12.10.2005

Darmkrebs

Bei Darmkrebs schätzen Experten, dass ein Fünftel der Tumore gehäuft in Familien auftritt. Dabei ist unklar, ob diese Häufung an einer ähnlichen Lebensweise oder an einer genetischen Anfälligkeit der Familienmitglieder liegt. Klar ist die Antwort nur bei zwei Erbkrankheiten, dem hereditären nicht-polypösen Krebssyndrom (HNPCC) und der familiären adenomatösen Polyposis (FAP). Experten schätzen, dass diese beiden Erbkrankheiten zusammen für etwa 6 von 100 Darmkrebsfällen verantwortlich sind.

Beim HNPCC-Syndrom ist das Risiko für Darmkrebs deutlich erhöht, weil Betroffene Defekte in bestimmten Genen tragen, die Schäden am Erbgut ausbessern sollen. Wenn diese Gene nicht einwandfrei funktionieren, steigt das Risiko, dass sich in schnell teilenden Schleimhautzellen Krebsmutationen ansammeln. In betroffenen Familien kommen außer Darmkrebs oft auch Krebs der Gebärmutter, des Dünndarms, der Harnwege, des Magens, der Leber, der Eierstöcke oder der Haut vor. Das HNPCC ist für etwa 5 von 100 Darmtumoren verantwortlich.

Die FAP ist seltener, sie ist die Ursache bei einem von 100 Darmtumoren. Ursache dieser Anfälligkeit sind Defekte im so genannten APC-Gen (Adenomatose polyposis coli). Das besondere Kennzeichen der FAP ist, dass Betroffene schon sehr jung Dutzende fortgeschrittene Polypen im Dickdarm aufweisen, manchmal sogar im Magen. Menschen mit diesem Genschaden erkranken auch häufiger an Schilddrüsen-, Dünndarm-, Leber- und Hirntumoren. Wenn die Darmpolypen nicht entfernt werden, entsteht bei fast allen Betroffenen bis zum 40. Lebensjahr Darmkrebs.

Für die Diagnose der FAP genügt meist schon ein Blick in den Darm: Mehr als 100 Polypen sind ein typisches Kennzeichen dieser Erbkrankheit. Schwieriger ist der Nachweis eines HNPCC-Syndroms. Denn hierbei ist die Zuordnung zu einem konkreten Gendefekt noch nicht möglich. Eine Analyse von Ärzten in Deutschland zeigt, dass in Familien, in denen Darmkrebs gehäuft auftritt, oft keine Veränderungen der bekannten Darmkrebsgene gefunden werden können. Experten gehen deshalb davon aus, dass es weitere Darmkrebsgene gibt, die bislang noch nicht entdeckt sind.

Das Risiko, vom HNPCC-Syndrom betroffen zu sein, hängt von der familiären Situation ab. Ein genetischer Test kommt in Betracht, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:

  • ein Dickdarmtumor vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert wird oder eine bestimmte Variante (MSI-H-Tumor) vor dem 60. Lebensjahr.
  • ein Patient gleichzeitig oder nacheinander an verschiedenen für HNPCC typischen Tumoren erkrankt.
  • bei mindestens einem Verwandten ersten Grades außer einem für HNPCC typischen Tumor auch Darmkrebs gefunden wird und mindestens ein Tumor vor dem 50. Lebensjahr auftritt.
  • bei mindestens zwei Verwandten ersten oder zweiten Grades außer einem für HNPCC typischen Tumor auch Darmkrebs gefunden wird, unabhängig vom Alter.

Doch auch wenn diese Kriterien zur Auswahl von Personen für einen genetischen Test angewendet werden, wird oft keine Genveränderung gefunden.

Wenn eine Veränderung in einem Darmkrebsgen gefunden wird, kommen drei Strategien in Betracht, um Darmkrebs vorzubeugen oder zumindest früh zu erkennen.

Die erste Möglichkeit sind erweiterte Früherkennungsuntersuchungen, die zudem wesentlich häufiger stattfinden als bei Personen mit durchschnittlichem Risiko. Deutsche Experten schlagen bei Männern und Frauen mit nachgewiesenem HPNCC-Syndrom folgendes Früherkennungsprogramm vor, das ab dem 25. Lebensjahr oder fünf Jahre vor dem frühesten Erkrankungsalter in der Familie beginnen sollte: Einmal im Jahr eine komplette körperliche Untersuchung, eine Darm- und eventuell auch eine Magenspiegelung, Ultraschalluntersuchungen und bei Frauen auch eine Untersuchung der Geschlechtsorgane.

Bei FAP-Patienten beginnt die Früherkennung bei Zehnjährigen: einmal im Jahr eine Kombination aus körperlichem Check und Ultraschalluntersuchung. Hinzu kommt eine jährliche Spiegelung des Enddarms (siehe unter „Sigmoidoskopie“), die auf den gesamten Dickdarm (siehe unter „Koloskopie“) ausgedehnt wird, sobald der erste Polyp entdeckt wird. Ab dem 30. Lebensjahr werden außerdem alle drei Jahre Spiegelungen von Magen, Speiseröhre und Zwölffingerdarm empfohlen.

Die zweite Strategie zur Vorbeugung ist eine Operation, um den gesamten Dickdarm (bei FAP) und eventuell auch Eierstöcke und Gebärmutter (bei HNPCC) zu entfernen. Als dritte Möglichkeit wird derzeit die so genannte Chemoprävention mit Medikamenten erprobt.

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