Akupunktur: Nadelprobe
Westliche Ärzte setzen Akupunktur vor allem zur Schmerzbehandlung ein. In einem Modellversuch überprüfen gesetzliche Krankenkassen nun, ob die Nadeln besser helfen als herkömmliche Therapien.
Es ist die weltweit größte Akupunkturstudie: Mit mehr als 300 000 Patienten wollen deutsche Wissenschaftler klären, wie nützlich die Akupunktur ist. Wer unter Spannungskopfschmerzen, Migräne, Kreuzschmerzen oder Kniegelenkarthrose leidet, kann teilnehmen. Ein erstes Teilergebnis zeigt: Bei rund 40 000 behandelten Patienten traten so gut wie keine Nebenwirkungen auf, und bei 90 Prozent von ihnen wurden die Beschwerden gelindert.
Inzwischen sind auch die vergleichenden Studien angelaufen. Mit ihnen wollen die Mediziner herausfinden, welches die beste Therapieform für Schmerzpatienten ist. Sie untersuchen, ob die schmerzlindernde Wirkung der Akupunktur anhält, und überprüfen gleichzeitig, ob Akupunktur besser wirkt als die anerkannten Standardtherapien für das jeweilige Krankheitsbild, zum Beispiel Medikamente oder Krankengymnastik. Besonderheit dieser Studien: Echte Akupunktur nach den Kriterien der traditionellen chinesischen Medizin wird auch mit einer Pseudo-Akupunktur verglichen – die Nadeln werden dabei an „falschen“ Punkten gesetzt. Mit den Ergebnissen ist in etwa zwei Jahren zu rechnen.
Mehr als 2 000 Punkte
Akupunktur gehörte bislang schon zu den wenigen alternativen Heilmethoden, für die es eine Reihe moderner Studien gibt. Die amerikanische Gesundheitsbehörde NIH beispielsweise wertete mehr als 2 300 Studien aus, die zwischen 1990 und 1997 erschienen sind. Zwar bemängelte sie die zum Teil unzureichende Wissenschaftlichkeit vieler Studien, bescheinigte der Nadeltherapie aber trotzdem eine Effektivität gegen verschiedene Leiden. Auch deutsche Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen, doch sie fordern noch überzeugendere Studien mit mehr Patienten und strengerer Methodik. Dem trägt jetzt der groß angelegte Modellversuch der gesetzlichen Krankenkassen Rechnung.
Das chinesische Wort für Akupunktur „zhen jiu“ bedeutet so viel wie „stechen und brennen“. Es erinnert daran, dass zu der jahrtausendealten Heilmethode aus Fernost auch das Abbrennen kleiner Kräuterkegel auf der Haut gehört. Von „der“ Akupunktur kann allerdings keine Rede sein. Je nach Methode eignen sich mehr als 2 000 Punkte am ganzen Körper, um genadelt, gedrückt, gelasert oder unter Strom gesetzt zu werden.
Trotz dieser Vielfalt ist Akupunktur nur ein kleiner, wenngleich wichtiger Teil der traditionellen chinesischen Medizin. In deren Mittelpunkt steht die Gabe von Arzneimitteln – meist ein individuell gemixter Kräutersud. Die Nadelstiche sollen eine Behandlung ergänzen. In der „westlichen“ Medizin dagegen wird Akupunktur in der Regel als isolierte Heilmethode angewandt – in Deutschland mittlerweile von etwa 40 000 Ärzten. Insbesondere in der Schmerzbehandlung werden die heilsamen Stiche immer häufiger als Ergänzung oder Alternative zu herkömmlichen Therapien genutzt. „Vor jeder Akupunkturbehandlung sollte allerdings eine klassische medizinische Diagnostik stehen, damit organische Schäden nicht übersehen und konventionelle Behandlungen nicht versäumt werden“, betont Dr. Dominik Irnich, Akupunkturforscher am Münchener Universitätsklinikum Großhadern. „Für Beschwerden, die nach den üblichen medizinischen Tests nicht erklärt werden können, bietet die Akupunktur häufig eine gute Behandlungsmöglichkeit, vor allem bei chronischen Erkrankungen.“
Rätselhafte Wirkweise
Auf welche Weise die Nadeln ihre Wirkung entfalten, ist bisher unklar. Nach der traditionellen chinesischen Lehre entstehen Krankheiten, wenn die Lebensenergie „Qi“ nicht mehr richtig im Körper zirkulieren kann. Anhand von Nadelstichen in bestimmte Reizpunkte soll die Lebensenergie wieder hergestellt werden und richtig zirkulieren können. Vertreter der westlichen Medizin lehnen diese Vorstellung als vorwissenschaftlich ab – als ein Relikt aus einer Zeit, in der in China nicht seziert werden durfte, Lage und Beschaffenheit der Organe unbekannt waren.
Klinische Studien liefern mittlerweile aber auch wissenschaftliche Erklärungsmodelle für die Wirkungsweise von Akupunktur, vor allem in der Schmerzforschung. „Kurzfristige Effekte werden unter anderem durch die Ausschüttung von Endorphinen, körpereigenen schmerzdämpfenden Stoffen, vermittelt“, so Dr. Dominik Irnich.
Studien zeigen: Die Nadelstiche aktivieren Mechanismen in Rückenmark und Gehirn, die das Weiterleiten von Schmerzsignalen hemmen. Beobachtet wird auch, dass Akupunktur beruhigend wirkt, die Muskelspannung senkt und die Durchblutung fördert. Auch chronische Schmerzprozesse können möglicherweise gestoppt und rückgängig gemacht werden.
Viel ärztliche Zuwendung
Wenig erforscht sind die positiven Wirkungen bei nichtschmerzhaften Erkrankungen wie etwa Depressionen. Erste Untersuchungen weisen auch hier auf eine Beeinflussung von Hormon- und Botenstoffen hin. Der Münchener Forscher will die Wirkung allerdings nicht allein auf die Stiche reduziert sehen. „Die Nadeln sind auch ein Vehikel für die intensive ärztliche Zuwendung. Sich Zeit für den Patienten nehmen, ihm zuhören, auch das spielt eine wichtige Rolle, weil dadurch körpereigene Abwehrkräfte stimuliert werden können.“
Bis zu 350 Stunden Fortbildung
Die deutschen Akupunkturgesellschaften haben zusammen mit der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe für die Behandlung einheitliche Ausbildungsstandards für Akupunkturärzte entwickelt. Dieser Leitfaden schreibt unter anderem zwischen 140 und 350 Stunden Fortbildung vor. Er soll die Qualität der Ärzte gegenüber jenen Akupunkteuren erhöhen, die ihre Kenntnisse lediglich in einem Wochenendkurs erworben haben.
Die gesetzlichen Krankenkassen, die Akupunktur derzeit in Modellprojekten bei chronischen Kopfschmerzen, Lendenwirbelsäulen- und Arthroseschmerzen erproben, fordern von ihren Vertragsärzten solche Nachweise. Patienten sollten bei der Auswahl des Arztes aber nicht nur auf diesen Fortbildungsnachweis Wert legen, sondern auch auf seine praktischen Erfahrungen. Denn Akupunktur ist ein Teil der Erfahrungsmedizin. „Gerade in der individuellen Auswahl von Akupunkturpunkten und -verfahren liegt eine ihrer Stärken“, so Dr. Dominik Irnich. Außerdem ist die Nadeltherapie nur in der Hand von erfahrenen Akupunkteuren als risiko- und nebenwirkungsarm einzuschätzen.
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