12.10.2005
Gewebeuntersuchung
Der menschliche Körper ist aus schätzungsweise 200 verschiedenen Zelltypen aufgebaut. Jede Gruppe hat eine typische Form und Größe und ist im Gewebe mit anderen Zellen in ein charakteristisches Muster eingefügt: Leber-, Darmschleimhaut- oder Brustgewebe beispielsweise haben beim Blick durch ein Mikroskop einen bei allen Gesunden jeweils identischen Aufbau. Eine Begleiterscheinung von Krebs ist, dass Tumorzellen zum einen ihr ursprüngliches Aussehen verändern und zum anderen Gewebestrukturen durcheinander bringen oder zerstören. Beim Gebärmutterhalskrebs ist die Untersuchung von Schleimhautzellen, die mit einem Wattestäbchen aus der Scheide entnommen werden, eine seit Jahrzehnten verbreitete Methode der Früherkennung. Bei allen anderen Krebsarten werden Gewebeuntersuchungen jedoch erst später eingesetzt: Die Entnahme einer Gewebeprobe ist manchmal die letzte Möglichkeit, einen durch eine Krebsfrüherkennung ausgelösten Verdacht zu bestätigen oder zu widerlegen. Außerdem dient die Gewebeuntersuchung zur genauen Bestimmung einer Krebsdiagnose und der Abschätzung der Heilungschancen. Wichtiger Teil der Diagnose und Beurteilung eines Tumors ist deshalb der Blick durch ein Mikroskop, um Größe, Form und Aufbau von Zellen und ihre Verteilung im Gewebe zu begutachten. Diese Arbeit erledigen Fachärzte, die Pathologen. Ihnen wird das Gewebematerial zugeschickt, das wegen eines Verdachts auf Krebs oder während einer Tumoroperation entnommen wurde.
Funktionsweise
Pathologen gehen bei der Untersuchung schrittweise vor. Ihr wichtigstes Instrument ist das Mikroskop. Meist muss das Gewebe vor der Untersuchung aufbereitet und gefärbt werden. Die Details hängen vom Typ des Gewebes ab und von der Methode, mit der eine Gewebeprobe gewonnen wurde.
Je nachdem was für Gewebe entnommen werden soll, gibt es unterschiedliche Methoden. So werden Gewebeproben des Gebärmuttermundes etwa durch einen Abstrich mit einem Spatel, Tupfer oder einer kleinen Bürste gewonnen. Bei Verdacht auf Brustkrebs und Prostatakrebs werden Gewebeproben heute meist ohne größere Operation nur unter lokaler Betäubung mit einer Hohlnadel durch einen Stich in die verdächtige Region gewonnen. Die Nadel wird zum Beispiel unter Ultraschall-Kontrolle eingestochen. Entweder wird der Innenraum der Nadel bereits beim Einstoßen mit Gewebe gefüllt, oder eine Gewebeprobe wird durch Vakuum angesaugt (Vakuumstanzbiopsie).
Solche so genannten Feinnadelbiopsien liefern aber nur wenig Gewebe. Wenn eine größere Gewebeprobe benötigt wird, um einen zuverlässigeren Überblick über Größe und Aufbau eines Tumors zu geben, bleibt nur eine offene Biopsie, eine Operation, bei der oft unter Vollnarkose Gewebe zur Untersuchung entnommen wird.
Diese Gewebeproben müssen nach der Entnahme so aufbereitet werden, dass sie unter einem Mikroskop begutachtet werden können.
Bei kleineren Zellproben genügt dazu manchmal eine spezielle Einfärbung. Größere Gewebeknoten werden vor der Untersuchung jedoch erst in wachsähnlichen Lösungen (Paraffin) gehärtet, von denen dann dünne, nur wenige Tausendstel Millimeter dicke Scheibchen abgehobelt werden können. Diese Scheiben werden dann unter dem Mikroskop untersucht, man spricht von einer histologischen Untersuchung. Das Ergebnis bezeichnen Ärzte deshalb oft als Histologie: Gemeint ist damit, ob Krebszellen im Gewebe nachzuweisen sind, und wie stark sie bereits den Verbund stören. Der Begriff Zytologie bezeichnet den Aufbau der einzelnen Zellen.
Je nach Größe, Verteilung im Körper und Eigenschaften der Tumorzellen ordnen Pathologen einen Tumor dann in für jede Krebsart festgelegte Beurteilungskategorien ein, nach denen die exakte Diagnose gestellt und Heilungschancen abgeschätzt werden. International weit verbreitet ist die pTNM-Klassifikation. P steht für pathologisch (im Unterschied zu einer rein klinischen Klassifikation, also durch eine ärztliche Untersuchung). T ist die Abkürzung für Tumorgröße: Je nach Größe wird ein Knoten in eine von vier Größenklassen eingeordnet: T1 sind kleine, T4 große Tumore. N steht für die englische Abkürzung für Lymphknoten (node): N1 bedeutet, dass bereits Lymphknoten befallen sind, bei N0 sind die Knoten tumorfrei. M bezieht sich auf Fernmetastasen: M1 bedeutet, dass Absiedlungen in anderen Organen vorhanden sind, bei M0 gibt es noch keine.
Risiko
Wenn Gewebe entnommen wird, kann es in seltenen Fällen zu Entzündungen und Verletzungen kommen. Eine besondere Facette der Gewebeuntersuchung ist, dass die Begutachtung und Klassifikation von Gewebe immer auch ein Stück subjektiv sind und von der Präzision der Methoden, der Ausbildung und Erfahrung des Pathologen abhängen. Es kommt durchaus vor, dass zwei Pathologen bei der Beurteilung einer Gewebeprobe zu unterschiedlichen Diagnosen kommen. In schwierigen Fällen ist es deshalb sinnvoll, die Diagnose nicht nur einem einzigen Pathologen zu überlassen.
