Neue Bahntarife: Weichen neu gestellt
Wenn das kein Beweis für die Macht der Verbraucher ist: Die Bahn hat ihr umstrittenes Tarifsystem nachbessern müssen. Jetzt reisen viele Kunden preiswerter als bisher.
Die Deutsche Bahn hat eine bittere Erfahrung machen müssen: Mit leeren Zügen lässt sich kein Geld verdienen. Selbst für das Monopolunternehmen war der Druck der (Nicht-)Fahrgäste zu stark. Angesichts der „Akzeptanz-Probleme bei den Kunden“ ist Bahnchef Hartmut Mehdorn jetzt zu Nachbesserungen am Tarifsystem bereit. Schon ab 1. August treten kundenfreundliche Neuerungen in Kraft:
- Für Vielfahrer: Flexibles Bahnfahren zum halben Preis wird wieder möglich. Die Bahncard mit 50 Prozent Rabatt kommt erneut zum Zuge. Allerdings zu Preisen, die im Vergleich zum Vorjahr um mindestens 42,8 Prozent erhöht wurden. Dafür bietet die neue Halbpreis-Karte aber mehr als die alte: Die Rabatte für Bahncard und Mitfahrer sind jetzt kombinierbar. Und Kinder bis 14 Jahre dürfen gratis mitreisen.
- Für alte Stammkunden: Ein echtes Schnäppchen machen diejenigen, die sich noch Ende letzten Jahres die alte, preisgünstige Bahncard für ein Jahr gesichert hatten. Mitfahrerermäßigung und kostenlose Kindermitnahme gelten jetzt auch für diese Karten – eine versöhnliche Geste der Bahn an ihre besten Kunden.
- Für Ganz-viel-Fahrer: Die bisherige Netzkarte nennt sich künftig „Bahncard 100“ (neue, reduzierte Preise für 2. Kl./1.Kl.: 3 000 Euro/5 000 Euro). Kinderfreundlich: Familienangehörige erhalten eine Bahncard 25 als kostenlose Zugabe.
- Für Planer und Sparer: Übersichtlicher wird das Angebot der umstrittenen Kontingentpreise, die fest an bestimmte (Fern-) Züge gebunden sind. Plan&Spar 10 (für einfache One-way-Reisen) fällt weg; Rabatte gibts nur noch für Hin- und Rückfahrten. Positiv: Die Ermäßigung für Reisen übers Wochenende steigt von 40 auf 50 Prozent. Künftig sind zu diesen Preisen auch Tagesausflüge am Wochenende möglich. Die Frühbucherfrist sinkt von sieben auf drei Tage.
Hartmut Mehdorn hat das Motto ausgegeben: „Einfach einsteigen – einfach sparen!“ Allzu wörtlich sollte man ihn aber besser nicht nehmen. Sonst drohen hohe „Bordpreise“. Plan &Spar- und Mitfahrerrabatte verkauft das Zugpersonal nicht.
Wirklich einfacher?
Worauf Mehdorn tatsächlich hinweisen wollte, sind Vereinfachungen im Tarifsystem: „Wir haben verstanden, dass vielen Kunden die Kombinierbarkeit von Bahncard und Rabatten ganz offensichtlich zu kompliziert erscheint.“ Diese Kombinierbarkeit mit Plan&Spar will der Bahnchef deshalb ab 30. September 2004 abschaffen.
Waren die Kunden also nur zu dumm zum Rechnen? Sicherlich nicht. Wir meinen: Tatsächlich haben viele Fahrgäste die Plan&Spar-Tickets gemieden, weil sie die strengen und riskanten Restriktionen nicht akzeptieren konnten oder wollten.
Die Stiftung Warentest hatte die Kombinierbarkeit der Rabatte immer als Vorteil des neuen Tarifsystems betrachtet. Fällt sie im nächsten Jahr weg, würde diese scheinbare Vereinfachung den Kunden und Beratern das Leben in der Praxis oft erschweren. Bei vielen Reisen müssten sie prüfen, ob die Kunden mit Bahncard oder mit Plan&Spar günstiger reisen. Mancher stolze Bahncard-25-Besitzer müsste dann die ärgerliche Erfahrung machen, dass er billiger ans Ziel kommt (mit Plan&Spar 50), wenn er seine Bahncard in diesem Fall nicht nutzt.
In vollen Zügen genießen?
Weiteres Problem: Eigentlich will die Bahn mit Plan&Spar möglichst viele Kunden in leere Züge lenken. Können Bahncard-Kunden ihre Rabatte nicht mehr mit Plan&Spar kombinieren, hätten sie kaum Anreize, die Hauptverkehrszeit zu meiden. Wir meinen: Darüber werden die DB-Manager noch nachdenken müssen. Je mehr Menschen jetzt wieder auf die Bahn umsteigen, desto wichtiger wird es, überfüllte Züge zu vermeiden.
Dass einfachere Tarife nicht kundenfreundlicher sein müssen, zeigt sich auch bei den Preisen für die Bahncard 50: Einen Ermäßigungstarif gibt es zwar, aber keinen speziellen mehr für Jugendliche und Familien. So sollen Eltern für einen 15- bis 17-jährigen Sprössling künftig 100 statt 35 Euro zahlen – eine Preissteigerung von 185 Prozent! Wer seine vierköpfige Familie mit älteren Kindern mit Bahncard 50 ausstatten will, muss 500 Euro zahlen. Zum Vergleich: Die alte Familien-Bahncard brachte zwar weniger Vorteile, kostete für vier Personen aber nur 40 Euro. Da lohnte sich die Anschaffung oft schon bei einer einzigen Reise.
Problematisch ist die Vernachlässigung junger Menschen vor allem deshalb, weil diese „Kunden von morgen“ der Bahn eigentlich besonders am Herz liegen müssten. Andere Bahngesellschaften sind bei speziellen Angeboten für diese Zielgruppe kreativer. Beachten sollten junge Leute die Sonderangebote.
Für Neukunden attraktiv?
Mehr einfallen lassen muss sich die DB in Zukunft auch, um die (an flexibles Reisen gewöhnten) Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Ein Hemmschuh: Wer kurzfristig überlegt, mit dem Zug einen Wochenendausflug zu unternehmen, hat Pech gehabt. Last-Minute-Bahnfahren im Fernverkehr ist (ohne Bahncard) relativ teuer. Denn Plan&Spar-Rabatt gibts nur für diejenigen, die mindestens drei Tage vorher buchen und die strengen Restriktionen akzeptieren. Früher konnten die DB-Berater Menschen mit spontanem Reisewunsch zum Beispiel das Guten-Abend-Ticket, den Super-Sparpreis oder das Twen-Ticket anbieten. Heute stehen sie selbst dann mit weitgehend leeren Händen da, wenn in den Zügen viele Plätze frei bleiben.
test-Kommentar: Die Nachbesserungen am Tarifsystem bringen für viele Fahrgäste erfreuliche Verbesserungen – vor allem für Stammkunden. Das ist ein gutes Signal. Andererseits: Fürs Anlocken passionierter Autofahrer hat die DB im Fernverkehr zum Teil schlechtere Karten als im Regionalverkehr. Und auf langen Strecken ist sie gegenüber den Billigfliegern immer öfter nicht mehr konkurrenzfähig. Die von der Bundesregierung versprochene Senkung des Mehrwertsteuersatzes ist eine wichtige Hilfe, um mehr Menschen zum Umsteigen zu bewegen. Jede Anstrengung lohnt: Die Bahn ist unser umweltschonendstes und sicherstes Verkehrsmittel.
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