28.09.2005

Immunmodulation

Manche Behandlungserfolge von Naturheilverfahren lassen sich mit ihren Wirkungen auf das Immunsystem erklären. Sie regen das Abwehrsystem so an, dass der Körper in die Lage versetzt wird, seine Krankheit selbst zu bewältigen. Von Immunmodulation oder „Umstimmung“ spricht man, wenn dieses Körpersystem gezielt mit Wirkstoffen beeinflusst wird. Die Mittel, die dazu im Bereich der Naturheilkunde zum Einsatz kommen, werden oft als Umstimmungsmittel bezeichnet.

Eine immunmodulierende Behandlung besteht meist aus langsam gesteigerten Reizen, die das Abwehrsystem beantworten soll. Im Allgemeinen wechseln dabei Phasen ab, in denen das Immunsystem aktiviert oder eher gedrosselt ist. Im Ergebnis kann der Behandelte dann nach einer solchen Kur Anforderungen besser bewältigen als vorher. Gleichzeitig reagieren auch das Nerven- und Hormonsystem, sodass der Organismus insgesamt ein anderes Reaktionsniveau erreicht.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Immunmodulation ist, dass die Körpersysteme noch funktionsfähig sind und auf Reize reagieren können.

Schaltstelle Immunsystem

Wie eine solche Immunmodulation den Körper beeinflusst, erklärt sich mit dem Wissen über die Funktionen des Immunsystems. Darauf beziehen sich auch Komplementärmediziner, wenn sie die Wirkungen ihrer Verfahren zu erklären versuchen.

Der Körper wehrt sich gegen Unerwünschtes mit zwei Mechanismen: dem unspezifischen Abwehrsystem mit seinen angeborenen Reaktionen und dem spezifischen Abwehrsystem, das lebenslang dazulernt.

Das unspezifische Abwehrsystem wird durch Herausforderungen wie Krankheitserreger und Verletzungen angeregt. Es stoppt die Vermehrung von Viren in den Körperzellen, hemmt die Vervielfältigung von gesunden Zellen und Tumorzellen und bremst oder aktiviert Reaktionen des spezifischen Abwehrsystems.

Das spezifische Abwehrsystem reagiert auf Substanzen, die als fremd erkannt werden. Dieser Teil des Immunsystems bildet eine Art Gedächtnis aus, das sich an eine einmal geleistete Abwehrarbeit erinnert und bei einem erneuten Kontakt mit den entsprechenden Erregern sofort wieder aktiv wird. Auf diesem Prozess beruht die Immunität gegenüber vielen Krankheiten und der Schutz durch Impfungen.

Beispiele für Krankheiten, bei denen dieses vernetzte und von vielen Faktoren beeinflusste System gestört ist, sind Allergien und Autoimmunkrankheiten. Bei Letzteren hat der Körper seine Fähigkeit verloren, zwischen eigen und fremd zu unterscheiden, sodass er auch körpereigene Gewebe angreift. Zu den Autoimmunerkrankungen gehören die rheumatoide Arthritis, Typ-1-Diabetes, multiple Sklerose, eine Form der Schilddrüsenüberfunktion und einige Hautkrankheiten. Diesen Krankheiten, bei denen die Fehlfunktion des Immunsystems eindeutig nachzuweisen ist, stehen Störungen gegenüber, von denen manche Behandler vermuten, dass sie mit einer unspezifischen Immunschwäche zusammenhängen können und die sie dann auch in diesem Sinne behandeln.

Das Abwehrsystem ist eng verbunden mit anderen Körpersystemen, vor allem dem Nerven- und Hormonsystem. Die Forschungsrichtung, die sich mit diesem Netzwerk beschäftigt, zu dem auch die Psyche noch Wesentliches beiträgt, ist die Psychoneuroimmunologie. Hier wird untersucht, wie sich Empfinden, Erleben und Verhalten als Äußerungen des Nervensystems dem Gehirn mitteilen, welche Auswirkungen das auf das Hormon- und Immunsystem hat und wie Reaktionen dieser Körpersysteme andererseits auf das Befinden zurückwirken. Verbindungselemente dieser Systeme untereinander sind Nervenbahnen und Nervenschaltstellen. So sind die Organe des Immunsystems – Milz, Knochenmark, Thymusdrüse, Lymphknoten und Lymphbahnen – über Nervenfasern direkt mit dem Gehirn verbunden. Viele Zellen des Immunsystems liegen dicht neben Nervenzellen. Die Kommunikation der Systeme wird von Botenstoffen vermittelt. Meist handelt es sich dabei um Hormone oder hormonähnliche Substanzen; eine andere Gruppe von Überträgerstoffen sind die Neurotransmitter und Neuropeptide.

Die Stressreaktion ist ein Beispiel für die Verknüpfung der Reaktion aller drei Systeme. Auf das Signal „Stress“, das die Nerven aussenden, schütten beispielsweise die Nebennieren eine größere Menge des Hormons Kortisol aus. Dieses bewirkt, dass der Körper längere Zeit große Belastungen überstehen kann. Gleichzeitig wird aber durch einen hohen Kortisolspiegel das Immunsystem so beeinflusst, dass es in seiner Abwehrbereitschaft geschwächt ist und Infektionskrankheiten leichter Fuß fassen können. So erklärt sich, warum Menschen, die unter hohem Druck leben, leichter krank werden als solche mit einem geruhsamen Lebensstil. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sich aufgrund einer kontinuierlichen oder oft wiederholenden Überlastung des Körpers Autoimmunkrankheiten eher entwickeln können als bei einem ausgeglichenen Leben.

Aufbauend für die Abwehrkräfte wirkt demnach alles, was gut tut, stärkt und den Menschen wieder spüren lässt, welche inneren Kräfte er hat. Kaum etwas lähmt Geist und Körper mehr als das Gefühl, ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Auch die positiven Einflüsse von Befinden und Verhalten, zum Beispiel von Freude und Optimismus, lassen sich als biochemische Reaktionen messen.

Obwohl viele dieser Einzelfaktoren des Immunsystems messbar sind, ist damit noch nicht geklärt, was es für die Krankheitsbehandlung bedeutet, wenn man den einen Wert anhebt oder einen anderen absenkt. Wenn eine Maßnahme zur Immunmodulation dafür sorgt, dass im Immunsystem eine bestimmte Gruppe von Substanzen vermehrt gebildet wird, verursacht das im Gesamtorganismus eine komplexe Kettenreaktion. Was geschehen wird und wie sich das auswirken wird, ist schwer vorherzusagen. Es ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, je nach Tages- oder Jahreszeit verschieden und von der jeweiligen Krankheitsgeschichte des Betroffenen und der Reaktionsbereitschaft des Organismus abhängig. Zudem bestehen komplexe Rückkopplungsmechanismen, die zu paradoxen Reaktionen führen können. Außerdem kann, wenn die immunmodulierenden Faktoren in kurzer Zeit mehrfach angewendet werden, eine Toleranz hervorgerufen werden, durch die der krankheitslindernde Effekt verloren geht.

In die Abwehr eingreifen

Immunmodulierende Verfahren werden bei Immunschwäche, Autoimmunkrankheiten und Allergien angewendet und als Begleittherapie bei Krebserkrankungen.

Dass die Immunabwehr gestört ist, nimmt man bei einem Erwachsenen an, wenn er im Jahr mehr als drei Infektionskrankheiten hat, die jeweils länger als vier Wochen dauern und die Haut, Atemwege, den Darm oder den Harn- und Genitaltrakt betreffen. Üblicherweise lauten die Empfehlungen dann, ein- bis zweimal jährlich mit dem gewählten Behandlungsmittel eine Kur durchzuführen.

Solche ungezielten Eingriffe in die Immunabwehr haben allerdings mitunter auch negative Folgen. So können sich die Beschwerden zu Beginn der Behandlung verstärken. Die Anwender bezeichnen diesen Effekt als „Erstverschlimmerung“ und sehen darin ein Zeichen, dass der Körper auf die Therapie anspricht. Es ist allerdings auch möglich, dass es sich um eine Unverträglichkeitsreaktion handelt. Außerdem besteht die Gefahr, dass eine bisher nur als Anlage vorhandene Allergie oder Autoimmunkrankheit ausbricht. Bei einer begleitenden Krebsbehandlung ist es möglich, dass das Umstimmungsmittel das Krebswachstum eher anregt als bremst.

Darüber hinaus kann, wenn die immunologische Ausgangslage beim Patienten und die Auswahl und Dosierung des Mittels nicht genau aufeinander abgestimmt sind, die abnehmende Immunleistung, die zu Beginn einer Behandlung oft eintritt, den Betroffenen für Infektionen zunächst besonders anfällig machen.

Mittel zur Umstimmung

Die „Mittel“, mit denen das Immunsystem beeinflusst werden soll, lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: aktive und passive. Zu den aktiven Maßnahmen gehören die Verfahren, bei denen man selbst regelmäßig tätig werden muss, beispielsweise körperliches Training, Entspannungsübungen, Yoga, Kneipptherapie, Saunabesuche. Passiv bleiben diejenigen, die Umstimmungsmittel als Medikament anwenden oder ein therapeutisches Verfahren an sich vollziehen lassen. Zu diesen Methoden gehören beispielsweise Eigenblutinjektionen, Fiebertherapie, mikrobiologische Therapie inklusive der Autovakzine und Zelltherapien. Auch eine Reihe von Pflanzenmitteln dienen der Immunmodulation.

Die Dosierung der als Umstimmungsmittel eingesetzten Medikamente folgt dem Gedanken, dass eine geringe Dosierung eher aktiviert, eine hohe Dosierung das Immunsystem eher drosselt; der Häufigkeit der Anwendungen liegt die Überzeugung zugrunde, dass bei akuten Vorgängen oft behandelt werden muss, bei chronischen selten.

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