12.10.2005

Krebsentstehung

Besonders häufig tritt Krebs in Organen auf, in denen dauernd Zellen absterben und erneuert werden müssen. Jeden Tag werden abgestorbene Hautzellen als kleine Schüppchen abgestoßen, Blut-, Darm- oder Leberzellen sterben milliardenfach „im Dienst“ ab, werden beseitigt und durch frische Zellen ersetzt. Diesen Nachschub liefern Stammzellen, die in den meisten Organen existieren: Diese Zellen haben die Fähigkeit sich zeitlebens durch Teilung zu vermehren. Eine von zwei Tochterzellen bleibt jeweils Stammzelle, die andere kann sich je nach Organ in weiteren Teilungen vieltausendfach vermehren und zu einer benötigten spezialisierten Zelle entwickeln. Ohne Stammzellen und ihre Teilungsfähigkeit würden wir kaum länger als ein paar Monate leben.

Doch gerade die Fähigkeit zur Teilung bedeutet ein unvermeidbares Risiko: Normalerweise ist durch eine Reihe von Schutzvorkehrungen im Erbgut sichergestellt, dass Stammzellen und ihre Nachkommen sich nur so lange teilen, solange tatsächlich Bedarf an Nachschub existiert. Doch diese Kontrollmechanismen können durch Genveränderungen so beschädigt werden, dass Krebs entstehen kann. Es beginnt harmlos: Durch einen ersten Schaden teilt sich eine Zelle häufiger als sie es sollte oder sie stirbt nicht wie vorgesehen ab. Es bildet sich eine kleine Zellansammlung. Dann kommt es irgendwann bei einem der Nachkommen, die ja alle diesen ersten Defekt geerbt haben, zu einem weiteren Genschaden. Der sorgt dafür, dass die Nachkommen dieser Zelle sich noch besser durchsetzen können, sich noch häufiger teilen und bald die Oberhand über die unveränderten Zellen gewinnen – so lange, bis erneut eine Zelle einen weiteren Schaden erleidet. Auf diese Weise wächst in einem jahrelangen Prozess von Zellgeneration zu Zellgeneration ein immer stärker entarteter Tumor heran. Während der langsamen Entwicklung hat ein Tumor genügend Zeit, sich an das Immunsystem anzupassen. Denn es gehört zu den Aufgaben der Krankheitsabwehr, heranwachsende Krebszellen zu erkennen und abzutöten. Wenn ein Tumor also weiter wachsen will, muss er sich gegen solche Angriffen des Immunsystems schützen.

Krebsforscher kennen heute bereits über 100 verschiedene Genschäden, die dazu beitragen können, dass sich aus einer Stammzelle Schritt für Schritt Krebs entwickelt. Charakteristisch für Krebs ist aber, dass ein einzelner Gendefekt nicht genügt, um Krebs entstehen zu lassen, sondern erst eine Kombination mehrerer Schäden die Krankheit gefährlich werden lässt. Von Patient zu Patient treten andere Kombinationen auf, die jedem einzelnen Tumor andere Eigenschaften und Fähigkeiten geben können.

Soll die Gefährlichkeit eines Tumors eingeschätzt werden, gehört zu den medizinisch entscheidenden Fragen, ob Tumorzellen in der Lage sind, sich abzulösen und anderswo im Körper als so genannte Metastase (Tochtergeschwulst) anzusiedeln. Typischerweise wächst ein Tumor zuerst nur innerhalb des Gewebes, von dem er abstammt, so lange bezeichnen Fachleute ihn als In-Situ-Karzinom (lateinisch in situ: am Ort). Weitere Veränderungen können dazu führen, dass er in benachbarte Gewebe einwächst, und deren Aufbau und Funktion zerstört. Ein Tumor in diesem Stadium heißt invasiv (eindringend). Solange ein Krebs jedoch nur an einer Stelle wächst, ist er in der Regel noch gut durch eine Operation oder Bestrahlung heilbar, wenn er vollständig entfernt oder abgetötet werden kann.

Sobald ein Krebs allerdings anderswo im Körper Tochtergeschwülste angesiedelt hat, d. h. seine Zellen an einer anderen Stelle im Körper einen weiteren Tumor bilden, wird er meist unheilbar, weil es mit den zur Verfügung stehenden Methoden, wie beispielsweise Chemotherapie, oft nicht gelingt alle entarteten Zellen abzutöten. Deshalb liegt das Ziel der Früherkennung darin, einen heranwachsenden Tumor zu erkennen, bevor er metastasiert.

Früherkennung kann nur dann erfolgreich sein, wenn sich ein Tumor an diese Reihenfolge der Entwicklungsschritte „hält“: Nur wenn ein Krebs so lange vor Ort wächst, dass er durch eine Untersuchungsmethode oder einen Test entdeckt werden kann, und erst später metastasiert, kann Früherkennung die Heilungschancen steigern (siehe Grafik „Heilungschancen durch Früherkennung – Krebstyp 1“).

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