige Anbieter one4Movie Dritter im Bunde. Die anglizismusverliebte Branche nennt die Dienste „Video on Demand“ (VOD), Video auf Abruf.
Richtig komfortabel ist es noch nicht
Also Wunschfilm auf Knopfdruck? Nie mehr Verspätungszuschläge zahlen, wenn die DVD nicht noch vor Mitternacht zurückgegeben wird? Ganz so paradiesisch sind die Angebote nicht. Nur wer bereit ist, über Hürden zu springen, kommt zu seinem persönlichen Heimkino.
Die erste Hürde ist ein schneller Internetzugang. Je nach Anbieter und Tarif kostet er allein 30 bis 50 Euro im Monat – ohne einen einzigen Film gesehen zu haben. Zweite Hürde: Nicht jeder Filmdienst bedient jeden Kunden – T-Online-Vision, wie sich die elektronische Videothek bei der Telekom nennt, versorgt nur hauseigene Internetkunden (Details zu allen Anbietern in der Tabelle).
Dritte Hürde: das Angebot. Wer sich auf den Webseiten der Anbieter umschaut, wird nur selten Kinoknüller im Sortiment entdecken. Oft finden sich gut abgehangene Klassiker im Sortiment, aber auch Filme, die bislang zu Recht in den Archiven verstaubten. Auch imposante Zahlen über das verfügbare Sortiment sollte man mit Vorsicht genießen: Manche Netz-Videothek zählt Filme, die beispielsweise Drama und Krimi sind, doppelt.
Vierte Hürde ist die Alterskontrolle. Wer Erotik sehen will, muss sich vor der ersten Ausleihe als Erwachsener per Postident-verfahren ausweisen. Da ist der Gang in die Videothek auch nicht viel umständlicher. Fünfte Hürde: die Technik (siehe Kasten). Optimal lässt sich das Angebot nur mit einem Computer nutzen, der aber steht nur selten im Wohnzimmer.
Sechste Hürde ist die Bezahlung. Nur T-Online-Vision schreibt die ausgeliehenen Filme auf Wunsch mit auf die Telefonrechnung. Auch die Kosten sind nicht ohne – zurzeit verlangen Arcor und die Telekom bis zu vier Euro pro „Ausleihe“. Mit seinem monatlichen Pauschaltarif ist one4Movie da wesentlich günstiger.
„Streaming“ oder „Download“?
Beim Transport der Filme zum Nutzer gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den Diensten: one4Movie und T- Online-Vision übertragen den Film in Echtzeit (Streaming genannt), Arcor lagert den Film auf der Festplatte zwischen. Die Folgen sind gravierend: Beim Streaming kann die Bildqualität – sie hängt wesentlich von der Informationsfülle ab, der so genannten Bitrate – maximal so gut sein wie die des Internetzugangs. Die meisten schnellen DSL-Netzzugänge bieten ein Megabit pro Sekunde, doch die Online-Videotheken nutzen zurzeit tatsächlich rund 500 Kilobit pro Sekunde. Das entspricht in etwa der von herkömmlichen Videorekordern gebotenen VHS-Qualität. Wenn die Geschwindigkeit kurzfristig sinkt oder der Zugang kurz ausfällt – zum Beispiel, weil das Netz kurzfristig überlastet ist – stockt die Wiedergabe. Das kann mit dem „progressiven Download“ von Arcor nicht passieren. Zwar muss der Kunde etwas länger warten, bis der Film oder zumindest ein Gutteil davon auf die Festplatte gespielt wurde. Dafür ist die Technik weniger störanfällig. Der Anbieter kann bessere Bildqualität übermitteln, weil die Netz- und die Film-Bitrate nicht direkt voneinander abhängen.
Vertraute Zukunftsmusik
Doch die technischen Hürden werden sich überwinden lassen. Größter Schwachpunkt momentan ist die mäßige Filmauswahl. Ein Blick zurück zeigt aber interessante Parallelen: Als vor 25 Jahren Heimvideorekorder die Wohnzimmer der Welt eroberten, verschliefen die Filmstudios jahrelang das Geschäft mit Leih- und Kaufkassetten. Wenn sich bei Video on Demand ausreichendes Interesse des Publikums abzeichnet, dürften die Filmverleiher schnell auf den Zug aufspringen.
In den Startlöchern
Mit Tiscali steht ein weiterer Video-Abruf-dienst in den Startlöchern. Im Raum Hamburg bietet Hansenet Video on Demand. In einigen Regionen Deutschlands ist der Anbieter Primacom aktiv. Und der Bezahlkanal Premiere will noch in diesem Jahr eine andere Variante anbieten: Die neuen Empfänger mit Festplatte werden vom Sender im Hintergrund regelmäßig mit Filmen beschickt. Der Kunde bezahlt nur die Filme, die er aus diesem Bukett auf Knopfdruck abruft.
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