12.10.2005
Nutzennachweis
Angesichts dieser Probleme ist es verständlich, warum Experten bei Früherkennungstests sehr gute Nachweise verlangen, dass die Teilnahme an der Untersuchung wirklich die Heilungschancen verbessert und für die Teilnehmer insgesamt mehr Nutzen als Schaden resultiert. Leider ist dieser Beweis nur schwierig zu erbringen, denn man sieht einem Tumor bei Diagnose nicht unmittelbar an, ob er heilbar ist oder nicht. Deshalb sind in der Regel wissenschaftliche – so genannte randomisierte kontrollierte – Studien notwendig. Deren Teilnehmer müssen bereit sein, sich per Los in zwei Gruppen aufteilen zu lassen (Randomisierung). Eine Gruppe dient als Kontrollgruppe. Ihr wird der Früherkennungstest nicht angeboten, während den Teilnehmern der zweiten Gruppen der Test angeboten wird. Dann registriert man genau, wie viele Teilnehmer in den beiden Gruppen an Krebs erkranken und sterben. Das bedeutet im Fall der Früherkennungstests, dass man Jahre warten muss, bis man beurteilen kann, ob sich die Zahl der Todesopfer unterscheidet. Und weil nur eine kleine Minderheit an einem bestimmten Krebs stirbt – und deshalb auch nur von Früherkennung profitieren kann – brauchen solche Studien Zehn- oder sogar Hunderttausende von Teilnehmern, um eindeutige Aussagen zu liefern. Studien dieser Art sind sehr aufwändig, langwierig und teuer. Das ist der Grund, warum bis heute nur wenige Früherkennungsmethoden in wirklich zuverlässigen Studien erprobt sind.
Doch solange der Nutzen eines Früherkennungstests nicht wirklich gut nachgewiesen ist, kann niemand sicher sein, dass nicht die durch die Untersuchung ausgelösten Schäden überwiegen. Das Risiko besteht durchaus: Wenn von 1 000 Probanden vielleicht nur fünf von der Früherkennung profitieren, können auch seltene Komplikationen bei den anderen 995 den Nutzen zumindest teilweise wieder zunichte machen. Gefahr für Komplikationen besteht vor allem für die Opfer einer Überdiagnose. Sie führt dazu, dass sich die Zahl der Krebskranken erhöht, die durch riskante Operationen und Chemotherapien behandelt werden. Hierbei können Komplikationen auftreten, die den Vorteil der Früherkennung zunichte machen.
Sofern es nach einer Krebsoperation tödliche Komplikationen gibt, werden diese Opfer oft nicht als „Krebstote“ gezählt, da die unmittelbare Todesursache eine andere sein kann, etwa eine Blutung. Solche Verschiebungen können leicht den Eindruck erwecken, als hätte die Zahl der Krebstoten durch verbesserte Heilung abgenommen. Um solche Irrtümer zu vermeiden, wird in guten Studien nicht nur Zahl der Toten, die an einem bestimmten Tumor gestorben sind, sondern auch immer die Gesamtzahl aller Todesfälle verglichen. Dieser Vergleich der Gesamtsterblichkeit gibt Auskunft darüber, ob Früherkennung wirklich „Leben rettet“ oder nur zu einem Austausch von Todesursachen führt. Beunruhigenderweise hat bis heute kein Krebstest den zuverlässigen Beweis erbracht, dass er das Leben der Teilnehmer verlängert.
