12.10.2005

Bewusste Entscheidung

Früherkennungsuntersuchungen laufen manchmal ab, ohne dass Betroffene sich so recht darüber im Klaren sind, was eigentlich passiert. Der Muttermund-Abstrich (PAP-Abstrich) zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ist dafür ein Beispiel: Er wird von vielen Frauenärzten routinemäßig entnommen, ohne die Patientinnen ausdrücklich nach ihrem Einverständnis zu fragen oder sie ausführlich aufzuklären. Viele Frauen akzeptieren das oder haben sich daran gewöhnt.

Anders ist es, wenn man sich bewusst für eine Früherkennungsuntersuchung entscheidet. Die Bereitschaft setzt voraus, dass das Vertrauen in die eigene Gesundheit abhanden gekommen ist. Dann ist es sehr verständlich, dass man seine Unsicherheit mindern möchte, indem man sich durch einen Test bescheinigen lässt, „dass alles in Ordnung ist“.

Wenn ein Früherkennungstest dann tatsächlich ohne Befund ausgeht, bringt er Beruhigung (wenn auch nicht immer berechtigt), und das ist ein positives Erlebnis. Problematisch ist allerdings, dass es viele Kampagnen, Broschüren und Ärzte gibt, die gezielt durch einen trickreichen Umgang mit der Krebsstatistik versuchen, übertriebene Sorgen vor Krebs zu wecken, um zur Früherkennung zu motivieren. Je nachdem, wie man die Zahlen der Krebsstatistik präsentiert, kann man die Bedrohung durch Krebs leicht dramatisieren. Tatsächlich klingt die Gesamtzahl der Toten durch die verschiedenen Krebsarten auf den ersten Blick beängstigend. Allerdings verschweigt diese Darstellung, dass die Bedrohung durch Krebs aus Sicht des Einzelnen ganz anders aussieht. Wie groß das eigene Risiko ist, etwa in den nächsten zehn Jahren an einer bestimmten Krebsart zu sterben, hängt stark vom Alter ab, aber auch von anderen Risikofaktoren. Die Tabelle „Todesursachen von Frauen und Männern im Vergleich“ zeigt eine Abschätzung für alle hier beschriebenen Krebsarten, die auf US-amerikanischen Berechnungen beruht, im Vergleich mit anderen Todesursachen.

Die Zahlen zeigen, dass aus Sicht des Einzelnen die Bedrohung durch einen bestimmten Krebs doch nicht allzu groß ist. Von 1 000 Personen zwischen 50 und 70 Jahren werden etwa 3 bis 10 innerhalb der nächsten zehn Jahre an einem bestimmten Krebs sterben. Nimmt man alle Krebsarten zusammen, addiert sich die Summe auf bis zu 90 Opfer pro 1 000 Personen dieses Alters.

Und jeder Krebs ist nur eine von vielen Todesursachen. Das bedeutet: Die große Mehrheit wird auch ohne Früherkennung in absehbarer Zeit nicht an Krebs sterben. Es gibt keinen Grund für übertriebene Sorge. Bislang ist jedoch offen, ob die übertriebene Darstellung der Bedrohung durch Krebs nachhaltige psychologische Folgen für die Betroffenen hat.

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