28.09.2005
Ethnomedizin
Die Ethnomedizin befasst sich mit Medizinsystemen, die außerhalb Europas entstanden sind, zum Teil aus längst vergangener Zeit stammen und deutlich von einer anderen Kultur und/oder Religion geprägt sind.
Schon in vergangenen Jahrhunderten haben sich die Entdecker fremder Kontinente für die Heilweisen der Menschen interessiert, denen sie auf ihren Reisen begegnet sind. Heute öffnet der weltweite Reisetourismus Menschen den Blick auf andere Heilsysteme, und Berichte in den Medien machen auf Heilerfolge aufmerksam, die man diesen fremden Methoden zuschreibt.
So sind zum Beispiel die Traditionelle Chinesische Medizin und die altindische Medizin des Ayurveda hierzulande bereits weit verbreitet. Inzwischen richtet sich das Interesse auch auf die tibetische Medizin, den Schamanismus und die Heilweisen der indigenen Völker Nord- und Südamerikas.
Unterschiede beachten
Fremde Medizinsysteme können die westliche Medizin bereichern, indem sie mit ihren Ideen, Denkweisen, Theorien und Erklärungsansätzen anregen, die eigene Heilweise zu überdenken. Sie können neue Behandlungsarten initiieren; pharmazeutische Firmen schöpfen aus dem Arzneischatz fremder Medizinsysteme Anregungen für neue Medikamente. Allerdings müssen diese Elemente gezielt ausgewählt und mit naturwissenschaftlichen Methoden auf ihre Nützlichkeit und ihre Unbedenklichkeit geprüft werden, bevor sie hierzulande Einsatz finden. Sie können nicht ohne Bedenken eins zu eins so eingesetzt werden, wie es in ihrem Ursprungsland üblich ist. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
- Jedes Medizinsystem ist immer ein Produkt des Landes, in dem es entstanden ist und in dem es über Jahrhunderte hinweg praktiziert wurde. Alle kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen spiegeln sich in ihm wider und weichen von denen, die unser Denken geprägt haben, zum Teil erheblich ab. Zwangsläufig unterscheiden sich auch die Krankheitsbilder und -verläufe von Kulturkreis zu Kulturkreis, von Epoche zu Epoche. Jede Medizin ist eingebettet in das Glaubenssystem ihrer Kultur. Dass Heiler und Patient an die Wirkung des verabreichten Mittels glauben, ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es hilft. Es ist sehr zweifelhaft, ob sich Behandlungserfahrungen aus anderen Gesellschaften und Kulturen unreflektiert übertragen lassen.
- Was von solchen fremden Medizinsystemen heute zu uns dringt, sind oft nur Bruchstücke. Das liegt unter anderem daran, dass viele Naturvölker keine schriftlichen Überlieferungen kennen. Sie dokumentieren ihre gesprochenen Worte nicht und dementsprechend auch nicht ihre Heilanwendungen. Meist wurde das Wissen mündlich an ausgewählte Stammesmitglieder weitergegeben, für die dieses Wissen ein wichtiger Beweis ihrer Kompetenz war. Wenn diese Heilweisen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden, geht der ganzheitliche Ansatz der Systeme verloren.
- Die von fremden Medizinsystemen übernommenen Versatzstücke, oder das ihnen zugrunde liegende Denksystem werden so lange verändert, bis sie zu dem des Einsatzgebiets passen. Das gilt für die im Westen praktizierte traditionelle chinesische Medizin ebenso wie für die Versuche, schamanistische Heilrituale zu kopieren. In den indigenen Gemeinschaften sind die Zeremonien an den Ahnenglauben und den Jahreszyklus gebunden. Abgelöst von den Bezügen zur Stammeskultur verlieren sie ihren Sinn und möglicherweise auch ihre Wirkung.
- Für die heute gebräuchlichen Krankheitsbezeichnungen finden sich in alten Schriften oder bei anderen Völkern nicht notwendigerweise entsprechende Bezeichnungen. Über die Anatomie des Körpers herrschten und herrschen teilweise noch immer Vorstellungen, die von den unsrigen abweichen. Auch Krankheiten wurden früher anders benannt als heute; in fremdartigen Medizinsystemen tragen sie teilweise andere Namen als bei uns üblich. Daher entspricht der Behandlungsansatz nicht dem der hiesigen konventionellen Medizin und birgt die Gefahr, dass Erkrankungen unbehandelt bleiben.
- Pflanzen als Heilmittel wurden selten in der bei uns heute üblichen Weise exakt botanisch bestimmt und gekennzeichnet. Es wurden und werden möglicherweise verwandte Pflanzen oder andere Pflanzenteile verwendet, die dann auch andere Wirkstoffe enthalten können. Die Indikationen, die für die Mittel angegeben wurden, sind nicht unbedingt mit denen gleichzusetzen, die bei uns heutzutage gebraucht werden. Dies birgt die Gefahr von Fehlbehandlungen.
Als grundsätzlicher Kritikpunkt kommt darüber hinaus hinzu: Überlieferte Arzneirezepturen können Pflanzen und teilweise auch Produkte von Tieren enthalten, die zu den schützenswerten Arten gehören. Da in den wirtschaftlich meist armen Herstellungsländern derartige ökologische Überlegungen hinter denen des Geldverdienens oft weit zurückstehen, besteht die Gefahr, dass beispielsweise die letzten frei lebenden Nashörner und Tiger getötet werden, um Teile ihrer Körper zu fragwürdigen Arzneimitteln für zahlungskräftige Kunden zu verarbeiten.
Bei vielen, aus fremden Kulturräumen importierten Produkten ist die Zusammensetzung nicht angegeben, andere sind unvollständig deklariert. Manche Produzenten verschweigen sogar wissentlich Informationen, weil ihnen klar ist, dass die Mittel in Europa nicht verkehrsfähig sind. In Überprüfungen sind vielfach hochwirksame synthetische Inhaltsstoffe sowie giftige und krebserregende Bestandteile nachgewiesen worden, die nicht angegeben wurden.
