12.10.2005

Testfehler

Bedeutsamer werden die seelischen und gesundheitlichen Folgen für diejenigen, bei denen ein Früherkennungstest einen Fehler macht. Ein Blick auf ein einfaches Zahlenbeispiel veranschaulicht dies: Angenommen von 1 000 Teilnehmern an der Früherkennung haben fünf einen unentdeckten Tumor. Ein idealer Test würde diese fünf Tumore zuverlässig aufspüren, sodass sie behandelt und eventuell geheilt werden können, die übrigen 995 Freiwilligen könnten mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause gehen, keinen gefährlichen Krebs zu haben. Doch diese Treffsicherheit, Gesunde und Kranke präzise zu trennen, hat keine der heute verfügbaren Früherkennungsmethoden. Alle Tests verursachen zwei Fehler:

Der erste Fehler sind so genannte falsch-negative Befunde, das sind Tumore, die der Test übersieht. In unserem Beispiel bedeutet dies, dass ein Test von den fünf Tumoren, die er bei 1 000 Teilnehmern finden könnte, nur 2 bis 4 entdeckt. Fachleute verwenden für diese Rate den Begriff „Sensitivität“. Sie sagt aus, wie viele der Tumore ein Test tatsächlich richtig erkennt. Bei der Beurteilung, wie treffsicher eine Früherkennungsmethode ist, ist also die Angabe, wie oft ein Test Tumore übersieht, ein wichtiges Kriterium. Dass nämlich Früherkennungstests regelmäßig Krebs übersehen, hat für die Teilnehmer die unangenehme Konsequenz, dass sie auch nach einer Untersuchung, die keinen Verdacht ergeben hat, nicht ganz sicher sein können, keinen Krebs zu haben. Die Wahrscheinlichkeit hat sich in der Regel nur wenig verringert.

Schwerwiegende Auswirkungen haben übersehene Tumore für die Betroffenen, wenn sie den Krebs ein paar Wochen oder Monate nach dem Test selbst entdecken, weil sie einen Knoten ertasten oder Symptome spüren. Die Folge ist dann vor allem ein Vertrauensverlust in den Arzt, dem aus Enttäuschung oft unterstellt wird, er habe bei der Untersuchung nicht sorgfältig gearbeitet. Das ist zwar möglich, wenn ein Arzt nicht streng auf Qualität achtet, doch oft hat tatsächlich der Test versagt. Falsch-negative Krebstests sind mittlerweile eine häufige Ursache, warum enttäuschte Patienten hierzulande ihren Arzt verklagen. Umso wichtiger ist es deshalb für den Arzt, auf diese Fehlermöglichkeiten hinzuweisen.

Der zweite Fehler, den alle Früherkennungsmethoden machen, sind so genannte falsch-positive Befunde. Fachleute verwenden den Begriff „Spezifität“, für den Anteil der Gesunden, bei denen ein Test zutreffend einen normalen Befund liefert. In der Praxis eingesetzte Tests liefern in der Regel bei 90 bis 95 Prozent der gesunden Teilnehmer richtigerweise keinen Verdacht auf Krebs. Bezogen auf 995 Teilnehmer ohne Tumor bedeutet das, dass 50 bis 100 eigentlich Gesunde den Befund „vielleicht krebskrank“ erhalten. Allerdings fällt diese Bilanz von Testverfahren zu Testverfahren sehr unterschiedlich aus.

Bei der Beurteilung, wie treffsicher eine Früherkennungsmethode ist, ist die Angabe, wie oft eine Untersuchung einen Krebsverdacht auslöst, der sich dann nicht bewahrheitet somit ebenfalls entscheidend. Das Beispiel macht deutlich, dass es bei Früherkennungstests unter den positiven „Verdachts“fällen immer erheblich mehr falsche als richtige Befunde gibt. Anders ausgedrückt: Meist bestätigt sich ein erster Krebsverdacht nicht. Diejenigen, die einen „positiven Befund“ erhalten, können davon ausgehen, dass sich der Verdacht in etwa neun von zehn Fällen wieder erledigt, auch diese Bilanz schwankt von Testverfahren zu Testverfahren. Bei der Beurteilung, wie treffsicher eine Früherkennungsmethode ist, ist also die Angabe, wie wahrscheinlich es sich tatsächlich um Krebs handelt, wenn ein Arzt eine Auffälligkeit findet, unbedingt zu berücksichtigen. Experten nennen diese Angabe den „positiven Vorhersagewert“.

Wie schwer die Auswirkungen des falschen Alarms wiegen, hängt sehr von den Einzelheiten ab: Manche Betroffenen müssen monatelang warten, bis der Verdacht widerlegt werden kann. Oft gibt es weitere Untersuchungen, die zumindest Zeit kosten oder, wenn Operationen zur Gewebeentnahme nötig werden, auch mit konkreten Gesundheitsrisiken verbunden sind. Hinzu kommt, dass Menschen die psychologischen Belastungen sehr unterschiedlich verarbeiten. Diese Gefahren lassen sich oftmals durch gute Aufklärung lindern. Wer ehrlich über die Grenzen eines Tests aufgeklärt wurde, kann mit dem Ergebnis besser umgehen.

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