Augenärzte und Grüner Star: Wann Vorsorge sinnvoll ist

Augenärzte und Grüner Star Test

test 06/2008

Wie gut informieren Augenärzte Patienten über das Glaukom und Untersuchungen zur Früherkennung der Erkrankung? Um das herauszufinden, besuchten wir 24 Praxen in Berlin.

Augenärzte und Grüner Star

Unbehandelt kann ein Glaukom – auch als „grüner Star“ bekannt – zur Erblindung führen. Das Gefährliche ist, dass Betroffene zunächst nicht bemerken, dass ihre Sehkraft nachlässt. Wenn der Verlust von Nervenfasern und die Schäden am Sehnerv offenkundig werden, ist die Krankheit oft schon weit fortgeschritten. Augenärzte plädieren deshalb für regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen. Sie weisen darauf hin, dass mit dem Alter das Erkrankungsrisiko steigt, und befürchten aufgrund der Bevölkerungsentwicklung eine Zunahme altersabhängiger Augenerkrankungen.

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Früherkennungsuntersuchungen derzeit nicht, weil der Nutzen wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt ist (siehe „Früherkennung des Glaukoms“). Augenärzten wiederum eilte in der Vergangenheit der Ruf voraus, nahezu jedem Patienten privat zu zahlende Zusatzuntersuchungen aufzudrängen, manchmal schon am Anmeldetresen. So gehört beispielsweise die Messung des Augeninnendrucks zu einem der häufigsten Angebote individueller Gesundheitsleistungen, kurz IGeL genannt. Wir wollten wissen, was in den Augenarztpraxen wirklich passiert und schickten Test­patienten zwischen 25 und 60 Jahren zu 24 Berliner Augenärzten.

Das zwiespältige Ergebnis: Die Augenärzte bauten zwar erfreulicherweise keinen generellen Verkaufsdruck auf, doch die Qualität der Beratung hätte deutlich besser sein können (siehe Grafik).

Kaum Verkaufsgespräche am Tresen

Augenärzte und Grüner Star Test

Wir teilten die Patienten zwei Gruppen zu – einer jüngeren zwischen 25 und 36 Jahren, die noch nicht zur Risikogruppe für ein Glaukom gehört, und einer älteren zwischen 50 und 60 Jahren, deren Risiko mit steigendem Alter allmählich zunimmt. Die Tester, die die Praxis als Neupatienten zu einer Kontrolluntersuchung aufsuchten, sollten abwarten, ob Arzt oder Arzthelferin ihnen eine Augendruckmessung oder andere Glaukomuntersuchungen anboten. Wenn das nicht der Fall war, erkundigten sie sich während des Arztgesprächs, ob eine Glaukomvorsorge sinnvoll sein könne.

Positiv: Nur in zwei Praxen sprachen Arzthelferinnen die jüngeren Tester auf die privat zu zahlende Glaukomvorsorge an. Die älteren Patienten dagegen wurden in elf der zwölf besuchten Praxen auf ent­sprechende IGeL-Angebote aufmerksam gemacht. Nicht akzeptabel: In drei Praxen sollten sie sich schon vor dem Gespräch mit dem Arzt bei der Anmeldung für oder gegen eine Untersuchung entscheiden.

Beratung „gut“ bis „unzureichend“

Die Beratungen liefen nicht ganz so rund. Nur die Hälfte der Ärzte beriet die älteren Patienten „gut“, drei nur „unzureichend“. Zwar informierten fast alle Augenärzte in allgemeiner Form über das Glaukom und eine mögliche Erblindung sowie über die Schädigung des Sehnervs als Folge eines zu hohen Augeninnendrucks. Doch nur vier Ärzte erläuterten, dass eine Glaukomerkrankung auch ohne erhöhten Augeninnendruck möglich ist. Zu selten klärten sie die Patienten über das persönliche Erkrankungsrisiko auf und wiesen darauf hin, dass im Alter zwischen 50 und 60 Jahren nur etwa einer von hundert Menschen an einem Glaukom erkrankt.

Die jüngeren Tester wurden meist nur ganz knapp informiert, dass für sie eine Glaukomvorsorge erst ab dem 40. Lebensjahr sinnvoll sei. Wir haben zwar keine so umfangreiche Beratung wie bei den älteren Patienten erwartet, doch viele Augenärzte reagierten eher ungehalten auf Nachfragen. Nur zwei Patienten erfuhren, dass die Erkrankung zur Erblindung führen kann. Kein Augenarzt wies die kurzsichtigen Testpersonen darauf hin, dass sie als Kurzsichtige ein erhöhtes Glaukomrisiko haben.

Untersuchungsprogramm mit Lücken

Zur Früherkennung eines Glaukoms sind mehrere Untersuchungen notwendig. Am bekanntesten ist die Messung des Augeninnendrucks. Doch der Arzt sollte auch die Netzhaut und den Sehnerv begutachten. Denn bei einer Glaukomerkrankung sieht der Arzt eine Vertiefung im Zentrum des Sehnervenkopfes. Solche Schäden entstehen manchmal auch bei normalen Augendruckwerten. Über diese Untersuchungen informierten die meisten Ärzte in den Beratungsgesprächen und führten sie auch bei den zehn Patienten durch, die eine Glaukomfrüherkennung in Anspruch nahmen.

Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass zur Glaukomvorsorge mindestens einmal auch die Dicke der Hornhaut gemessen werden sollte. Sie ist von Mensch zu Mensch verschieden und kann die Messwerte des Augeninnendrucks verfälschen. Bei sehr dünner Hornhaut ist er beispielsweise höher als gemessen. Doch kaum einer der Ärzte thematisierte die Untersuchung oder führte sie durch. Auch die Gesichtsfeldprüfung, die bei Glaukomverdacht gemacht werden sollte, sprach nur jeder fünfte Arzt an, zwei führten sie durch. Viele Testpatienten beklagten sich, dass Ärzte Untersuchungen nicht erläuterten.

Barzahlung erwartet

Nur in zwei von zehn Praxen gab es für die in Anspruch genommenen Selbstzahlerleistungen wie vorgeschrieben vor der Untersuchung einen von Arzt und Patient unterschriebenen Behandlungsvertrag. In den anderen Praxen wurde er erst danach unterschrieben, nicht ausgehändigt oder gar nicht abgeschlossen. Eine Rechnung erhielten die Tester in keinem Fall, die Ärzte erwarteten offenbar sofortige Bezahlung. Die wurde immerhin quittiert, wenn manchmal auch nur auf Nachfrage.

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