28.09.2005
Sanft und nebenwirkungsfrei
Menschen, deren Krankheitssymptome abgeklärt werden müssen, durchlaufen im konventionellen Medizinbetrieb eine oft aufwändige, manchmal körperlich belastende, nicht selten langwierige Diagnostik, die dennoch nicht immer zu einer sicheren Diagnose führt. Behandlungen verursachen spürbare Nebenwirkungen. Zudem erschrecken die Patienten vor der Vielzahl der im Beipackzettel von Arzneimitteln aufgrund gesetzlicher Verpflichtungen aufgeführten möglichen Probleme. Ein Forscher berichtet, dass in Deutschland jährlich etwa 300 000 ältere Menschen wegen unerwünschter Wirkungen von Arzneimitteln ins Krankenhaus eingewiesen werden. Da verwundert der Wunsch nach sanften und nebenwirkungsarmen Therapien keineswegs.
Einen derart grundsätzlichen Anspruch erfüllt die komplementäre Medizin jedoch nicht. Nicht nur ihre Kritiker verweisen auf den Satz „Was wirkt, hat auch Nebenwirkungen“, sondern viele Verfahren akzeptieren diese Logik selbst, zum Beispiel indem sie von einer „Erstverschlimmerung“ nach den ersten Anwendungen sprechen. Allerdings sehen sie darin vornehmlich den Nachweis der Wirkung und weniger einen Hinweis auf unerwünschte Effekte. Ob sich diese Reaktionen für den Behandelten aber letztlich nicht doch nachteilig auswirken, ist bisher nicht erwiesen. So können sich bei einer immunmodulierenden Behandlung die Beschwerden zunächst verstärken. Handelt es sich dabei wirklich um eine „Erstverschlimmerung“, vergehen sie wieder; es kann sich bei diesen Symptomen allerdings auch um Vorboten einer ernsthaften Krankheit handeln.
Zudem darf man die Risiken nicht außer Acht lassen, die nicht den Verfahren selbst anzulasten sind, sondern darauf beruhen, dass dieser „zweite Gesundheitsbereich“ relativ ungeregelt und unkontrolliert ist. Wer sich in ärztliche Behandlung begibt, kann darauf vertrauen, dass der Therapeut eine festgelegte Ausbildung durchlaufen und sich verpflichtet hat, bestimmte Behandlungsstandards einzuhalten. Diese Sicherheit gibt es im komplementärmedizinischen Bereich nicht immer. Zum einen sind hier viele Nichtmediziner tätig, zum anderen ist die Ausbildung in den jeweiligen Verfahren vielfach ungeregelt. Oftmals liegt sie sogar in den Händen der Anbieter von Produkten oder Geräten, die die jeweiligen Methoden einsetzen.
Immer wieder werden daher Fälle bekannt, die aufzeigen, dass bei Weitem nicht alle derartigen Behandler selbstkritisch genug sind, die Grenzen ihrer Tätigkeit zu erkennen. Mitunter werden Gegenanzeigen für eine Behandlung nicht beachtet, weil das Wissen dafür fehlt. Wenn beispielsweise eine verlangsamte Blutgerinnung ein Grund ist, bestimmte chiropraktische Handgriffe nicht einzusetzen – wie will ein Chiropraktiker, der kein Mediziner ist, sicherstellen, dass er bei seinen Patienten die gesundheitlichen Bedingungen erkennt, aufgrund derer die Blutgerinnung derart verändert sein kann?
Ein weiteres Problem stellen die im komplementären Bereich vielfach eingesetzten Diagnosetechniken dar. Auch wenn sie selbst keine Nebenwirkungen haben – eine sichere Krankheitsdiagnose, die die Voraussetzung für eine angemessene Behandlung darstellt, ist mit ihnen allein nicht möglich.
