Digitales Fernsehen DVB-T: Was guckst du?
Wer noch über Antenne fernsieht, muss demnächst eine Entscheidung treffen, sonst kann er bald nichts mehr sehen.
Nun ist es in Berlin so weit. Im Herbst 2002 startet im Ballungsgebiet Berlin-Brandenburg das digitale Antennenfernsehen (DVB-T, siehe Glossar). Alle, die ihre Programme noch über die gute alte Hausantenne empfangen, brauchen dann einen kleinen Kasten, der die digitalen Daten für ihre analogen Fernsehgeräte entschlüsselt (Set-Top-Box). Auch wer den Zweitfernseher im Schrebergarten oder im Kinderzimmer über eine Antenne betreibt, muss sich ein Zusatzgerät kaufen, sonst bleibt die Mattscheibe dunkel.
Die Berliner Umstellung ist weltweit einzigartig. In vielen Ländern wird zwar schon digital ausgestrahlt, zum Beispiel in Spanien, England, Skandinavien oder Australien. Doch anders als hierzulande ist die Einführung von DVB-T in diesen Ländern über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren und dazu im Parallelbetrieb von analog und digital vorgesehen. In Berlin soll schon nach einem Jahr nur noch digital gesendet werden – wenn alles gut geht.
Analog mit Antenne ist teuer
Immer weniger Zuschauer in Deutschland empfangen ihr Fernsehprogramm noch über eine Hausantenne. Zum einen ist der Empfang öfter mal schlecht, zum anderen ist das Programmangebot gering. Da sind Kabel und Satellit einfach attraktiver. Für die Fernsehsender bedeutet das: Der klassische Verbreitungsweg über die Hausantenne wird immer teurer und unwirtschaftlicher.
Alternativen wären, das Antennenfernsehen ganz abzuschalten oder es zu verbessern, um so wieder mehr Zuschauer „vor die Antenne“ zu locken. Die Sender haben sich für Letzteres entschieden. Jetzt heißt es: Das Fernsehen wird digital. Doch das stimmt so nicht ganz. Denn nur das Übertragungsverfahren wird digital. Gebündelte und komprimierte Datenpakete werden mit der digitalen Technik in den Äther geschickt. Da aber praktisch alle Fernseher noch analog funktionieren, können sie die digitalen Daten nicht entschlüsseln. Dafür gibt es dann die Set-Top-Box. Sie ist der Übersetzer zwischen digital und analog.
Die digitalen Signale haben einige Vorteile gegenüber den analogen. Da sie komprimiert sind, können mehr Programme über eine Frequenz übertragen werden. Statt 50-mal pro Sekunde ein halbes Bild zu übertragen, werden nur die jeweiligen Änderungen über den Äther geschickt. So wird die Datenmenge deutlich reduziert und die digitalen Sendungen benötigen weniger Platz als analoge. Statt einem können jetzt bis zu vier Programme auf einer Frequenz übertragen werden. Und wenn sich mehrere Programme eine Frequenz teilen, bedeutet das unterm Strich geringere Ausgaben für die Fernsehsender.
Um die digitalen DVB-T-Wellen zu empfangen, ist neben der Set-Top-Box noch eine kleine Stab- oder eine Außenantenne erforderlich. Die Stabantenne reicht nur bei günstigem Empfang aus. Bei zu starker Bebauung, vor allem in Stadtgebieten wie Berlin, kann es ohne Dachantenne doch noch zu Problemen beim digitalen Empfang kommen, wenn die digitalen Wellen nicht überall ungehindert hingelangen können.
Vorteile von DVB-T
Die digitale Technik soll das Fernsehen und speziell das Antennenfernsehen attraktiver machen. Für den Zuschauer ergeben sich tatsächlich Vorteile:
- Qualität. Durch die digitale Übertragung werden vor allem die Bildqualität und die Tonqualität deutlich besser.
- Vielfältigkeit. Der Zuschauer kann drei- bis viermal so viel Programme über Antenne empfangen wie bisher. Neben den Programmen hat er auch die Auswahl zwischen interaktiven Diensten wie E-Mail, elektronischem Einkaufen, abrufbaren Videos, Live-Chats und Spielen. So planen es jedenfalls die Veranwortlichen des DVB-T-Projekts.
- Mobilität. Eine kleine, 15 bis 20 Zentimeter lange Stabantenne erlaubt irgendwann auch das Fernsehen mit dem Notebook, dem Organizer oder dem Handy, egal wo sich der Nutzer gerade befindet. Diese kleine Stabantenne soll für den Empfang aller Inhalte von DVB-T ausreichen – im Haus und auch außerhalb, so Uwe Hense, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Rundfunkversorgung mbH (GARV).
- Vorhandenes kann bleiben. Die gute alte Dachantenne kann weiterhin genutzt werden. Auch der Fernseher muss nicht gleich ausgetauscht werden. Nur eine Set-Top-Box muss angeschafft werden. Danach ergeben sich keine weiteren Kosten.
Nachteile von DVB-T
Womit wir auch gleich bei den Nachteilen wären. DVB-T ist zum analogen terrestrischen Fernsehen nicht kompatibel. Daher werden die Decoder gebraucht.
- Kosten. Die Industrie will die ersten Set-Top-Boxen für knapp 200 Euro auf den Markt bringen. Wer mehr als nur ein Fernsehgerät hat, der braucht entsprechend mehr Boxen. Das kann sich dann schnell summieren. Und viele werden sich ein solch relativ teures Gerät kaum leisten können. Laut Uwe Hense soll es auf jeden Fall eine sozial verträgliche Lösung geben. Wie sie aussieht, ist noch nicht entschieden.
- Pay-TV. Kritische Stimmen meinen, dass digitales Fernsehen zu einer Zwei-Klassen-Fernsehgesellschaft führt. Gute Sendungen und große Ereignisse würden dann verschlüsselt übertragen und wären nur per Bezahlung zu sehen (jüngst teilweise so geschehen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea). Wer nicht zahlen wolle, bekäme dann nur zweitklassige Sendungen und keine oder kaum Live-Events auf die Mattscheibe.
Zuerst die ProSieben-Frequenz
Die Berliner und Brandenburger machen nun als erste Bekanntschaft mit DVB-T. Der Übergang erfolgt in drei Schritten: Als erstes gibt ProSieben im Herbst 2002 seine starke analoge Frequenz (Kanal 44) zurück und sendet auf der schwächeren Frequenz von RTL II (Kanal 47). Der Kanal 44 wird digitalisiert, danach werden über ihn gleich vier Programme verbreitet: ProSieben, Sat.1, RTL und RTL II. Mit einer kleinen Stabantenne sollen die digitalen Programme dann überall im Haus und natürlich auch draußen zu empfangen sein. Mit einer Dachantenne ist auch der Empfang bis an die östlichen und westlichen Landesgrenzen Brandenburgs gesichert.
Die zweite Stufe der Umstellung in Berlin ist für Anfang des Jahres 2003 vorgesehen: Die analoge Verbreitung von ProSieben, Sat.1, RTL und Vox wird eingestellt. Die dadurch frei gewordenen Übertragungskapazitäten werden dann für die digitale Ausstrahlung genutzt. Auch die öffentlich-rechtlichen Programme wollen zu diesem Zeitpunkt ihre digitale Übertragung starten. Der Zuschauer soll dann schon über 20 Programme in digitaler Qualität empfangen können.
Bis zum Sommer 2003 werden aber die Programme von ARD, ZDF, ORB und SFB parallel auch noch analog terrestrisch weiter gesendet – allerdings auf leistungsschwächeren Kanälen mit geringerer Reichweite. Darunter kann dann im Berliner Umland doch die Empfangsqualität für Fernsehzuschauer mit analogen Antennen leiden.
Letzter Schritt: Spätestens zur Internationalen Funkausstellung im Sommer 2003 werden alle analogen Sender in Berlin und Brandenburg abgeschaltet.
Wie es weitergeht
Weitere Ballungsgebiete werden der Region Berlin, Brandenburg folgen: Im nächsten Jahr wollen Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Nordrhein-Westfalen mit digitalem Antennenfernsehen in den Äther gehen. Ebenso Norddeutschland, Bayern und Baden-Württemberg. Und im Jahr 2010 ist es dann in ganz Deutschland so weit: Analog wird überall abgeschaltet, das digitale Fernsehen ist überall da.
Bis dahin werden aber noch ein paar Probleme auftauchen. So dürfen die allerersten digitalen Sender nur mit einem Fünftel bis zu einem Zehntel der analogen Leistung senden, um weiter entfernt liegende analoge Sender nicht zu stören. Das wurde schon 1997 festgelegt. Somit können in den nächsten Jahren selbst die leistungsstarken Sender nur gebremst betrieben werden. Damit können Bild- und Tonqualität von DVB-T am Anfang noch nicht so optimal sein, wie es die digitale Technik verspricht.
Auch die Endgerätehersteller müssen sich noch ins Zeug legen. Schließlich soll dem Notebook am See nicht dann der Strom ausgehen, wenns spannend wird. Mobile Steckdosen gibt es noch nicht.
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Was DVB-T kostet
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