28.09.2005

Ganzheitlich und natürlich

Viele komplementärmedizinische Verfahren verwenden Begriffe wie ganzheitlich (holistisch) und natürlich. Das bedeutet, dass die Anwender dem subjektiven Befinden einen größeren Stellenwert einräumen als den Diagnosen, die auf konventionelle Weise gewonnen wurden. Sie wollen Kranke heilen, indem sie das „Ungleichgewicht“ zwischen Körper und Geist beheben, denn in diesem sehen sie die eigentliche Krankheitsursache.

Vielfach spielt bei solchen Verfahren die „Energie“ eine große Rolle. Es werden im Körper „Schwingungen“, „Rhythmen“ und „Resonanzen“ angenommen – wobei diese Begriffe nicht in naturwissenschaftlichem, sondern in einer Art spirituellem Sinn gebraucht werden –, und es wird vermutet, dass man diese beeinflussen kann. Auch durch verändertes Bewusstsein, wie es zum Beispiel die Technik des „positiven Denkens“ nahe legt, will man Krankheiten entgegentreten.

Den Begriff „Ganzheitsmedizin“ gibt es seit 1949. Mit ihm wurden „biologische“ und „naturheilkundliche“ Heilweisen gezielt mit einer neuen Bezeichnung versehen, um die vormalige Nähe dieser Methoden und ihrer Anhänger zu nationalsozialistischem Gedankengut zu verschleiern. In der Nachkriegszeit verstand man unter Ganzheitsmedizin vornehmlich naturgemäße Heilverfahren, die mit Wasser, Wärme, Kälte, Licht, Klima, Ernährung und Bewegung arbeiten. In den 1970er-Jahren war der Begriff das Synonym für die Kritik an einer „seelenlosen Apparatemedizin“ und umschloss alle Heilweisen, die anders waren als das, was an den Universitäten gelehrt wurde, die mit möglichst wenig Technik auskamen und die teilweise auch ökologische Ideen einbezogen. Seit in den 1980er-Jahren der Trend zur Abkehr von politischen Bekenntnissen und die Hinwendung zu sehr individuellen Lebensauffassungen begann, ist „ganzheitlich“ zum Sammelbegriff vieler verschiedener Einstellungen geworden.

Gemeinsam ist den Verfahren, denen solche Konzepte zugrunde liegen, dass sie sich zwar auf medizinische Sachverhalte stützen, im Grunde genommen aber eher eine Frage der spirituellen Ausrichtung, des Glaubens der Menschen darstellen. Das zeigt sich unter anderem in Überzeugungen wie: „Krankheiten haben einen Sinn, weil sie für Veränderungen bereit machen“ oder „Wenn Menschen die Gewissheit verlieren, dass ihr Leben einen Sinn hat, werden sie krank.“

Dass sich Körper, Geist und Seele gegenseitig beeinflussen, ist nicht nur der komplementären Medizin wichtig, sondern auch in der wissenschaftlichen Medizin unstrittig. Forschungsgebiete, die sich fachübergreifend mit diesen Verflechtungen befassen, sind beispielsweise die Psychoneuroimmunologie und die Psychoneuroendokrinologie. Derartige Grundlagenforschung trägt bereits vieles zum Verständnis von Gesundheit und Krankheit bei.

Das Fachgebiet, das sich den Zusammenhängen zwischen Psyche und Körper konkret widmet, ist die Psychosomatik. Mit den Einflüssen des sozialen Umfelds auf Gesundheit und Krankheit beschäftigt sich die Sozialmedizin. Diese Wissensgebiete werden in der universitären Medizin vermittelt, sie gehören zum Ausbildungsstandard eines jeden Mediziners. Daher ist von jedem „guten“ Arzt zu erwarten, dass er den Gesamtzusammenhang dieser verschiedenen Faktoren berücksichtigt, wenn er den Gesundheitszustand eines Patienten beurteilt und ihn behandelt, sodass eigentlich jede Art der Medizin – auch die konventionelle – eine ganzheitliche Herangehensweise sein sollte.

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