Nepp mit 0190-Wählprogrammen: 1 650 Euro für 33 Minuten
Im Internet lauern Trickbetrüger, die mit der Telefonrechnung Kasse machen. Wer im Netz unterwegs ist, sollte sich gegen die Gauner wehren und seinem Rechner eine Schutzhülle verpassen.
Letztens beim Schwatz im Internet: „Hey, du gefällst mir. Besuch mich auf meiner Homepage. Dort kannst du mich kennen lernen!“ Die heiße Braut fanden wir nicht, dafür landete später eine gesalzene Telefonrechnung im Briefkasten. Ein Hamburger Unternehmen berechnete 1 650 Euro für 22 Einwahlen innerhalb von 33 Minuten.
Der Lockruf der Sirene verhieß einen heißen Flirt und war doch nichts weiter als eiskalte Abzocke. Dem kundigen Internetsurfer signalisiert solch eine Aufforderung Alarmstufe Rot. Alle anderen klicken auf den Link, der vom Chat zu einer angeblich privaten Homepage führt. Unbemerkt installiert sich dabei ein Wählprogramm, Dialer genannt. Und das führt den PC beim Internetzugang auf eine 0190-Nummer. In unserem Fall kostete jede Einwahl 75 Euro. Das übersteigt die Kosten für einen Monat unbegrenztes Surfen mit DSL-Zugang.
DSL-Internetzugänge sind vor Dialern sicher, wenn beim Rechner die früher genutzte Modem- oder ISDN-Verbindung unterbrochen wird.
Tipp: Um sie zu kappen, müssen Sie das Modem- oder ISDN-Kabel abziehen. Keine Gefahr droht Mac-Nutzern und Surfern mit Linux-PCs.
Zustimmung verweigern
Fast täglich tauchen Dialer mit neuer Tarnung auf. Doch völlig automatisch richten sie sich nur in den seltensten Fällen ein, meist brauchen sie einen bestätigenden Mausklick. Deshalb: Bestätigen Sie nie, was Ihnen aufgedrängt wird – mit welcher Begründung auch immer.
Eine Masche der Abzocker ist das Versprechen eines Nutzens: Kontakte (Partnersuche, Modelcasting), Links auf „geheime“ Seiten, mehr Funktionen für bekannte Programme wie den Internet Explorer oder „Highspeed“-Internet. Alles Humbug. Der Klick auf den Link öffnet ein Eingabefenster, das die Installation einer angeblich dringend erforderlichen Programmerweiterung anmahnt. Wer das bestätigt, installiert den Dialer. Auch der Hinweis, dass der Download kostenfrei sei, ist nur Tarnung: Zwar kostet das Programm wirklich nichts, doch anschließend werden Sie durch die vom Dialer aufgebaute, sehr viel teurere Telefonverbindung ausgeplündert.
Tipp: Updates und Programmerweiterungen für Betriebssystem und Browser (wie den Internet Explorer) aktualisieren Sie nur von der Homepage des Anbieters dieser Software kostenlos und sicher.
Funktionen sperren
Ein großes Einfallstor für Schadprogramme wie die unseriösen Dialer sind alle freigegebenen Automatikfunktionen im Internetbrowser. Dadurch öffnen sich auf Kommando aus dem Internet neue Fenster und werden Schaltflächen generiert. Im extremen Fall ist das Fenster selbst die Schaltfläche, einen „Schließen“-Button gibt es darauf nicht und ein Klick ins Fenster startet den Download.
Automatisch baut sich beispielsweise eine ungewollt besuchte Seite immer wieder auf. Oder es öffnen sich ständig neue, unsinnige und verwirrende Fenster, so genannte Pop-ups. Wer in diesem Pop-up-Gewitter die Übersicht verliert und an der falschen Stelle auf „ja“ klickt, fängt sich einen Dialer ein. Die Notbremse: Rechner abschalten, und zwar sofort.
Tipp: Verstärken Sie die Sicherheitseinstellungen des Internet Explorer über Extras, Internetoptionen, Sicherheit, Standardstufe. Stellen Sie mindestens die mittlere Sicherheitsstufe ein. Noch besser: Deaktivieren Sie unter „Stufe anpassen“ alle Einträge mit ActiveX und Java, wählen Sie zumindest die Option „Eingabeaufforderung“.
„Infektionen“ vorbeugen
Drei vorbeugende Schutzmechanismen gibt es: Am günstigsten wäre ein Monatslimit, das die Telefonrechnung nicht überschreiten darf. Das ermöglichen aber nicht alle Telefongesellschaften. Bei Bedarf können Sie auch ein Telefon kaufen, das ab einer Gebührengrenze die Leitung sperrt. Installieren Sie ein Schutzprogramm. Das beseitigt eingenistete Wählprogramme und wehrt Installationsversuche neuer Dialer ab. Schutzprogramme wie YAW (Version 3.01) wehren sogar den Versuch der Wählprogramme ab, solche Schutzprogramme abzuschalten. Der dritte Schutzmechanismus, die Sperre aller0190-Rufnummern, hat Vor- und Nachteile. Die Sperre der 0190-Rufnummern schließt nicht alle Tore. Andere, ebenfalls besonders teure Vorwahlen wie 0192, 0193 müssen Sie dann noch gesondert sperren lassen. Stellen Sie dazu am besten für alle einen Antrag bei Ihrer Telefongesellschaft. Dann bleibt als Einfallstor für Angriffe von Wählprogrammen noch die ins Ausland führende vermeintlich kostenfreie Vorwahl 00 800. Das ist ein großes Manko. Ebenfalls schlecht: Die Sperre blockiert auch seriöse Servicedienste (wie Faxabruf, Rechtsauskunft bei den Verbraucherzentralen, Internetzugänge: Provider verwenden als Zugangsnummern unter anderem 0192-Leitungen).
Tipp: Kombinieren Sie die Abwehrstrategien durch Vorsicht beim Surfen, hohe Sicherheitseinstellungen sowie ein aktuelles Schutzprogramm.
Rechnung kürzen
Im schlimmsten Fall ist der Schaden eingetreten und es wird eine hohe Telefonrechnung präsentiert. Die sollten Sie nicht bezahlen, doch leider ist die Rechtslage hier noch nicht eindeutig. Mit Unannehmlichkeiten ist zu rechnen: Der Abzocker schaltet bei Nichtbezahlen ein Inkassounternehmen ein. Für den vielleicht unvermeidlichen Rechtsstreit ist eine aufwendige Beweissicherung erforderlich. Trotzdem sollten Sie auf Ihrem guten Recht beharren. Eine Gesetzesnovelle von Verbraucherschutzministerin Renate Künast soll hier ab Herbst Rückendeckung geben: Bereits die Zahlungsverweigerung gilt dann als Widerspruch. Aber Achtung: Verweigern oder zurückbuchen dürfen Sie nur den Anteil, der auf den Dialer entfällt (Mehrwertsteuer beachten!). Was der Telefongesellschaft zusteht, müssen Sie zahlen. Andernfalls wird Ihr Anschluss gesperrt. Leider ist bislang unklar, in welcher Form und wann die Novelle umgesetzt wird. Der Bundesrat wird das Thema vermutlich vertagen. Weitere Entscheidungen werden im September erwartet. Bis zur Klärung sollten Sie strittigen Rechnungen widersprechen und eine korrigierte Rechnung ohne Dialerkosten verlangen.
Für einen etwaigen Rechtsstreit müssen Sie festhalten: Wie kam der Dialer auf die Festplatte des PCs: gewollt oder ungewollt? Lässt sich der Fall noch rekonstruieren? Woher kam der Dialer, von welcher Website / mit welcher E-Mail? Gibt es noch Beweise? Gab es Hinweise auf die Höhe der Gebühren? Da hilft ein Bildschirmfoto „Screenshot“. Das „schießen“ Sie mit der „Druck“-Taste (meist oben neben den Funktionstasten) und speichern es mit einem Programm zur Bildbearbeitung (manchmal geht es auch in Word: Drucktaste drücken, Word aufrufen, einfügen). Dokumentieren Sie die Internetseite, von der der Dialer stammt, und dokumentieren Sie ebenfalls den manipulierten Internetzugang (Systemsteuerung / DFÜ-Netzwerk). Dort sehen Sie zum Beispiel die aktuelle Einwahlnummer und den Namen der installierten Internetzugänge. Markant sind 0190-Einwahlnummern und Namen für den Internetzugang wie xxxChat, Chatzugang, Hackertools, LiveCam, FlirtLine, ts-cash oder 5–4–30–35 (oder ähnlich).
Tipp: Öffnen Sie vor dem Internetzugang das Fenster mit den Einstellungen der DFÜ-Verbindung und beobachten Sie, was beim Wählen passiert: Taucht hier eine 0190-Rufnummer auf? Wenn ja, brechen Sie sofort ab und schalten Sie den PC ab. Ist der Schaden gar zu groß (hohe Rechnung), sollten Sie die Polizei kontaktieren. Delikte für eine Strafanzeige könnten Betrug, Computerbetrug, Datenveränderung und Täuschung sein. Die Polizei wird sich Ihren Rechner vornehmen und die Beweise sichern.
Die Abzocker sind aus der Schmuddelecke der Sex- und Erotikseiten herausgetreten. Gefährdet sind nun alle, die leichtfertig jedes OK anklicken. Besonders viele Beschwerden hagelt es von den „Chattern“, die das Internet als Plauderecke nutzen. Dort, im Kreise vermeintlich Gleichgesinnter, schlafen wohl die Schutzreflexe. Immer neue, noch miesere Tricks können aber auch vorsichtige Surfer übertölpeln – mehr als 800 Dialer werden derzeit gelistet.
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