28.09.2005

Reiz- und Regulationstherapien

Bei einer Reiz- und Regulationstherapie wird der Körper durch Maßnahmen, die ohne Arzneimittel auskommen, zu Reaktionen angeregt, die seine gestörten Funktionen wieder ins Gleichgewicht bringen und ihn stärken sollen. Hierdurch wird der Behandelte in die Lage versetzt, krank machenden Einflüssen mehr Widerstand entgegenzusetzen als bisher.

Reiz- und Regulationstherapien bauen auf der Überzeugung auf, dass sich die Natur vielfach selbst reguliert, zum Beispiel wenn ein kranker Körper durch Ruhe und Schonung seine Kräfte sammeln und so einen Infekt abwehren kann. Darüber hinaus setzt dieses Therapieprinzip auf die jedem Menschen in gewissen Grenzen gegebene Fähigkeit, sich gesund zu erhalten. Diese Selbstheilungskräfte sind individuell mehr oder weniger stark ausgeprägt und können durch therapeutisches Eingreifen angestoßen und unterstützt, aber auch behindert werden.

Die Verfahren verfolgen das Prinzip, dass jeder seine Gesundheit selbst in die Hand nehmen muss. Die Menschen sind herausgefordert, sich nicht länger passiv einer Behandlung zu überlassen, sondern aktiv zu werden, indem sie zum Beispiel ihren Körper regelmäßig beanspruchen und ihre Ernährung und ihren Tagesablauf bewusst gestalten.

Die Selbstheilungskraft reizen

Als Reizmittel dient vieles, was in der Natur vorkommt: Wärme und Kälte, Wasser, Licht, Luft und Klimawechsel. Auch Bewegung, zum Beispiel ein Lauf- oder Schwimmtraining, oder der gezielt gelenkte Atem sind Mittel einer Reiztherapie.

Fasten oder eine grundlegende Umstellung der Ernährung können dem Körper ebenfalls den Anstoß geben, seine Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Von immunstimulierenden Pflanzenmitteln erhofft man sich einen ähnlichen Effekt. Auch die Homöopathie gilt manchen als Reiz- und Regulationstherapie.

Sogar Schmerzen können als Reizmittel fungieren. Schmerzen werden beispielsweise beim blutigen Schröpfen ausgelöst, wenn die Schröpfköpfe auf die eingeritzte Haut aufgesetzt werden. Aber auch der Schmerz und die Entzündungsreaktion, die eine Injektion hervorrufen, werden gezielt als Reizmittel eingesetzt.

Eine Kur, deren Anwendungen den Körper aktivieren, vereinigt mehrere „reizende“ Effekte. Darüber hinaus kann der Abstand vom Alltag, kombiniert mit professionell geleiteten Gesprächen, die Kurenden dabei unterstützen, ihre bisherige Lebensweise zu überdenken und eventuell neu zu ordnen.

Nah- und Fernwirkung

Auf Reize reagiert zunächst der Teil des Körpers, der direkt betroffen ist. Beispielsweise rötet sich die Haut, die durch das Einstechen einer Injektionsnadel verletzt wird. Die dadurch ausgelöste Entzündungsreaktion beschäftigt dann das Immunsystem. Auf diese Weise hat der Stich weit reichende Wirkungen. Zudem regt der Schmerz, den das Einstechen von Nadeln hervorruft, das vegetative Nervensystem an, jenen Teil des Nervensystems, der nicht der willentlichen Steuerung unterliegt. So kann der Injektionsschmerz andere Schmerzen überdecken. Mithin lassen sich mit einer Therapie, bei der etwas in den Körper gespritzt wird, mehr Wirkungen erzielen als die, die von dem injizierten Mittel zu erwarten sind.

Ein anderes Beispiel für eine Fernwirkung ist das Auflegen einer Wärmflasche am unteren Rücken. Dadurch rötet sich nicht nur die Haut an dieser Stelle, sondern es reagiert auch der innere Körperbereich mit den dazu gehörigen Organen, der mit der erwärmten Hautstelle über Nervenbahnen verbunden ist. Andere Reize, wie zum Beispiel Kalt-Warm-Wechselbehandlungen, wirken nicht nur auf einzelne Körperteile, sondern können das vegetative Nervensystem aktivieren und so die Durchblutung, die Wärmeregulation und das Hormonsystem beeinflussen.

Trainingseffekte

Die sofortigen Wirkungen (Akutwirkungen) solcher Behandlungen sind meist gering, ihre Stärke liegt im Langzeiteffekt. Diesen erreicht man, indem man den Organismus regelmäßig Reizen aussetzt, deren Stärke man schrittweise anhebt. An eine solche systematisch gesteigerte Belastung passt sich der Organismus nach und nach an (Adaptation). Über längere Zeit durchgeführt, ergibt das einen Trainingseffekt. Dieser hält nach dem Absetzen der Reize noch einige Zeit an, vergeht aber wieder, wenn der Reiz nicht regelmäßig erneut einwirkt.

Voraussetzung für das Gelingen einer Reizbehandlung ist, dass der Organismus noch ausreichend reagieren kann. Sodann muss die individuell richtige Dosierung gefunden werden. Diese hängt unter anderem vom Gesundheitszustand des Betroffenen und von seinem Alter ab. Darüber hinaus ist – je nach Verfahren – zu bedenken, dass die Effektivität mancher Reize mit der Tageszeit schwanken kann. Beispielsweise wirkt Wärme am späten Nachmittag intensiver als am Vormittag, weil die Schweißproduktion dann verstärkt ist. Die Schritte, mit denen die Intensität der Reize gesteigert wird, müssen den individuellen Bedingungen ebenso angepasst sein wie die Dauer der Anwendungen.

Die Grenzen dieser Verfahren sind erreicht, wenn die Regulationsmechanismen des Körpers erschöpft, Organe oder Gewebe zerstört sind. Hier kann die zusätzliche Belastung einer Reiztherapie dem Körper sogar schaden.

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