28.09.2005

Wärme- und Kältetherapien

Wärme und Kälte wurden schon immer, der Erfahrung folgend, als Behandlungsmittel eingesetzt.

Die akuten Wirkungen sind offenkundig: Schmerzende Gelenke werden so lange gerieben, bis sie warm sind und sich wieder besser bewegen lassen, verbrannte Haut wird ins kalte Wasser gehalten, bis der Schmerz nachlässt. Die Langzeitwirkungen zielen darauf, durch Wärme und Kälte die Regelkreise des Körpers und seine Funktionen zu beeinflussen und so Krankheiten vorzubeugen oder ihre Behandlung zu unterstützen.

Als Behandlungsmethode, die mit Temperaturreizen arbeitet, die vor allem durch Wasser übertragen werden, erlangte im deutschsprachigen Raum ab dem 19. Jahrhundert die Kneipptherapie einen großen Bekanntheitsgrad.

Die Wechselanwendung von Wärme und Kälte – im asiatischen Raum in Form der Schwitzhütte, im Norden Europas als Sauna – dient der Gewebereinigung und der Abhärtung. Dadurch soll sich die Krankheitsbereitschaft verringern. Abwechselnde Wärme- und Kältereize trainieren zudem den Kreislauf, das vegetative Nervensystem und die Muskulatur der Blutgefäße und regen das Immunsystem an.

Bei einer Überwärmung, beispielsweise durch ein heißes Bad, wird dem Körper mehr Wärme zugeführt, als er selbst erzeugen kann. So wird die Körperkerntemperatur etwas angehoben. Das soll den Körper darin unterstützen, Krankheitserreger rasch unschädlich zu machen.

Wärme tut gut

Wärme weitet die Blutgefäße und fördert die Durchblutung. In der Folge entspannen sich die Muskeln. Das befreit die Nervenbahnen von schmerzhaften Druckreizen. In der Haut liegende temperaturempfindliche Nervenenden leiten die Wärmereize über Schaltstellen im Rückenmark und im Gehirn an das Schmerzzentrum weiter. Die dort ausgelösten chemischen Prozesse dämpfen das Schmerzempfinden zusätzlich. Wärme regt den Zellstoffwechsel an, reguliert die Produktion von Stresshormonen und wirkt wohltuend auf die Psyche.

Kälte regt an

Bei einem kurz dauernden Kältereiz ziehen sich die Blutgefäße zusammen, die Muskeln spannen sich an. Ist der Reiz abgeklungen, werden die Blutgefäße weit gestellt, die Muskeln entspannen sich wieder. In der Folge fühlt sich der Bereich längere Zeit anhaltend warm und angenehm entspannt an.

Kälte wirkt zudem schmerzlindernd, weil die für das Empfinden von Kältereizen zuständigen Nerven ihre Botschaft rascher zum Gehirn senden als die schmerzleitenden Nervenbahnen. In einem stark unterkühlten Hautgebiet werden weder Kälte noch Schmerz empfunden.

Kälte regt den Herzschlag an. Dadurch sinkt die Körperkerntemperatur nicht so rasch ab. Kälte hemmt außerdem vorübergehend die Tätigkeit der Hormondrüsen und regt den Darm an. Kälte wirkt blutstillend und abschwellend. Überdies wirkt der Kältereiz auf Reflexzonen der Haut (Head-Zonen) und über die Reflexbahnen auf entfernte Körperbereiche. So überträgt sich die Kältewirkung auch dorthin. Die Muskelspannung erhöht sich, die Durchblutung verringert sich.

Richtige Anwendung

Akute und schmerzhafte Krankheitszustände werden mit Kälte behandelt, chronische, nichtentzündliche Erkrankungen hingegen mit Wärme oder allenfalls mit kurz einwirkender Kälte.

Eine fachkundige Wärmebehandlung berücksichtigt, wie alt der Behandelte und wie dick seine Haut in dem betroffenen Bereich vermutlich ist. Auch die Tageszeit, zu der behandelt wird, spielt eine Rolle. Wickel und Packungen werden üblicherweise dem im Bett liegenden Patienten für etwa 45 Minuten angelegt. Soll der ganze Körper behandelt werden, eignen sich Wasser-, Schlamm- oder Moorbäder. Nach dem Bad sollen die Patienten noch eine halbe Stunde zugedeckt ruhen.

Wenn bei einer Wärmebehandlung die Körpertemperatur plötzlich ansteigt, der Betreffende nicht schwitzt, aber Kopfweh und Brechreiz auftreten, besteht das Risiko einer Ohnmacht. Dann sollte er mit kalten Güssen abgekühlt werden und danach, ohne sich abzutrocknen, zugedeckt ruhen.

Für kalte Güsse, Wechselbäder und Wechselduschen dient Wasser mit einer Temperatur von etwa 12 bis 15 °C. Eine andere Form der Kältetherapie ist es, barfuß in fließendem Wasser, Tau oder Schnee zu laufen.

Eispackungen und Gelkompressen aus dem Tiefkühlfach werden nur für eine Minute auf die Haut, die vorher mit einem dünnen Tuch geschützt wurde, aufgelegt. Dann lässt man die Haut vier Minuten ohne die Kältepackung aufwärmen und wiederholt die Prozedur insgesamt fünfmal.

Vor einer Kälteanwendung müssen Körper und Füße gut durchwärmt sein, der Raum darf nicht unter 20 °C temperiert sein. Wenn sich die Haut während der Behandlung nicht rötet oder sogar weiß wird oder der Behandelte zu frieren beginnt, muss die Anwendung gestoppt werden und die Person sich sofort aufwärmen. Nach der Kältebehandlung sollte der Körper immer wieder gut durchwärmt werden.

Temperatur braucht einen Vermittler

Wärme und Kälte benötigen ein Medium, das sie an den Körper heran- oder in ihn hineinbringt. Ein idealer Temperaturträger ist Wasser. Zum Beispiel lässt sich mit einem Wasserguss an den Unterschenkeln ein Kältereiz setzen, durch eine Eispackung kann Kälte einen schmerzenden Zahn beruhigen. Als Hausmittel werden Auflagen aus Kartoffelbrei oder Quark eingesetzt, um entzündeten Hautbereichen Wärme zu entziehen.

Wärme kann unter anderem als Wickel, Packung, Wärmflasche und Bad angewendet werden. Feste Materialien wie Moor, Lehm, Erde und Fango – so genannte Peloide, die aus organischen und mineralischen Substanzen bestehen – halten Wärme besonders lange. Auch Gelpackungen können Wärme und Kälte übertragen.

Die wechselnde Anwendung von Wärme und Kälte erfolgt zum Beispiel als Wechseldusche im Rahmen der Kneipptherapie oder als Dampfbad oder Saunagang mit anschließendem Kaltbad.

Wärme kann den Körper auch in Form von elektromagnetischer Strahlung, zum Beispiel als sichtbares Licht, erreichen. So wird beispielsweise bei der Lichttherapie die natürliche Strahlungswärme der Sonne genutzt. In der physikalischen Medizin kommen künstliche Quellen wie Infrarotstrahlung, Ultraschall und Hochfrequenzstrahlung zum Einsatz.

Viele Einsatzgebiete

Wärme wird bei Erkältungen, Grippe, Unterleibsschmerzen, Ischiasbeschwerden, Muskelverspannungen, Nervenentzündungen, Gelenkschmerzen sowie Nieren- und Blasenleiden eingesetzt. Eine Überwärmungstherapie soll dem Körper bei der Abwehr von Erkältungskrankheiten und Grippe helfen.

Kälte stillt Blutungen, mindert Schwellungen und Blutergüsse, hilft bei akuten Schmerzzuständen, Entzündungen und entzündlichen Gelenkerkrankungen. Eisbeutel können Kopfschmerzen und Muskelverspannungen lindern.

Grenzen der Anwendung

Personen mit gestörtem Temperaturempfinden, zu denen unter anderem viele Diabetiker gehören, dürfen solche Behandlungen allenfalls unter ärztlicher Aufsicht durchführen. Da sie die Grenzen der Verträglichkeit nicht selbst spüren, kann es zu Verbrennungen bzw. Erfrierungen kommen.

Wärme- und Kältetherapien sollten nicht eingesetzt werden, wenn Arzneimittel eingenommen werden, die die Blutgefäße weit stellen und/oder den Blutdruck senken.

Wärmeanwendungen oder ein Saunabesuch sind kurze Zeit nach anstrengendem Sport oder ausgiebiger Mahlzeit zu meiden. Da starke Wärme zudem das Herz belastet, sollte vor der Anwendung ärztlich abgeklärt werden, ob die Behandlung angebracht ist.

Bei Entzündungen innerer Organe, Tuberkulose und Krebserkrankungen, Anfallkrankheiten und hochgradigen Gefäßveränderungen im Gehirn, sowie bei Hämorrhoiden und Krampfadern dürfen Wärmebehandlungen nicht durchgeführt werden; sie können die Krankheit verstärken.

Kälte sollte bei Harnweginfektionen, Reizblase, Ischiasbeschwerden, entzündlichem Rheuma und während der Menstruation gemieden werden, um die Beschwerden nicht zu verstärken. Bei kalten Händen, Schwächezuständen, Bluthochdruck, Katarrhen, Herzstörungen, Vergrößerung der Schilddrüse, erhöhtem Augeninnendruck, Neuralgien, nervösen Störungen, Neigung zu Gefäßkrämpfen und Lähmungen sollten ebenso wenig kalte Güsse angewendet werden.

Weitere Angebote